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Klare Worte, gute Worte: Die Leichtathletin Malaika Mihambo nimmt die Favoritenrolle im Weitsprung an. 

Deutsche WM-Favoritin im Interview

„Ich habe gelernt, mich besser zu verstehen“

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Weitsringerin Malaika Mihambo über ihren ganz eigenen Weg im Sport und im Leben und ihr Engagement abseits der Grube.

Frau Mihambo, wie groß ist die Last, als große Goldfavoriti angesehen zu werden?
Für mich ist das ein Ansporn. Ich möchte der Favoritenrolle unbedingt gerecht werden – und auch der Rolle, die man als Goldhoffnung in der Mannschaft einnimmt.

Sie wurden zwar 2018 Europameisterin, den ganz großen Durchbruch zur besten Weitspringerin der Welt schafften Sie aber erst in diesem Sommer. Wir erklärt sich Ihr enormer Leistungssprung?
Wichtig war, dass ich im Training seit 2018 verletzungsfrei durchgekommen bin. Ich hatte ja noch Defizite aus den beiden vorausgegangenen Verletzungsjahren. Inzwischen bin ich dabei, diese Defizite abzubauen. Ich bin kräftiger geworden, ich bin schneller geworden. Damit kann man sehr gut arbeiten. Dann ist es auch nicht mehr so erstaunlich, dass ich gleich 15 Zentimeter und mehr weiter springe.

Mit Ihrem vierten Platz bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ließen Sie erstmals international aufhorchen, dann warf Sie eine Verletzung zurück. Was war genau geschehen?
Da bin ich von der Treppenstufe abgerutscht und habe mir ein sogenanntes Sesambeinödem zugezogen. Das ist eine Verletzung, die eigentlich kein Mensch hat, und schon gar kein Sportler. Da gibt es auch keine Therapievorschläge. Das hätte wirklich das Karriere-Aus für mich sein können. Damals konnte ich länger Zeit gar nicht trainieren.

In dieser Saison präsentieren Sie sich in konstanter Topform, sprangen erstmals über sieben Meter. Weitere Flüge über die magische Marke folgten. Liegt das auch daran, dass man nach dem ersten Sieben-Meter-Sprung das nötige Selbstvertrauen für solche Höchstleistungen hat?
Grundsätzlich ist es so, dass ich in diesem Jahr sehr stark bin. Es nützt aber auch der stärkste Körper nichts, wenn der Kopf nicht mitmacht. Bei mir funktioniert diese mentale Stärke inzwischen sehr gut. Sie ermöglicht es mir, im Wettkampf meine Leistung bringen zu können. Das ist auch der Grund, warum ich schon häufiger über sieben Meter gesprungen bin – und nicht nur in einem Wettkampf.

Haben Sie diese mentale Stärke trainiert?
Ja. Seit 2018 arbeite ich mit einem Mentalcoach zusammen. Ich habe auch angefangen zu meditieren. Das hilft viel.

Inwiefern?
Das Konzentrationsniveau steigt. Man gewinnt dadurch Klarheit und Gelassenheit. Und damit betrachtet man auch das Leben noch einmal anders. Man hinterfragt, erkundet sich mehr. Man fragt sich: Was ist eigentlich mein Antrieb, was sind meine Motive? Was habe ich für ein Selbstbild? Passt das alles zu der Rolle, die ich einnehmen möchte, passt das zu einer Siebenmeter-Springerin?

Was passt zu einer Siebenmeter-Springerin?
Dass man an sich selbst glaubt, dass man daran glaubt, seine Ziele erreichen zu können. Und auch, dass das alles von Herzen kommt. Wichtig ist zudem, dass man die richtige Einstellung zu seinen Konkurrentinnen hat. Ich sage mir da: Sie sind gut, aber ich kann mindestens genauso fit sein.

Wie gut ist denn die aktuelle Konkurrenz?
Es sind in diesem Jahr auch schon andere über sieben Meter gesprungen: die Nigerianerin Ese Brume und die Amerikanerin Brittney Reese, die ja amtierende Weltmeisterin ist. Die beiden muss man natürlich vorne mit dabei sehen. Es gibt aber noch eine Menge andere, die – wenn sie den Balken gut treffen – über sieben Meter springen können. Die WM ist für mich sicher kein Selbstläufer. Natürlich habe ich in dieser Saison alle meine Wettkämpfe im Freien gewonnen, und ich hatte immer mindestens zwanzig Zentimeter Vorsprung auf die Zweite. Von daher habe ich Selbstvertrauen. Aber das ist nichts, worauf ich mich ausruhen kann.

Trotzdem: Sie werden überall als klare Gold-Favoritin gehandelt. Sehen Sie sich auch so?
Definitiv, ja. Es ist natürlich eine Leistung, unangefochten seine Wettkampfserie bestritten zu haben.

Sie haben in dieser Saison auch ungewöhnliche Sprintqualitäten offenbart. Mit starken 11,21 Sekunden wurden Sie bei der Deutschen Meisterschaft Dritte. Wie kommt’s, dass Sie so schnell geworden sind?
Das war so ein Nebenprodukt. Sprint ist natürlich immer wichtig für den Weitsprung. Deswegen habe ich auch daran gearbeitet. Jetzt lief es erstaunlich gut. Und wir werden nächstes Jahr den Sprint noch intensiver planen und trainieren.

Was macht mehr Spaß: Weitsprung oder Sprint?
Weitsprung ist das Gewohnte und auch die Disziplin, die ich besser kann und in der ich in neue Sphären gekommen bin. Das war natürlich toll, so eine außergewöhnliche Weitsprung-Saison bisher gehabt zu haben. Der Sprint bietet dagegen einen ganz anderen Reiz. Der Wettkampfablauf ist ganz anders. Ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, dass ich eine so gute Zeit laufe und die WM-Qualifikation schaffe. Das war sehr motivierend und inspirierend. Und es ist halt auch immer noch so eine zusätzliche Chance, die einem die Staffel bietet.

Bei dieser WM werden Sie aber nur im Weitsprung starten. Ihre Bestleistung liegt bei 7,16 Meter. Sie haben schon mehrfach anklingen lassen, dass Sie noch Möglichkeiten sehen, sich zu verbessern. Wo wollen Sie da ansetzen?
Ein Ziel ist, noch schneller zu werden und dabei gleichzeitig sprungfähig zu bleiben. Dann möchte ich noch meine Sprunghöhe steigern, damit ich die Flugphase verlängern kann. Und auch bei meinen Kraftwerte könnte ich noch etwas zulegen.

Für Sie ist der Sport ja nicht alles im Leben. Im vergangenen Jahr sind Sie mit dem Rucksack durch Indien. Sie haben danach erzählt, Sie hätten von diesem Erlebnis auch als Sportlerin profitiert. Wie ist das zu verstehen?
In Indien habe ich das Alleinreisen für mich entdeckt. Dabei habe ich festgestellt: Wenn man so lange in eine andere Kultur eintaucht, kann man auch neue Perspektiven für sich selbst entdecken. Ich habe da auch einen sehr intensiven Meditationskurs gemacht: Zehn Stunden am Tag, mit Schweigen, ohne Handy, kein Buch, kein Stift zum Schreiben, keinerlei Ablenkung. Damit bekommt man die Chance, eine Gelassenheit zu gewinnen, die man dann mit nach Hause nehmen und in den Alltag integrieren kann. Ich habe zudem gelernt, mich besser zu verstehen. Damit kann ich auch im Sport weiterkommen.

Was war dabei Ihre wichtigste Erkenntnis?
Ich bin auf Dinge gekommen, die mich gehindert haben, mich als Sportlerin voll zu entfalten. Ich habe zum Beispiel lange mit meiner Position als Athletin gehadert. Habe mich gefragt: Wo stehe ich im Vergleich zu meinen Konkurrentinnen? Ich hatte da auch die Tendenz, mich unterzuordnen und mir gedacht: Die kann ich eh nicht schlagen.

Sie haben noch weitere Interessen, die – zumal im Leistungssport – eher ungewöhnlich sind. Sie sind stark politisch interessiert, setzen sich mit Umweltthemen auseinander, engagieren sich für Sozialprojekte.
Ich habe sehr früh gemerkt, dass mich die ganzen sozialen Belange interessieren. Wir leben ja in einer Weltgemeinschaft, wir existieren nicht alleine. Ich finde es von daher immer schön, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Ich werde im Herbst auch bei einem Sozialprojekt für Kinder mitmachen.

Ihr Vater stammt ja aus Sansibar. Sind Sie schon einmal dort gewesen?
Nein. Ich kenne das Land meines Vaters nur von Bildern. Die sehen alle sehr schön aus. Deswegen steht Sansibar ganz oben auf meiner Reiseliste – auch um einen Teil meiner Familie kennenzulernen.

Werden denn Ihre Erfolge auch in Sansibar wahrgenommen?
Über Social Media gibt es tatsächlich viele Follower aus Sansibar und anderen afrikanischen Ländern, die auf Suaheli oder Englisch ihre Kommentare und Glückwünsche abgeben.

Wenn Sie in Doha eine Medaille gewinnen, wird diese also auch in Sansibar gefeiert?
(lacht) Ja, teilweise auf jeden Fall.

Interview: Armin Gibis

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