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1. Mai 2019: John Degenkolb mit Frau Laura und den Kids. 

John Degenkolb

„Ich habe Angst um den Sport“

Radprofi John Degenkolb über große Enttäuschungen und arbeitslose Kollegen.

Herr Degenkolb, seit Mitte März können Sie wegen der Coronakrise keine Rennen mehr fahren. Wie geht es Ihnen mental und körperlich?

Körperlich geht es mir eigentlich ganz gut, mental könnte es besser sein. Ich will nicht jammern, das bringt mich auch nicht weiter. Aber es ist schon so, dass die Lage nicht so einfach ist. Aber ich bin auch nicht der einzige, den es betrifft. Wir müssen versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Was nagt derzeit am meisten an Ihnen?

In erster Linie die Ungewissheit, man kann es schon Perspektivlosigkeit nennen. Man weiß einfach nicht, wo die Reise hingeht und wie lange dieser Zustand anhält. Es ist sehr prekär, vom gesundheitlichen Faktor aber auch was die Wirtschaft angeht. Ich sehe auch, wie viele Menschen unter den Einschränkungen leiden, die wir haben.

Wie gehen Sie mit den Einschränkungen um? Wie sieht ihr Tagesablauf aus?

Was das Training betrifft bin ich relativ normal im Rhythmus. Meine Kollegen in Italien oder Frankreich müssen alles Indoor machen. Ich bin in der Lage, meine Ausfahrten so wie auch in der Vergangenheit ganz normal draußen zu machen. Ich versuche in der Woche 15 bis 20 Stunden abzuspulen und mich fit zu halten. Man ist total hin- und hergerissen. Man will auf der einen Seite nicht an Substanz verlieren, auf der anderen Seite nicht zu viel machen, weil man nicht weiß, wie lange dieser Zustand anhält. Am Ende bin ich Rennfahrer. Ein Rennfahrer bereitet sich auf Rennen vor mit dem Training. Wenn man in die Zukunft blickt, ist es schwierig davon auszugehen, dass wir in den nächsten Wochen oder Monaten irgendwo wieder eine Startnummer auf den Rücken bekommen.

Es ist die Jahreszeit der Klassiker. Am Sonntag war mit Paris-Roubaix ihr persönliches Highlight im Jahr geplant. Wie schwer fällt die Pause ausgerechnet in dieser Zeit?

Es ist für mich persönlich mega enttäuschend. Aber es ist nichts im Vergleich zu den Auswirkungen und den Konsequenzen, die wir im Kollektiv als Gesellschaft zu tragen haben. Ich habe immer gesagt, dass Radsport nicht alles im Leben ist und es viel wichtigere Dinge gibt. Wir sind in der Verantwortung, die Sachen so anzugehen, dass wir hoffentlich nur mit einem blauen Auge davonkommen. Ich habe Angst um den Sport im Allgemeinen, aber auch Angst um die Wirtschaft. Am Ende trägt der Sport zur Unterhaltung bei, ist Vergnügung für die Zuschauer. Ich hoffe, dass uns das auch in Zukunft so erhalten bleibt. Ich habe wirklich Angst, dass der Spitzensport nicht mehr die Position einnehmen kann, die er vor der Coronakrise inne hatte.

Wie bewerten Sie die Lage für den Radsport?

Es ist eine super schwierige Situation. Um den Radsport am Leben zu halten wie wir ihn kennen, wird es essenziell wichtig sein, dass wir an einem gewissen Punkt wieder große Radrennen fahren. Am Ende ist alles, was wir machen, nur Werbung. Wir müssen wieder eine Plattform bieten können. Die Situation führt einen ganz klar vor Augen, was für kleine Lichter wir eigentlich sind. Das muss man ehrlich so eingestehen. Wenn wir keine Rennen wie die Tour de France oder die Monumente haben, die sich die Leute im Fernsehen angucken wollen, dann ist es schwierig, eine Plattform zu verkaufen. Dann fehlt uns eine wahnsinnige Einnahmequelle.

Inwieweit sind die wirtschaftliche Folgen für Sie bereits spürbar?

Selbstverständlich verzichten auch wir Rennfahrer auf Teile unseres Gehaltes. Was mich allerdings viel mehr umtreibt, ist, dass wir aktuell nur noch sechs Festangestellte im Betreuerstab haben, allerdings mit Gehaltseinbussen. Der Rest der über 50 Leute, die wir normalerweise im Staff haben, sind im Moment alle arbeitslos gemeldet, was in Belgien wie auch bei uns in Deutschland wirklich nur die Grundversorgung bedeutet. Wenn ich mir das so vorstelle, wünsche ich mir noch sehnlicher einen belastbaren Zeit- und Fahrplan, um so schnell, aber auch so sicher (aus gesundheitlicher Sicht; Anmerk. d. Red.) wie möglich wieder in irgendeine Form des geregelten Rennbetriebes zurückzukehren, um auch für alle meine Teammitglieder und Mitarbeiter wieder fahren zu dürfen.

Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass am 27. Juni die Tour de France startet?

Puh. Die ist nicht allzu groß, wenn ich ehrlich bin. Ich glaube, dass die Chance schwindend gering ist, dass an dem Termin der Tour de France festgehalten wird. Mein Wunsch ist es, dass ein Termin gefunden wird, um die Tour de France im Jahr 2020 noch stattfinden zu lassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es der einzige Weg ist, der uns helfen kann, den Radsport am Leben zu halten.

Es gibt verschiedene Vorschläge, wie die Saison zu retten ist. Welche Vorstellung haben Sie?

Man muss einen Weg finden, Rennen stattfinden zu lassen. Das ist die Grundprämisse. Ob man jetzt Giro, Tour und Vuelta irgendwie vereinen kann, weiß ich nicht. Wir dürfen natürlich kein gesundheitliches Risiko eingehen und Regeln verletzen. Wenn das nicht der Fall ist, muss alles dafür getan werden, dass wir wieder den Rennbetrieb aufnehmen. Das ist das, worum es sich im Radsport dreht. Es wird immer mehr Leuten immer deutlicher klar. Viele haben die Tragweite extremst unterschätzt, mir ging das genauso.

Interview: Emanuel Reinke/sid

Zur Person

John Degenkolb, 31, aus dem hessischen Oberursel zählt seit vielen Jahren zu den herausragenden deutschen Radprofis. Der Klassikerjäger steht seit dieser Saison beim belgischen UCI World-Team Lotto-Soudal unter Vertrag.

Zu seinen größten Erfolgenzählen die Siege bei den Klassiker Paris–Roubaix, Mailand–Sanremo, Gent–Wevelgem und Paris–Tours. Darüber hinaus gewann er Etappen bei der Tour de France, beim Giro d’Italia und der Vuelta a España. hu

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