+
Ana Carolina Reston starb im November in São Paulo. Sie wurde nur 21 Jahre alt. Durch endlose Hungerkuren erschöpft hatte ihr Körper keine Abwehrkräfte mehr gegen eine an sich harmlose Infektion. Es kam zu mehrfachem Organversagen.

Hungern bis in den Tod

Der tragische Hungertod eines brasilianischen Models hat die Modebranche geschockt. Doch das ist kein Einzelfall: Immer mehr Menschen leiden unter Essstörungen - Schätzungen zu Folge allein in Deutschland eine halbe bis eine Million Menschen. Betroffen sind meist Frauen zwischen 14 und 35 Jahren, fünf bis zehn Prozent der Magersüchtigen sind Männer - Tendenz steigend.

Von Margit Mertens

"hallo ihr lieben! bin gerade über euer forum gestolpert! ehrlich gesagt, ich find es super, dass ihr das aufgebaut habt um ex anas zu unterstützen. am liebsten würd ich mich auch sofort bei euch anmelden, doch ich bin in einem pro forum sehr aktiv, sogar moderatorin", schreibt "lonely dancer" in einem Internet-Forum, das Hilfestellungen gegen krankhafte Essstörungen bietet. "nur in letzter zeit gibt mir das alles zu denken. habe gerade mehrere monate stationäre therapie hinter mir. das erste, was ich gemacht hab, als ich wieder zuhause war, war, sofort in dieses ana-forum zu schauen. und die ganze therapie war umsonst, sieben monate für die katz, jetzt bin ich wieder genau dort, wo ich war: svv (Selbstverletzendes Verhalten, Anm. d. R.), hungern, fressen, kotzen und ,stolz drauf sein‘. ich hasse dieses ana-sein so sehr, aber ich komm nicht davon los."

Sie nennen sich selbst Ana oder Mia. Hübsche Namen für zwei Krankheiten, die viele Betroffene als Freundin begreifen: Anorexia nervosa, die Magersucht, und die Ess-Brech-Sucht Bulimie. Manche essen fast nichts mehr, andere stopfen in unkontrollierten Fressorgien wahllos Nahrung in sich hinein, um sich dann zu erbrechen. Wieder andere zählen jede Kalorie und treiben exzessiv Sport, um sie wieder abzubauen. Alle Gedanken von Essgestörten kreisen den ganzen Tag nur um eins: das Essen.

Schätzungen zu Folge leiden in Deutschland eine halbe bis eine Million Menschen an Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Meist sind die Betroffenen junge Frauen zwischen 14 und 35 Jahren, fünf bis zehn Prozent der Magersüchtigen sind Männer - Tendenz steigend. Die Folgen des Schlankheitswahns: schwere Mangelerscheinungen, Schädigung von Niere, Leber, Magenschleimhaut und Zähnen, Verätzung der Speiseröhre, Haarausfall, Herzrhythmus-Störungen. Bis zu 20 Prozent der Magersüchtigen hungern sich zu Tode, zeigt eine bundesweite Studie der Universität Ulm.

Rechnet man die Ess-Sucht hinzu, dann "ist die Verbreitung von Essstörungen in Deutschland mit der der Zuckerkrankheit mit circa vier Millionen Betroffenen vergleichbar", sagt Studienleiter Horst Kächele. "Die Anorexie fordert mehr Opfer als jede andere psychiatrische oder psychosomatische Störung." Die Therapie gestaltet sich nicht zuletzt auf Grund der fehlenden Krankheitseinsicht vieler Betroffener als äußerst schwierig: Zwei Drittel der Behandlungen scheitern. "Etwa ein Drittel entwickelt andere Störungsformen, wie Ess-Brech-Sucht, nur rund ein Drittel wird wieder gesund", erläutert Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Labors der Universität Leipzig. Wovon der Behandlungserfolg abhängt, ist den Experten bis heute unklar. Je perfekter das System der Selbstkontrolle und Verheimlichung funktioniert, desto schwerer wird es, das Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Es gibt unterschiedliche Erklärungsmodelle zu den Ursachen von Magersucht. Es scheint sich um ein Geflecht aus genetischer und seelischer Disposition sowie kulturellen und familiären Einflüssen zu handeln. Andere Forscher machen eine organische Störung bestimmter Gehirnfunktionen verantwortlich. Daher suchen Wissenschaftler neben einer Psychotherapie nach neuen Behandlungsansätzen. Denn gemeinsam ist neben dem veränderten Essverhalten allen Essgestörten ein verändertes Körperschema oder Körperbild: Sie erleben die Dimensionen ihres Körpers oder einiger Teile davon, wie Oberschenkel oder Bauch, falsch. "Sie beschreiben ihren Körper trotz offensichtlicher Abmagerungserscheinungen als dick, fett und aufgedunsen", erklärt Grunwald.

Um dieses verzerrte Körperbild wieder gerade zu rücken, wählte Silja Vocks, Psychotherapeutin an der Ruhr-Universität Bochum, einen Spiegel. In einer Studie konfrontierte sie vor und nach einer Psychotherapie essgestörte Frauen und eine gesunde Kontrollgruppe 40 Minuten lang mit ihrem eigenen Spiegelbild. Sie sollten ihren Körper betrachten und beschreiben und ihre Emotionen wie Angst, Ekel, Traurigkeit, Anspannung, Unsicherheit, Wut, Stress auf einer Skala von 1 bis 5 einordnen. Außerdem wurden sie aufgefordert, gezielt das zu betrachten, was sie an ihrem Körper schön finden. Während der Spiegelsitzung wurden alle zehn Minuten Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit und die Menge des Stresshormons Kortisol im Speichel gemessen.

"Menschen mit Essstörungen stehen mit ihrem Körper auf Kriegsfuß", erklärt Vocks. "Der Blick in den Spiegel wird oft ebenso gemieden wie Tanzen oder Schwimmen." Sie versteckten ihren Körper vor den Blicken anderer und empfänden sich selbst gegenüber negative Gefühle wie Angst, Ekel oder Wut. Ziel von Vocks zehnwöchiger Therapie ist die Korrektur der verzerrten Wahrnehmung, die Patientinnen sollen wieder lernen, ihren eigenen Körper realistisch und positiver einzuschätzen.

Mit Erfolg: Während die physiologischen Parameter bei beiden Studien-Gruppen gleich waren und blieben, hatten essgestörte Frauen zunächst erwartungsgemäß wesentlich negativere Gefühle und Gedanken gegenüber ihrem Körper als Gesunde. Diese Reaktionen ließen aber messbar nach, je länger sich die Probandinnen im Spiegel betrachteten. Der Effekt verstärkte sich weiter, je häufiger die Frauen die Spiegelsitzungen wiederholten. "Dieses Ergebnis zeigt, dass die Konfrontation mit dem eigenen Körper als Unterstützung einer Therapie gegen Essstörungen Sinn macht", folgert Silja Vocks, die bereits seit 2003 an der Ruhr-Universität Körperwahrnehmungskurse für Frauen mit Essstörungen anbietet.

Die Ursachen dieser verzerrten Körperwahrnehmung erforscht Grunwald in Leipzig. Er hat herausgefunden, dass magersüchtige Menschen bei Tests, die den Tast- und Berührungssinn betreffen, extrem schlecht abschneiden. Er vermutet, dass eine organische Funktionsstörung der für den Berührungssinn zuständigen Hirnregion in der frühen Kindheit die Ursache dafür ist. Zum Tast- und Berührungssinn, also der haptischen Wahrnehmung, gehört auch der innere Tastsinn. "Der sorgt durch permanentes Abtasten des gesamten Körpers bei jeder Bewegung dafür, dass wir ein inneres Abbild unseres Körpers, ein Körperbewusstsein, bekommen", erklärt Grunwald.

Für das Erstellen unseres mentalen Körpermodells verarbeitet das Gehirn ständig eine Vielzahl sensorischer und motorischer Informationen und integriert sie sinnvoll. "Ist dieser Prozess gestört, nehmen Betroffene ihre Körperdimensionen falsch wahr, das heißt ihr Körperschema ist gestört." Eine Psychotherapie sei sicher hilfreich, wenn Mädchen zeitweilig das Essen als pubertäre Abwehr gegen das Erwachsenwerden verweigerten. "Bei schweren Formen der Magersucht sollten zusätzlich andere Therapieansätze gesucht werden, die die gestörte Körperwahrnehmung berücksichtigen", rät der Psychologe. Hier bestehe dringender Forschungsbedarf. "Schließlich ist Magersucht lebensgefährlich."

Seit einigen Jahren ist im Internet eine regelrechte Pro-Ana-Bewegung entstanden, die auch in Deutschland immer mehr Zulauf erhält. Mit Parolen wie "Dünn zu sein ist besser als gesund zu sein" oder "Du darfst nie etwas essen, ohne Dich dabei schuldig zu fühlen" feuern sich die Hunger-Besessenen gegenseitig zum weiteren Abnehmen an. Die Krankheit wird als Lifestyle verherrlicht, Mia und Ana als beste Freundin idealisiert. Das Ziel: einen Body-Mass-Index (BMI) von unter 16 zu erreichen, wer den niedrigsten hat, ist die Königin. Ein BMI unter 18,5 gilt als Untergewicht.

Jan Nedoschill, Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Erlangen und Gründer der Internet-Hilfeplattform "Hungrig-Online", erklärt: "Wer in diesen Foren agiert, der ist kränker als andere Betroffene. Denn die Heilung basiert auf Einsicht, nicht auf Realitätsverlust."

Auf diesen meist nicht frei zugänglichen Seiten werden die Besucher mit Bildern ausgemergelter Körper konfrontiert, die von Sprüchen wie "Nichts schmeckt so gut, wie es sich anfühlt, dünn zu sein" flankiert werden. Es werden Tipps ausgetauscht über kalorienarme Kost, die effektivsten Brechmethoden oder die Internetadressen, wo man die angeblich besten, teilweise in Deutschland nicht zugelassenen Abführ-, Entwässerungsmittel und Appetitzügler bestellen kann. "Die Botschaft ist ,Du bist immer noch nicht dünn genug‘ und dient gleichermaßen als Bestätigung des gestörten Körperempfindens wie auch als Ansporn, sich immer weiter runterzuhungern", so Nedoschill.

Es sei schwierig, gegen diese Seiten zu argumentieren. Die Betreiberinnen hielten dagegen, Magersucht sei ein Lebensstil und keine Krankheit. Tatsächlich aber ist es lebensgefährlich. Die häufigsten Todesursachen bei extremem Untergewicht sind Infektionen, Herzstillstand, Wasser- und Elektrolytverlust - wenn dem Ganzen nicht ein Selbstmord vorausgeht.

Durch die gegenseitige Bestätigung ihres "Lebensstils" in der anonymen virtuellen Scheinwelt wird vor allem eins verhindert: die Einsicht, krank zu sein. "Gegen den Willen eines Essgestörten irgendetwas erreichen zu wollen, ist im wahrsten Sinne des Wortes Zeitverschwendung", betont Nedoschill. Der Versuch, mit dem Argument der Körperschemastörung zu überzeugen oder durch Ausüben von Druck zu zwingen, treffe den neuralgischen Punkt der Essgestörten: Den unbändigen Willen, sich selber zu kontrollieren und den eigenen Körper zu perfektionieren.

Es sei ungemein wichtig, dass Betroffene Hilfsangebote im Netz fänden. "Wir von Hungrig-Online kommen über die Anonymität des Internets an Mädchen ran, die noch nicht bereit sind für eine richtige Therapie, aber sich anonym schon mal mit der Krankheit konfrontieren", sagt Nedoschill.

Vielleicht auch eine Chance für lonely dancer. Sie schreibt einige Wochen nach ihrem ersten Eintrag: "heute kommt ein anruf, dass sie in der christlichen klinik einen platz für mich haben, ab april. sie hätten mein absage-mail gelesen, aber sie wollen mir noch eine chance geben und sie haben einen platz!!!"

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion