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Fußball-Nationalmannschaft

Mia san Hummels

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Noch ganz beeindruckt vom Papstbesuch, steht der Verteidiger nach seinem Wechsel zum FC Bayern auch für den Machtverlust der Dortmunder Borussen im DFB-Team.

Mehr Schalker als Dortmunder im Kader der deutschen Nationalmannschaft. Das muss zuletzt zu Zeiten von Fritz Szepan und Ernst Kuzorra vorgekommen sein. Doch nun ist es wieder so weit. Benedikt Höwedes, Leon Goretzka und Max Meyer vertreten Gelsenkirchen, lediglich Mario Götze und Julian Weigl den BVB. Und aus Leverkusen sind sogar vier Akteure dabei. Die Dortmunder Streitmacht, die in der jüngeren Vergangenheit nicht nur in der Bundesliga, sondern auch im DFB-Team den Bayern auf den Pelz rückte, ist wieder zum Mini-Zirkel geschrumpft, und wenn sie nicht aufpassen, ziehen auch noch Köln, Hoffenheim und Werder Bremen vorbei.

Aus dem lange gültigen dualen System im DFB-Kader, früher mit Bremen statt Dortmund, ist unversehens eine vielfältige, multikulturelle Gesellschaft geworden, die sich nun ordnen muss. „Es gibt viele neue Gesichter, und schon im September hat man einen neuen Zug gespürt“, sagte das alte Gesicht Mats Hummels gestern in Mailand, noch ein bisschen aufgeregt vom Papstbesuch, der ihn „sehr beeindruckt“ habe. Das Umschalten auf Fußball ging trotzdem schneller als manchmal von Abwehr zu Angriff, und er erklärte, dass sich alle vorgenommen hätten, „nach EM-Turnier und Qualifikation, die ja nicht so gut lief, noch mal einen draufzusetzen“. Das gilt auch für ihn in seiner neuen Identität.

Natürlich war der BVB nie eine ernsthafte Konkurrenz für die Akteure des FC Bayern im Nationalteam. Die spielten, die Dortmunder nicht. Außer Hummels natürlich, der eine Art Symbolfigur des Bedeutungsverlustes der Borussia darstellt. Schließlich war er ein wichtiger Protagonist des Dortmunder Modells, mit dem Klubchef Hans-Joachim Watzke eine Ruhrpott-Variante des Münchner „Mia san mia“ etablierte, ein volkstümliches Gegenmodell, das landesweit auf Sympathie und Bewunderung stieß, bis es immer mehr zur Routine wurde.

Dafür standen neben dem Trainer Jürgen Klopp vor allem Leute wie Roman Weidenfeller, Marcel Schmelzer, Sebastian Kehl, Kevin Großkreutz und allen voran Mats Hummels, der herausragte, denn er war vom bösen FC Bayern gekommen und widerstand allen neuen Verlockungen des Rivalen, weil er so sehr Dortmunder geworden war. Als er im Sommer doch nach München ging, und nicht nach England oder Spanien, was die BVB-Fans verstanden und klaglos akzeptiert hätten, markierte dies, und nicht Klopps Abschied ein Jahr zuvor, das Ende einer kurzen, aber romantischen Ära.

Mats Hummels stand auch für die zumindest in den Medien immer wieder kolportierten Spannungen zwischen Bayern-Block und BVB-Block im DFB-Team, die angeblich erst in der Idylle des Campo Bahia allgemeiner Verbrüderung wichen. Dabei konkurrierte er auf seiner Position gar nicht mit einem Münchner Spieler, sondern mit Per Mertesacker, dem Bundestrainer Joachim Löw so lange die Treue hielt, wie es nur ging. Irgendwann führte aber kein Weg mehr an der Erkenntnis vorbei, dass Hummels und Jérôme Boateng ein imposantes Innenverteidigerpaar bilden. Insofern war der Wechsel nach München ein sportlich logischer Schritt zum richtigen Zeitpunkt, denn ob der eigenwillige Hummels mit dem noch eigenwilligeren Pep Guardiola klargekommen wäre, ist eine Frage, die leider unbeantwortet bleiben wird, weil sich der 27-Jährige nicht für Manchester City entschied.

Bisher ist das Hummels-Boateng-Duett in München allerdings nicht mehr als ein Versprechen geblieben, da beide verletzungsbedingt selten zusammenspielten und die Bayern-Abwehr unter Carlo Ancelotti bislang vor allem für ungewöhnlich viele Gegentore steht – aus Dortmunder Sicht hoffentlich auch beim Gastspiel am Samstag im Westfalenstadion, wo auf Hummels wohl kein allzu freundlicher Empfang warten dürfte.

Dann soll Boateng wieder dabei sein. In der Nationalmannschaft muss Hummels ohne seinen angestammten Partner auskommen. In San Marino „verteidigte“ Joshua Kimmich neben ihm. Gegen die Italiener mit ihrem neuen Sturmduo Ciro Immobile, auch ein ehemaliger Dortmunder, und Andrea Belotti, die zuletzt sieben von neun Toren der Squadra Azzurra erzielten, dürfte es etwas ungemütlicher werden. „Italien ist immer ein schwieriger Gegner“, sagte Hummels, „da ist immer ein Prickeln dabei.“ Kimmich wird also wohl wieder nach rechts rücken und der kräftigere Höwedes mit Hummels im Zentrum spielen.

Gut möglich, dass Hummels die Mannschaft am Dienstagabend sogar als Kapitän aufs Feld führt, nachdem er in der Debatte um diese Position nach dem Abschied von Bastian Schweinsteiger eine erstaunlich kleine Rolle spielte. Als Dortmunder Spieler wäre das Amt vermutlich kaum in Frage kommen, aber nun gehört er ja der Mehrheitsfraktion an, was bei der Neuordnung der Hierarchien gewiss kein Nachteil ist. Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass auch von Bayern München diesmal nur drei Leute im Kader stehen.

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