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Frankfurt - Hoffenheim

Hoffenheims Hoffnungsträger

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Mit Julian Nagelsmann sind die Aussichten auf den Liga-Verbleib für die TSG Hoffenheim auf einmal wieder ganz real.

Natürlich hat Julian Nagelsmann überwiegend nur Gutes über den kommenden Gegner erzählt. Nur weil der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte bei der TSG Hoffenheim das Sagen hat, muss im Trainingszentrum von Zuzenhausen eine Pressekonferenz vor einem Bundesligaspiel nicht anders ablaufen. Also hat Nagelsmann über Frankfurt gesagt: „Die Eintracht ist eine gute Mannschaft mit hoher individueller Qualität. Welchen Fußball Niko Kovac spielen lässt, werde ich am Samstag sehen. Wir haben die vergangenen Spiele aber genau analysiert und erarbeiten einen Plan.“ Der 28-Jährige: „Wir müssen verschiedene Lösungen für unterschiedliche Situationen parat haben. Frankfurt hat genug Qualität, um auch Alex Meier zu ersetzen.“

Solche Sätze unterscheiden sich nicht so groß von den Kollegen, die wesentlich älter und viel länger im Geschäft sind. Aber die Rhetorik nach außen ist nun einmal das eine, seine Wirkung nach innen das andere. Und da trifft Nagelsmann offenbar den Ton; viel mehr jedenfalls als sein knorriger Vorgänger Huub Stevens und der früh entlassene Konzepttrainer Markus Gisdol. Eines steht schon jetzt fest: Nur weil der Klub von Dietmar Hopp überhaupt den Mut hatte, nach der Stevens-Erkrankung (und einem 0:2-Offenbarungseid gegen den SV Darmstadt 98) die Ernennung von Nagelsmann zum Cheftrainer vorzuziehen, hat Hoffenheim überhaupt wieder eine Chance in der Liga zu bleiben.

Nagelsmann will in Frankfurt gewinnen

Der Jungfuchs auf der Trainerbank, der gerne Kaugummi kaut (aber es im Gegensatz zum Kölner Geschäftsführer Jörg Schmadtke nicht wegwirft), ist der Hoffnungsträger. Seit seiner Amtsübernahme sind in acht Partien 14 Punkte hinzugekommen, der Rückstand von einst fünf Zählern auf den Relegationsrang ist aufgeholt – aktuell steht der Dorfverein erstmals über dem Strich.

Ein Sieg im Frankfurter Stadtwald wäre ein weiterer Befreiungsschlag, zumal gegen einen direkten Konkurrenten. Aber auch mit einem Unentschieden könnte der Gast aus dem Kraichgau vermutlich ziemlich gut leben. Denn danach hat Hoffenheim noch zwei Matchbälle im Spielplan: ein Heimspiel am drittletzten Spieltag gegen Ingolstadt und danach eine Auswärtspartie in Hannover. Und wer sagt denn, dass nächste Woche das Heimspiel gegen Hertha BSC nicht gewonnen werden kann?

Nagelsmann aber mag weder Hochrechnungen noch Gesamtbetrachtungen – offiziell interessiert den selbstbewussten Überzeugungstäter nur der Auftritt bei der Eintracht. „Dass wir die Abstiegsränge verlassen haben, beeinflusst unsere Herangehensweise nicht. Wir wollen ein gutes Spiel abliefern und in Frankfurt gewinnen – darum geht es.“ Und er verspricht: „Die Spieler freuen sich auf die Partie und die Spannung. Druck hat man in der Bundesliga immer. Auch die bisherigen Begegnungen unter meiner Leitung hatten alle eine gewisse Bedeutung. Das kann ein tolles Spiel werden.“

Hoffenheim hat unter seiner Leitung die Flucht nach vorne angetreten. Die abwartende, zögerliche, ja oft zaudernde Spielweise unter Stevens-Regie ist verschwunden – das Team verfolgt wieder den Plan, der den Spielertypen am besten liegt. Wie aber schafft es ein junger Wilder, so schnell den Schalter umzulegen?

Dafür braucht es die Vita des in Issing am Ammersee aufgewachsenen Trainers. Nagelsmann spielte zunächst in der Jugend des FC Augsburg und später beim TSV 1860 München, wo er sogar Kapitän der U 17 wurde. Aus den Löwen-Zeiten ist er beispielsweise bestens mit Christian Träsch bekannt, dem Profi des VfL Wolfsburg, der sich bisweilen selbst wundert, welchen Weg sein Kumpel eingeschlagen hat. Nagelsmann musste sich umorientieren, als er sich einen Meniskus- und Knorpelschaden zugezogen hatte. Aufgrund der Gefahr einer Arthrose musste er aufhören. Im Alter von 20 Jahren.

Die klassische Tuchel-Schule

Der Impuls Trainer zu werden, kam indirekt von Thomas Tuchel. Für den damaligen U 23-Trainer des FC Augsburg sichtete er 2008 die Gegner, fuhr über die Dörfer. War das die neue Zukunft? Er studierte Betriebswirtschaft, hatte ein Angebot, im Vertrieb bei BMW mitzuarbeiten, was er ablehnte. Er wollte im Fußball bleiben, ging wieder zurück zu 1860, wo er als Co-Trainer in der U 17 weitere Erfahrungen sammelte, ehe er 2010 zur TSG Hoffenheim wechselte. Im Dezember 2012 durfte er dann schon als Assistenztrainer in den Profibereich reinschnuppern. Erst unter Marco Kurz, später unter Gisdol. Nagelsmann saugte die Erkenntnisse, die er in dieser Zeit gewann, auf wie ein Schwamm. Und filterte für sich das Positive und Negative heraus, heißt es heute bei der TSG Hoffenheim.

2013 verschrieb er sich wieder der Nachwuchsförderung, diesmal betreute er schon hauptamtlich und alleinverantwortlich die U 19-Junioren, die unter seiner Regie deutscher Meister wurde. 14 200 Zuschauer sahen am 22.Juni 2014 in Hannover, wie Hoffenheims Talente dem 96-Nachwuchs taktisch haushoch überlegen waren. Endergebnis: 5:0. Auf dem Siegerfoto steht Nagelsmann ganz außen, hält sich im Hintergrund. Da war der Trainer 26.

Aus dieser Zeit ist auch überliefert, wie er die Spiele vorbereitet. „Der erste Analysepunkt ist immer, wie der Gegner das Spiel eröffnet. Diese Spieleröffnung schenke ich ihm. Dann aber sind wir da“, sagte er einmal. Er prüft, wie dem Gegner beim zweiten Pass am leichtesten der Ball abgenommen wird. Bei Ballbesitz geht es dann blitzartig nach vorne – wie eine Art Überfall. Nagelsmann überfordert dafür seine Spieler gerne im Training. Die klassische Tuchel-Schule. Weitere Parallele: Genau wie der BVB-Coach will auch Nagelsmann seine Emotionen besser unter Kontrolle haben. Er hat dafür einen Experten aus Göttingen konsultiert, der ihn in der Psychologie der Gruppendynamik aufklärte.

Neigung zum Risiko

Seine rasante Entwicklung – teils auf eigene Kosten – sprach sich in der Branche schnell herum. Weil sich sogar der FC Bayern nach dem ehrgeizigen, wissbegierigen Lausbub erkundigten, der in Hennef an der Hennes-Weilsweiler-Akademie seinen Fußballlehrer machte, handelte der Klub rasch: Bereits im Oktober 2015 legte sich der Bundesligist fest, ab Sommer 206 dem Novizen die Verantwortung zu übertragen. Diese Beförderung nun vorgezogen haben, ist vielleicht der beste Einfall gewesen.

„Der Trainer ist sofort angenommen worden, es ist eine Verbindung zwischen Publikum und Mannschaft“, hat Sportchef Alexander Rosen beobachtet. Ein nicht zu unterschätzendes Pfund im Abstiegskampf. Auffällig auch die Leistungssteigerung einiger Spieler, speziell der wieder über den Flügel vorstoßende Nationalspieler Kevin Volland lebt richtig auf. Und auch die Leihgabe von Leicester City, der Kroate Andrej Kramaric, hat sich als echte Bereicherung entpuppt. Wie bitte macht Nagelsmann etablierte Profis besser, wo er doch nie selbst in der Bundesliga spielte?

Matthias Kaltenbach, ein guter Freund und ständiger Wegbegleiter, erklärte dazu in der „Süddeutschen Zeitung“: „Er steht für ein detailliertes Coaching. Die Kunst, die er beherrscht, ist es, in der Kürze der Zeit Dinge zu erkennen und zu benennen.“ Diesen Blick kombiniert der Neuling mit einer Neigung zum Risiko. Er setzt auf offensive Außenverteidiger wie den erst 18-jährigen Philipp Ochs, der in der Jugend unter Nagelsmann ein verlässlicher Torschütze war. Der aktuelle Hoffenheimer U 19-Coach Kaltenbach erkennt viel aus den Anfangszeiten von Nagelsmann wieder. „Das ist ein aggressives Balljagen im Verbund, gepaart mit einem schnellen Umschalten. Ballbesitz weil er am liebsten in der gegnerischen Hälfte.“ Zuletzt gegen den 1. FC Köln (1:1) klappte das nicht so gut, aber dass das TSG-Team auch in diesem Spiel noch zurückkam und durch Volland spät ausglich, war bezeichnend. Hoffenheim hat auf einmal wieder alles, um dem Abstiegskampf zu entkommen. – auch das nötige Quäntchen Glück.

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