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Beklagt Lethargie: Hertha-Trainer Michael Skibbe.

HSV besiegt Berlin

Hertha ist das Geld nicht wert

Nach dem desolaten Auftritt gegen den Hamburger SV geht bei Hertha BSC wieder die Abstiegsangst um. Der Trend ist bedenklich: Seit acht Spielen ist die Hertha in der Liga ohne Sieg. Und die Liste der gesperrten und verletzten Profis wird immer länger.

Von Michael Jahn

Raffael hatte seine Pudelmütze bis über beide Ohren tief ins Gesicht gezogen. Der Kragen seiner Trainingsjacke bedeckte seinen Mund, nur die Augen leuchteten aus dieser Verpackung hervor. Wortlos ging der Brasilianer am Sonntag nach der Übungsstunde vom Platz.

Bei Minusgraden und eisigem Wind hatte er auf einem Kleinfeld in einem internen Spielchen einige Tore geschossen, was seine Laune aber nicht wirklich verbesserte. Raffael zählt längst die Tage, bis er endlich wieder in der Bundesliga spielen darf, auch Trainer Michael Skibbe und Raffaels Teamkameraden sehnen sich den Spielmacher heftig zurück.

Skibbe ohne Ideen

Noch einmal, beim kommenden Heimspiel gegen Hannover 96, ist der 26-Jährige nach seiner Roten Karte im Dezember aus dem Spiel in Hoffenheim gesperrt. Peter Niemeyer, dem gestern sogar Eiskristalle am Haar gewachsen waren, sagte drastisch: „Raffael hat eine brutale Qualität, die wenige von uns im Kader besitzen. Aber wir sind Profis und verdienen gutes Geld und wir müssen kollektiv Raffaels Ausfall kompensieren.“

Am Sonnabend, bei der 1:2-Heimpleite vor 49.168 Zuschauern, waren Herthas Spieler ihr Geld überhaupt nicht wert und auch Skibbe war im zweiten Spiel unter seiner Regie nicht in der Lage, Raffaels Fehlen durch andere Profis oder gewiefte taktische Maßnahmen halbwegs auszugleichen. Nach Ronny, den der Trainer beim 0:2 in Nürnberg in der vorigen Woche nach 45 Minuten vom Platz gewunken hatte, traf es dieses Mal Tunay Torun.

Hertha erinnert an Abstiegssaison

Auch der kleine Deutsch-Türke, der im Wechsel mit Patrick Ebert im offensiven Mittelfeld Kreativität und Angriffslust entwickeln sollte, musste in der Pause in der Kabine bleiben. Skibbes Personalrochaden waren verpufft. Hilflos musste er wie alle Anhänger im Olympiastadion eine erste Halbzeit über sich ergehen lassen, die fatal an die Auftritte der Berliner in der desaströsen Abstiegssaison 2009/2010 erinnerte.

Skibbe, selbst maßlos enttäuscht, sprach hernach seiner Mannschaft für die ersten 45 Minuten die Bundesligatauglichkeit ab.

„Was wir in der ersten Halbzeit gezeigt haben, war weit unter dem Bundesliga-Schnitt. Das ist deshalb so enttäuschend, weil wir wussten, wie wichtig das Duell gegen den HSV ist. Erst in der zweiten Hälfte haben wir verstanden, wie man in der Ersten Bundesliga rennen und kämpfen muss.“

Die Ursachen für diesen fatalen Auftritt konnte auch Skibbe noch nicht ermitteln. Manager Michael Preetz, dessen Gesichtsausdruck an schlimme Zeiten im quälenden Abstiegskampf unter Trainer Friedhelm Funkel erinnerte, war nach dem Spiel auch ratlos: „Für die erste Halbzeit habe ich keine Erklärung.“

Zwei Mal hatte der bislang über einen langen Zeitraum meist fehlerlos spielende Linksverteidiger Lewan Kobiaschwili, (34) gepatzt. Zwei Mal standen seine Abwehrkollegen zudem hilf-und orientierungslos in der Strafraummitte und ließen Marcell Jansen (24.) und Mladen Petric (45.) locker einschießen.

Der schöne Kopfballtreffer durch Pierre-Michel Lasogga (81.) – das siebte Saisontor von Herthas Mittelstürmer – kam zu spät, um ein verkorkstes Spiel noch zu retten.

Keine bequeme Basis

Gestern hat Skibbe die „große Lethargie“ und die „fehlende Aggressivität“ bei einer Kabinenansprache heftig gegeißelt. „Nach zwei Niederlagen stecken wir mitten im Abstiegskampf und den müssen wir künftig von der ersten Minute eines Spiels an auch annehmen“, forderte er vehement.

Der Trend des Aufsteigers ist sehr bedenklich. Seit acht Spielen ist das Team in der Liga ohne Sieg. Die Liste der gesperrten und verletzten Profis wird immer länger. Die 20 Punkte, die Hertha in der Hinrunde unter dem Trainer Markus Babbel angehäuft hatte, bezeichnete Nachfolger Skibbe als „solides Kapital“, aber eben auch als „keine bequeme Basis“.

Offenbar ließen sich einige Spieler vom lange Zeit nicht unbedingt bedrohlichen Tabellenbild täuschen. Rechtsverteidiger Christian Lell gestand: „Die Wohlfühl-Zeit aus der Hinrunde ist vobei.“

Jetzt ist die Mannschaft zum ersten Mal ernsthaft in der Zone der möglichen Absteiger angekommen. Mittelfeldmann Niemeyer, der gegen den HSV erst nach der Pause eingewechselt wurde und die Defensive stabilisieren konnte, spricht von einer „brenzligen Situation“.

Er setzt auf den Effekt positiver Erinnerungen. „Wir wissen doch alle, dass wir es viel besser können. Wir müssen das endlich wieder hinbekommen und sofort Punkte sammeln.“

Auch heute wird für dieses Ziel trainiert. Skibbe hat den freien Montag bei der Hertha gestrichen.

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