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Ganz oben: Ralf Fährmann, getragen von Kyriakos Papadopoulos (links) und Raul.

Ligapokal

Held für eine Nacht

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Der Ex-Frankfurter Ralf Fährmann tritt für 90 Minuten und im Elfmeterschießen aus dem überlebensgroßen Schatten seines Vorgängers Manuel Neuer.

Es war 20 Minuten vor Mitternacht, als die Passagiere der Straßenbahnlinie 302 mit Reiseziel Gelsenkirchen Hauptbahnhof das zuvor erlebte Fußballspiel zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund im Chor zusammenfassten. Sie sangen: „Wir brauchen keinen Manuel, wir brauchen keinen Neuer. Wir haben unseren Fährmann, und der war noch nicht mal teuer.“ Sie waren damit mitten in der Geschichte des Abends angelangt.

Ralf Fährmann, 22, hat ein sehr gutes Spiel abgeliefert am Samstag, kein übermenschliches, dazu waren die Aufgaben nicht schwer genug, die ihm die starken Dortmunder stellten. Die Flankenbälle faustete er weit ins Feld. Er hielt zwei, drei Fernschüsse, und zweimal durfte er beim 0:0 in der regulären Spielzeit glänzen, erst gegen Lewandowski kurz vor der Pause und nach einer Stunde gegen Mario Götze.

Doch weil Fährmann seiner Mannschaft im Elfmeterschießen mit Paraden gegen den auf Schalke besonders unbeliebten Kevin Großkreutz und Zugang Ivan Perisic zum Gewinn des Supercups verhalf, wurde ihm hinterher das Privileg zuteil, auf den Schultern der Kollegen Papadopoulos und Raúl durch die ausverkaufte Schalker Arena transportiert zu werden. „Im Spiel und im Elfmeterschießen kann man sagen, dass er uns den Pokal gewonnen hat“, sagte Angreifer Klaas-Jan Huntelaar, und Lewis Holtby bescheinigte Fährmann, für die Aufgabe geeignet zu sein, die er zu bewältigen hat: „Er hat gezeigt, dass er bereit ist für Schalke 04.“

Zu den spannenderen Fragen der neuen Saison gehört, wie die Schalker den Weggang ihres Torhüters Manuel Neuer zum FC Bayern verwinden. Ohne Erfolg hatten sie sich bemüht, Kevin Trapp aus Kaiserslautern und Ron-Robert Zieler von Hannover 96 als Neuers Nachfolger anzustellen. Deshalb boten sie Fährmann nach zwei Jahren bei Eintracht Frankfurt wieder eine Stelle an, ohne jedoch grenzenlos überzeugt zu sein von dieser Lösung. Sie hatten sogar überlegt, den mittlerweile 41 Jahre alten Jens Lehmann für den Notfall zu verpflichten.

Zweifel bleiben bestehen

Auch nach dem Spiel am Samstag bleiben in der Führungsetage der Schalker Zweifel an Fährmann. „Er hat ein gutes Spiel gemacht, das gibt ihm Mut und Selbstvertrauen“, sagte Manager Horst Heldt, doch er war nicht bereit, Fährmann zur Nummer eins bis zum Ende aller Zeiten zu erklären. „Wir haben noch viele Spiele vor der Brust. Alle müssen noch an sich arbeiten, da kann ich keinen rausnehmen.“

Fährmann ist froh, wieder bei dem Verein gelandet zu sein, dessen glühender Fan er ist. Er weiß, dass es eine gewaltige Aufgabe für den Klub ist, Neuer angemessen zu ersetzen. Entsprechend zurückhaltend gab er nach dem Spiel gegen Dortmund Auskunft. „Ich weiß nicht, ob ich der Held des Abends bin“, sagte er. Dass die Vereinsführung sich auch mit anderen Torhütern beschäftigt hatte, kann er verstehen. „Der FC Schalke 04 ist ein großer Klub, „da ist doch klar, dass man sich auf allen Positionen viele Gedanken macht“.

Fährmann muss seine Eignung langfristig unter Beweis stellen, das gelang ihm in Frankfurt nicht. Er durfte dort in der Rückrunde der vergangenen Saison das Tor bewachen, und das hat dem Frankfurter Publikum Nerven gekostet. Beim Spiel auf Schalke, seiner alten und neuen Heimstätte, unterlief ihm sein größtes Missgeschick. Er lies sich beim Abstoß den Ball von Raúl klauen, Elfmeter, Tor für Schalke.

Fährmann hat daraus gelernt. Wenn er nun den Ball in den Händen hat, schaut er sich um wie ein Grundschüler, der die Straße überqueren möchte. Er braucht länger als Neuer, um den Ball zurück ins Spiel zu bringen, und seine Abschläge tritt er hoch in die Luft, sie fliegen bis zur Mittellinie. Neuer beherrscht dagegen die Kunst, den Ball auf mittlerer Flughöhe bis an die Grenze des gegnerischen Strafraums zu schlagen. Dass Ralf Fährmann seinen überlebensgroßen Vorgänger vergessen machen muss, ist sein Problem, aber es ist nicht seine Schuld. Die Kollegen bitten deshalb um Nachsicht bei der Bewertung von Fährmanns Leistungen. „Manuel hat seine Sache sehr gut gemacht“, sagte Huntelaar, „da ist es für einen neuen Torwart immer schwierig.“

Die Dortmunder beklagten nach dem Spiel mangelnde Sorgfalt beim Umgang mit ihren Torchancen, doch man kann die Sache auch sehen wie Manager Michael Zorc, der die Verdienste seiner Mannschaft um die Personalplanung bei den Schalkern hervorhob. Als er das Stadion verließ, rief er: „Wir haben Fährmann heute zur Nummer eins gemacht.“ Zumindest die Schalker Fans haben keine Zweifel an ihrem Torhüter.

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