+
Brasilianisches Sorgenkind Alves.

Brasilianische Fußballer

Hegen und pflegen

Spielern aus nicht-europäischen Ländern, speziell Brasilianern, wird bei vielen Bundesligaclubs eine Art Rundumbetreuung zuteil.

Knapp vier Jahre spielte der Brasilianer Alex Alves bei der Hertha. Aber im Grunde ist von dem extrovertierten Stürmer nur eine Szene in Erinnerung geblieben, als er ein Tor direkt nach dem Anstoß von der Mittellinie erzielte. Ansonsten war der Brasilianer mehr mit Eskapaden jenseits den Platzes aufgefallen, er kam zu spät zum Training, war lustlos, schwänzte gemeinsame Abendessen, fuhr ohne Führerschein Auto und zahlte während seiner Zeit in Berlin runde 130.000 Euro Strafe in die Mannschaftskasse.

Hätte man dem Brasilianer nicht in Berlin mehr unter die Arme greifen sollen? Womöglich. Mittlerweile ist es in der Bundesliga längst Usus, dass Spielern aus nicht-europäischen Ländern, speziell Brasilianern, eine Art Rundumbetreuung zuteil wird, die über das Überbrücken der ersten Tage hinausgeht.

Es sind ja nicht nur die Behördengänge, Visa- und Wohnungsbeschaffung, die Suche nach einem Kindergartenplatz, die den Neuen Probleme bereiten, es sind die vielen kleine Dinge, die dem schwer fallen, wer Sprache und Kultur eines Landes nicht kennt. Und Brasilianer brauchen vielleicht mehr Nestwärme als andere.

Derzeit spielen 33 brasilianische Kicker in der Liga, nur beim VfL Bochum gibt es keinen Fußballer aus dem fünftgrößten Land der Erde. "Man kann nicht erwarten, dass die Jungs auf dem Platz Topleistung bringen, wenn sie sich nicht heimisch fühlen", sagt etwa Dirk Rittmüller, der Spielleiter der TSG Hoffenheim. "Man muss sich auch mal in die Lage der Spieler versetzen: Wenn ich mit 20, 21 Jahren in ein völlig fremdes Land komme, will ich doch auch, dass mir geholfen wird."

Inzwischen kümmert sich das Gros der Bundesliga-Klubs sehr intensiv um seine Brasilianer. In Hoffenheim bewohnen Nicht-Europäer eine gemietetes Apartment gemeinsam. In Berlin, Hamburg, Bremen oder Leverkusen, um einige Klubs zu nennen, sind Mitarbeiter nur für die Betreuung dieser Spieler abgestellt.

Auch die Beratungsfirma von Roger Wittmann, Rogon aus Ludwigshafen, die zwölf der 33 Brasilianer in der ersten Liga unter ihren Fittichen hat, kümmert sich intensiv um die Eingliederung ihrer Klienten. "Wir haben ein spezielles Konzept für alle Nicht-Europäer entwickelt", sagt Michaela Sulz, die bei Rogon die Spielerbetreuung leitet. Jedem Spieler wird ein persönlicher Betreuer zur Seite gestellt, der sich die ganze Zeit um ihn kümmert und ihm die Eingewöhnungszeit erleichtert.

Derzeit arbeitet Rogon mit zehn Betreuern. "In den ersten beiden Wochen ist der Betreuer täglich mit dem neuen Spieler zusammen, hilft bei den Behördengängen oder dolmetscht. Danach ist er 24 Stunden am Tag telefonisch erreichbar. Mindestens zwei Tage in der Woche ist der Betreuer vor Ort", sagt Frau Sulz. "Gekommen ist ja ein Mensch und keine Maschine. Wir fragen uns stets: Was braucht der Spieler, um sich wohl zu fühlen."

Marcio Banha da Silva, Portugiese, zuständig für den Frankfurter Caio, hat etwa zwischen Januar und Mitte August 2008 rund 300 Stunden an der Organisation des Alltags des Mittelfeldspielers gearbeitet. Caio sagt jetzt, er fühle sich wohl in Frankfurt. Trotzdem zog er es in der Anfangszeit vor, statt im Supermarkt zuweilen in der Tankstelle einzukaufen.

Entscheidend für die Integration von Brasilianern ist aber etwas anderes: Es reiche nicht mehr, nur über die Stärken des linken Fußes eines Neuzugangs Bescheid zu wissen. Die meisten Klubs prüfen potenzielle Zugänge im Vorfeld "auf Herz und Nieren".

Hertha BSC Berlin checkt vor einer Verpflichtung auch das Umfeld des Spielers ab, "wir gucken nach dem sozialenHintergrund, dem schulischen Vorleben und den familiären Verhältnissen", sagt Sprecher Hans-Georg Felder. Vorreiter auf dem Gebiet der Früherkennung brasilianischer Stars war Bayer Leverkusen, die das System perfektioniert haben. In Leverkusen spielte der erste Brasilianer in der Bundesliga, Tita. Heute ist der Klub in Brasilien bestens verdrahtet.

Aber auch bestes Netzwerk und eine Betreuung vor Ort schützen nicht vor Überraschungen: Obwohl sich etwa bei Werder Bremen Dolmetscher Roland Martinez rührend um seine Brasilianer kümmert, entpuppte sich die teure Verpflichtung von Carlos Alberto als ziemlicher Flop. kil

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion