+
Sie eint ein gemeinsames Ziel: die deutschen Handballer wollen bei der Heim-WM Großes erreichen.

Handball-WM

Ein Hauch von Krakau

  • schließen

Nach der erfolgreichen WM-Vorrunde erinnert im deutschen Team vieles an die EM 2016.

Wettanbieter sind ja nicht dafür bekannt, gute Stimmung anfachen oder Begeisterung befeuern zu wollen – hinter den Marktführern stecken kühle Rechner, die möglichst viel Geld verdienen wollen. Der größte Anbieter auf dem deutschen Markt veränderte gestern die Quoten für Wetten auf den Handball-Weltmeister. Dänemark liegt mit einer Quote von 2,50 vorne, dahinter rangiert jetzt aber schon Deutschland (4,75), gleichauf mit Titelverteidiger Frankreich. Die deutschen Handballer haben inzwischen auch die Gruppe beeindruckt, die mit Wahrscheinlichkeiten reich werden muss und sich nicht von Emotionen leiten lassen darf.

„Nur 2016 sind wir auch so aufgetreten, als so eine Mannschaft“, sagte Bob Hanning. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) tut seit Jahren alles dafür, dass die Wettanbieter jetzt mit ihrer Prognose Recht behalten. Nach dem Ende der Vorrunde der Heim-WM in Berlin und vor dem Start der Hauptrunde in Köln hat Hanning das Gefühl beschlichen, dass sich die Arbeit auszahlen könnte. Vor allem mit dem 25:25 gegen Frankreich, das sich wegen des letzten Gegentreffers in der Schlusssekunde zunächst wie eine Niederlage anfühlen musste, haben die Deutschen nicht nur Eindruck bei den Wettanbietern gemacht, sondern vor allem den Glauben an sich selbst gestärkt. Mit einem Sieg heute Abend (20.30 Uhr/ARD) gegen Island kann die Mannschaft von Christian Prokop diesen stärken und gleichzeitig die Chancen auf das Erreichen des Halbfinales erhöhen. „Das ist jetzt unser Ziel“, sagte Patrick Wiencek.

Wiencek, der Kreisläufer des THW Kiel, hat eine andere Betrachtungsweise als Hanning, denn er war 2016 wegen einer Verletzung nicht dabei, als Deutschland überraschend Europameister wurde. „Ich kann mich nicht erinnern, wann wir einmal eine so gute Stimmung gehabt haben“, sagte Wienzek. Der wuchtige Kreisläufer, der es so unnachahmlich versteht, die Zuschauer in der Halle zu noch mehr Anfeuerung zu animieren, spürt trotz der fehlenden Vergleichsmöglichkeit, dass innerhalb dieser „Gruppe Nationalmannschaft“ etwas entstanden ist, dass die Möglichkeit einräumt, die Wettanbieter zu bestätigen. Geht es nach ihnen, kann Deutschland das WM-Finale erreichen.

Nach dem letzten und sportlich unbedeutenden Spiel der Vorrunde gegen Serbien (31:23) verrieten die Fragen der Journalisten in der Interviewzone, dass sich in den vergangenen Tagen und Wochen eine Wandlung vollzogen hat. Die Reporter wollten wissen, ob das Gefühl während der Tage in Berlin an das von vor drei Jahren erinnert, als die Deutschen im Endspiel von Krakau ein Stück Sportgeschichte schrieben. Varazdin, diese Kleinstadt im Norden Kroatiens, in der vor zwölf Monaten die EM für die deutsche Mannschaft in einem Desaster endete, spielte aktuell keine Rolle mehr. Die Öffentlichkeit hat durch die Auftritte bei der Heim-WM das Vertrauen erlangt, dass der ausgerufene Neustart zwischen Bundestrainer Christian Prokop und den Spielern nach dem EM-Debakel vor einem Jahr mehr als nur ein Lippenbekenntnis war.

Diese Tatsache gibt Hoffnung, dass die deutschen Handballer gegen Island, und viel wichtiger noch in den weiteren Hauptrundenduellen gegen Kroatien (Montag) und Spanien (Mittwoch), die Erfolgsgeschichte fortschreiben kann. Entscheidend ist aber, dass dafür nicht nur die spürbar gute Atmosphäre spricht, sondern auch die sportliche Entwicklung auf dem Platz. 

„Wir haben die beste Abwehr der Welt“, fasste Hanning die für ihn wichtigste Erkenntnis der ersten fünf Partien zusammen. Es war vor dem Turnierstart klar, dass die Deutschen nur erfolgreich sein können, wenn die Deckungsreihe im Zusammenspiel mit den Torhütern steht. Um Abwehrchef Hendrik Pekeler herum bildete sich ein Bollwerk, das Kraft und Schnelligkeit zu vereinen vermag. Die Basis im deutschen Spiel stimmt, was auch damit zusammenhängt, dass Prokop seiner Mannschaft viel Vertrauen entgegenbringt und oft selbst entscheiden lässt., welches Defensivsystem sie spielen möchte.

Gut sind die Aussichten aber vor allem, weil sich das Offensivspiel der DHB-Auswahl deutlich positiver entwickelt als im Vorfeld zu befürchten war. Mittelmann Martin Strobel, der seit 2017 mit dem HBW Balingen-Weilstetten in der 2. Liga spielt, trat zuletzt noch besser auf als beim EM-Sieg vor drei Jahren. Sein Nebenmann Steffen Fäth spielt so selbstverständlich selbstbewusst, als hätte es die Formkrise in den vergangenen Monaten bei den Rhein-Neckar Löwen gar nicht gegeben. Der Rückraum steigerte sich zusehends.

Und das sorgt nicht nur bei Andreas Wolff für Zuversicht. „Wir haben richtig Bock“, sagte der Torhüter vor dem ersten Hauptrundenspiel heute Abend gegen Island.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion