Ein Gesicht, das man sich im merken sollte: Max Hartung, Säbelfechter und Athleten-Aktivist.
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Ein Gesicht, das man sich im merken sollte: Max Hartung, Säbelfechter und Athleten-Aktivist.

Athletenförderung

Hartung zeigt Haltung

Der Säbelfechter kämpfte schon vor der Coronakrise für die Rechte der Athleten.

Damals, in einer anderen Zeit, Monate bevor die Welt zum ersten Mal vom Coronavirus hörte, fasste Max Hartung einen Plan. „Bis Tokio“, versprach er sich und seinen Teamkollegen, „werde ich das Fechten zur Priorität machen“. Zu lange hatte Hartung Kompromisse gesucht, seinen Terminkalender geplant wie in einem Tetrisspiel, jede Lücke genutzt. Damit sollte Schluss sein. Für ein paar Wochen zumindest: volle Konzentration auf sein letztes sportliches Ziel.

Heute, in vorsorglicher Quarantäne in seiner Wohnung im beschaulichen Kölner Stadtteil Nippes, klingt der Plan, als wäre er aus einem anderen Leben. An Fechten ist nicht mehr zu denken, an Olympia im Sommer 2020 auch nicht, dafür braucht es keine Glaskugel. Hartung hat seine Konsequenzen gezogen, seinen Traum geopfert, nicht aus Sorge um sich selbst, sondern um Haltung zu zeigen in diesen schwierigen Zeiten, in denen Vorbilder mehr denn je gebraucht werden.

„Ich mache mir Gedanken, wie ich als Sportler dazu beitragen kann, dass wir möglichst alle gut durch die Krise kommen. Für mich war schnell klar, dass das bedeutet, zu Hause zu bleiben“, sagte Hartung in einem seiner zahlreichen Skype-Interviews aus der selbstgewählten Isolation. Seine Vorbereitung hat er abgebrochen, wenn die Olympischen Spiele tatsächlich im geplanten Zeitraum stattfinden, dann ohne den Säbel-Europameister.

Wenn Max Hartung sagt, er habe sich Gedanken gemacht, ist das keine Floskel. Vorschnelle Entscheidungen kennt der gebürtige Aachener nicht, schon gar nicht als Präsident des von ihm gegründeten Vereins Athleten Deutschland. Manchmal, wenn ihm jemand eine Frage stellt, lehnt sich Hartung zurück, fixiert einen imaginären Punkt im Raum und überlegt. Manchmal so lange, dass es beinahe ungemütlich wird, doch die Antwort belohnt den Wartenden.

Das haben auch die Mächtigen bemerkt – über die Sportwelt hinaus. Hartung, erst 30 Jahre alt, bewegt sich mittlerweile auf dem politischen Parkett ähnlich leichtfüßig wie auf der Fechtbahn. Er ist bestens vernetzt und hat Erfolg. Die direkte Athletenförderung durch den Bund, die Sportlerrente und die Lockerung der Marketingvorschriften durch das IOC gehen auf ihn und seinen Verein zurück. Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende im Sportausschuss des Bundestages, lobt Hartung als einen der bemerkenswertesten Athleten, die sie je getroffen hat.

Die Wertschätzung hat sich Hartung erarbeitet, weil ihm populistisches Poltern fernliegt. Weil er selbst dann Verständnis zeigt, wenn andere längst auf Konfrontationskurs gegangen sind. Als IOC-Präsident Thomas Bach, sportpolitisch ein Gegenspieler Hartungs, zu Beginn der vergangenen Woche trotz der rasanten Ausbreitung des Coronavirus keinen Zentimeter von den Tokio-Spielen abrückte und dafür Hohn, Spott und Kritik erntete, bat Hartung um Nachsicht angesichts des schwierigen Jobs des Florett-Olympiasiegers von 1976.

„Ich hätte heulen können“

Bach und Hartung: Zwei Fechter, denen die Planche als Bühne zu schmal ist. Ihr Horizont geht weit über ihren Sport hinaus – und da enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Bach wird als Sonnenkönig bezeichnet, der im IOC-Hauptquartier in Lausanne kompromisslos regiert. Hartung versteht sich als Teamplayer, seine eigene Olympiaqualifikation, bekam erst dann einen Wert für ihn, als er es auch mit der Mannschaft geschafft hatte.

Umso schwerer fiel ihm die vorzeitige Entscheidung gegen Olympia, „ich hätte heulen können“, sagt Hartung. Ob er noch einmal die Kraft aufbringen kann, sich trotz geschundener Knie bis zu einem möglichen Nachholtermin nur aufs Fechten zu konzentrieren, ist fraglich. Doch selbst wenn die Coronakrise seine Karriere beendet: Max Hartungs Terminkalender wird lückenlos gefüllt sein. (sid)

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