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„Ganz ehrlich, das ist momentan eine Kopf-Achterbahn“, sagt Athletensprecher und Fechter Max Hartung.

Max Hartung

„Wir sind alle auf Stand-by“

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Athletensprecher Max Hartung über geplatzte Träume, drohende Insolvenzen, den Druck der Fußballer und warum DOSB-Chef Alfons Hörmann in der Krise einen guten Job gemacht hat.

Herr Hartung, wie haben die Nicht-Fußballer den Re-Start der Bundesliga am Wochenende wahrgenommen?

Ich glaube, wie in der gesamten Bevölkerung, war die Stimmung auch bei den Athleten ziemlich gemischt. Viele Sportler haben sich heftig gegen die Saisonfortsetzung der Bundesliga ausgesprochen, und das kann ich auch verstehen. Die Situation ist durch die Corona-Krise weiterhin angespannt. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich nicht so einen Druck wie die Fußballer habe und die Situation noch abwarten kann. Neven Subotic hat in einem Interview ziemlich deutlich gesagt, dass er sich mehr Mitspracherecht wünscht. Dafür kämpft Athleten Deutschland und das wäre auch für den Fußball ein sinnvoller Schritt.

Sie sind Präsident des Vereins „Athleten Deutschland“. Was war die Zielsetzung hinter der Gründung 2017?

Zwischen 2014 und der Gründung sind drei entscheidende Ereignisse passiert: die Leistungssportreform in Deutschland, der Doping-Skandal von Russland und die Planung eines Anti-Dopings-Gesetzes. Wir, die Sprecher der Athletenkommission, waren bis dato ehrenamtlich tätig und brutal überfordert mit all den Geschehnissen. Es war notwendig, dass wir eine Organisation im Rücken haben.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Mittlerweile gibt es ein hauptamtliches Team mit Johannes Herber als Geschäftsführer. Unsere alltägliche Aufgabe ist der Kontakt mit den Athleten. Wir wollen wissen, wie das Stimmungsbild bei bestimmten Themen ist und was die Sportler bewegt. Im zweiten Schritt analysieren wir die Erkenntnisse und vertreten die Stimme der Athleten vor der Politik und den Verbänden. Wir sind beispielsweise regelmäßig als Sachverständige beim Sportausschuss des deutschen Bundestages eingeladen und haben am Vertragswerk für die Olympische Spiele in Tokio, der sogenannten Athletenvereinbarung, mitgearbeitet.

Olympia wurde auf 2021 verschoben. Hat das IOC beim Prozess der Verschiebung die Sportler mit eingebunden?

Ich hatte das Gefühl, dass das IOC sehr bemüht war, den Anschein zu erwecken, dass es einen Austausch mit den Athleten gibt. Es gab zwar eine Telefonkonferenz mit Athletenvertretern aus aller Welt, die wirklich wichtigen Fragen wurden dabei häufig aber leider nicht geklärt.

Welche Unklarheiten gab es?

Ich hätte mir gewünscht, dass das IOC mit offenen Karten gespielt hätte was mögliche Szenarien und deren Konsequenzen angeht. Wir wurden sehr lange im Ungewissen gelassen. Wir hatten dadurch keine echte Chance auf Mitsprache, was den neuen Termin oder auch die Qualifikationsprozesse angeht. Mehr Transparenz wäre da hilfreich gewesen. Viele Einzelsportler sind auf Sponsoren angewiesen.

Durch die Corona-Krise ist die wirtschaftliche Lage aber mehr als angespannt. Wie sehr trifft das die Athleten?

Ich merke das an mir selbst. Der schwere Schlag ist erstmal die Lebensplanung. Wir bereiten uns nahezu minutiös auf die Olympischen Spiele vor, erstellen einen Plan über vier Jahre. Und das wird dir plötzlich weggerissen. Das ist wie ein Kartenhaus, mit deiner sportlichen Karriere als oberster Karte, das dann zusammenbricht. Die finanziellen Folgen sind dann eher mittelfristig.

Heißt?

Ich glaube, dass Insolvenzen von Vereinen und Sponsoren erst noch auf uns zukommen. Das trifft dann mittelbar auch die Athleten und wird ein harter Schlag. Bisher sind es nur Einzelfälle, bei denen die komplette finanzielle Unterstützung weggebrochen ist. Viele Sportler sind bei der Bundeswehr oder der Polizei und werden weiterbezahlt. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe hat ihre Förderung ebenfalls bislang uneingeschränkt fortsetzen können.

Zur Person

Max Hartung, 30, ist ein Mann der klaren Worte und Taten. Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch rätselte, ob die Spiele verschoben werden sollen, schloss Hartung eine persönliche Teilnahme 2020 kategorisch aus. Der vierfache Fecht-Europameister ist Vorsitzender der Athletenkommission im DOSB und Gründungspräsident von Athleten Deutschland e.V. Der Verein möchte Sportlern in Deutschland eine Stimme geben und dessen Interessen vor der Politik sowie den Verbänden vertreten. FR

Wie werden die Sportler, denen die Sponsoren wegbrechen, unterstützt?

Die Verluste können bisher noch über die Stiftung Deutsche Sporthilfe aufgefangen werden. Wir müssen Probleme aber natürlich auch antizipieren und jetzt schon Strategien entwickeln. Was passiert, wenn es nicht mehr nur Einzelfälle sind, sondern es reihenweise Sportler gibt, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können? Wer wird in Zukunft überhaupt gefördert, in Zeiten, in denen keine Wettbewerbe stattfinden? Wir sind mit dem Innenministerium und dem DOSB in Gesprächen, um solche Fragen zu klären.

Die Sportverbände haben viel Macht in Deutschland und zum Teil starre Strukturen. Wird man als Athletenvereinigung überhaupt ernst genommen?

So langsam haben sich alle daran gewöhnt, dass auch wir Sportler ein Mitspracherecht haben. Aber wir mussten dafür kämpfen und es war ein harter Weg. Im Rahmen der Olympia-Verschiebung hat der DOSB ein Stimmungsbild bei den Athleten eingeholt. Das fand ich sehr gut, das hat sicherlich nicht jedes Nationale Olympische Komitee gemacht. Insgesamt hat der DOSB und dessen Präsident Alfons Hörmann in meinen Augen in der Krise einen sehr guten Job gemacht.

Also ist die Zusammenarbeit mit den Verbänden unkompliziert?

Unterm Strich sind der DOSB und die Mitgliedsverbände offen für eine konstruktive Zusammenarbeit. Es gibt aber natürlich immer noch Sachen, mit denen wir nicht zufrieden sind. Beispielsweise bei Nominierungsvorgängen für Höhepunkte oder bei der Aufnahme in eine Förderung muss die Kommunikation zwischen den Verbänden und Sportler verbessert werden. Da läuft einiges schief und wir bekommen immer wieder Beschwerden zu hören.

Wie gehen Sie mit der Corona-Krise um?

Ganz ehrlich, das ist momentan eine Kopf-Achterbahn. Zwischendurch habe ich mal Bock und viel Energie, dann fällt es mir aber schnell wieder schwer, mich im Training zu konzentrieren. Ohne Wettkämpfe, bei denen ich mich mit den Besten der Welt messen kann, ist es schwer, das Training zu konzipieren und motiviert zu bleiben. Das bedrückt mich schon.

Macht es in der aktuellen Phase überhaupt Sinn, sich Ziele für Olympia zu setzen?

Ich hatte noch nie so eine lange Pause. Das sind Zeithorizonte, die weder wir Sportler noch die Trainer gewohnt sind. Es ist alles neu, wir sind alle auf Stand-by und versuchen, nicht einzurosten. Daher setzte ich mir aktuell noch keine Ziele für 2021, sondern versuche mir kleine naheliegende Ziele zu setzen. Ich hoffe, dass Tokio ein Highlight und zugleich eine grandiose Abschiedsparty meiner Karriere wird, sehe aber, dass die Pandemie noch lange dauern wird.

Also ist nach Tokio 2021 Schluss mit Ihrer internationalen Karriere?

Das ist mein Gefühl heute. Tokio soll das letzte große Highlight meiner Fechtkarriere sein. Aber aktuell ist alles so ungewiss, da kann ich mich noch nicht festlegen.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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