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Der Hühne vom SC Charlottenburg, undiplomatisch, direkt - und erfolgreich.

Porträt des Diskuswerfers

Harting ist der Mann in Flammen

130 Kilo, Schuhgröße 50 und einer, der sich nie so verhält, wie andere es wollen. Der temperamentvolle Robert Harting ist ständig kurz vor dem Siedepunkt und ist enttäuscht, dass eine Goldmedaille nicht viel Belohnung bringt.

Von Wolfgang Hettfleisch

Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein, wenn alle zu wissen glauben, wie du tickst. Wenn jeder eine Meinung von dir hat, sei es nun eine gute oder eine schlechte. Wenn wildfremde Menschen sich anmaßen, ein Urteil über dich zu fällen. Robert Harting muss dieses Gefühl kennen. Er hat vielleicht ein Imageproblem. Aber das setzt voraus, überhaupt ein Image zu besitzen. Was wiederum den Star, den, der auffällt, aus der grauen Masse hervorhebt.

Das ist nicht besonders schwer, wenn man 2,02 Meter misst und aussieht wie einer, der zum Frühsport Bäume fällt oder sie am besten gleich ausreißt. Der Diskuswerfer ist eine imposante Erscheinung: Wettkampfgewicht irgendwo unterhalb von 130 Kilo, Schuhgröße 50, Oberschenkel wie ein Bodybuilder, 208 Zentimeter Armspannweite. Aber das ist nicht der Grund dafür, dass der 27-Jährige einer der wenigen Leichtathleten ist, über die auch mal am Stammtisch gesprochen wird. Auch Lars Riedel, sein Ahn als deutscher Kraftmeier im Diskusring, sah aus wie die fleischgewordene Fantasie eines antiken Bildhauers. Doch Riedel verkörperte den netten Kerl von nebenan, der sich notfalls auch mal jeden Quadratzentimeter Haut für ein Fotoshooting vergolden ließ. Harting hingegen scheint die Rolle des bösen Buben auf den mächtigen Leib geschneidert zu sein.

Natürlich hat das mit Berlin 2009 zu tun – seiner Heim-WM. Da sei er „mit Gewalt zur sportlichen Persönlichkeit“ geworden, sagt er. Es ist eine treffende Beschreibung. Eine, die seinen großen Durchbruch mit dem ersten WM-Titel – dem 2011 im südkoreanischen Daegu der nächste folgte – ebenso umfasst wie seinen Satz an die Adresse von DDR-Dopingopfern, die mit geschwärzten Brillen auf der Tribüne des Olympiastadions ihren Protest gegen das zum Ausdruck gebracht hatten, was im Spitzensport meist unsichtbar bleibt. „Ich hoffe“, sagte Harting am Tag vor seinem ersten großen Triumph, „wenn der Diskus aufkommt, dass er dann noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen.“

Voller Widersprüche

Das wird ihn vermutlich verfolgen bis an sein Lebensende. Es war ein Schutzreflex. Der Hüne wollte sich vor seinen Trainer Werner Goldmann stellen, dessen Verstrickung ins DDR-Staatsdopingsystem gerichtsfest sowie in Aussagen von Athleten und Akten dokumentiert ist. Vermutlich würde Harting in einem ähnlichen Fall wieder so handeln. Es entspricht seiner Vorstellung von Integrität. Der Cottbusser hat einst selbst laut über die Freigabe von Doping nachgedacht, kann sich aber über Kontrahenten, die den Pfad der Tugend verlassen, auch ordentlich empören. Solche Widersprüche sind ein Wesensmerkmal des Gold-Kandidaten.

Der Welt- und Europameister ist keiner, der sich so verhält, wie es andere von ihm erwarten. Sein Erfolg macht die Sportfunktionäre, mit denen er sich besonders gern anlegt, duldsam. Auch Harting hat dazugelernt und kann inzwischen auch mal zurückstecken. „Natürlich gibt’s viele Reibungspunkte“, sagt er, „die herrschen auch noch vor. Aber das beschäftigt einen jetzt nicht. Dann verzichtet man halt mal auf den einen oder anderen Kommentar.“

Er hat es mühsam lernen müssen. Diplomatie ist definitiv nicht Hartings starke Seite. Das hat sicher auch mit seiner Herkunft, seinem Werdegang zu tun. Der Sportsoldat kommt aus finanziell bescheidenen Verhältnissen. Er musste sich durchboxen und hat das als Heranwachsender in Cottbus gelegentlich wörtlich genommen. Seine Eltern wussten ein Gegenmittel: Sport. Er probierte es mit Schwimmen, Fußball, Handball. Er war ein guter Handballer, aber warf hin, als er sich und seine Familie mies behandelt fühlte. Es ging um Mitgliedsbeiträge. Harting wechselte mit fast zwölf zur Leichtathletik. Eigentlich zu spät. Aber es sollte sich zeigen, dass nicht nur sein Talent größer war als das der anderen, sondern auch sein Ehrgeiz. Mit 15 wechselte er ans Sportgymnasium in Berlin-Hohenschönhausen, der Trainer wegen. Es war der erste Schritt auf seinem Weg zum Weltklasse-Athleten.

Es ist wohl auch Wut, was ihn antreibt und ihm ermöglicht, an seine Grenzen zu gehen. „Ich bin wie Wasser, das bei 99 Grad ständig am Kochen ist und nicht versiedet. Ich versuche, den Deckel draufzuhalten, damit nichts raus kommt“, sagte er mal der Münchner TZ. Er spricht gern und oft in Bildern, sein Sprachgefühl ist bemerkenswert. Der vermeintliche böse Bube ist ganz offenkundig ein heller Kopf. Er studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste, liebäugelt damit, nach der sportlichen Karriere eine eigene Agentur aufzuziehen.

Wann das sein wird, ist bei ihm schwer einzuschätzen. Nach einem Olympiasieg vielleicht? „Was einen antreibt“, sagt er, „ist das Gefühl, noch was in petto zu haben. Wenn das nicht mehr so ist, sollte man aufhören.“ Harting aber ist sich sicher, dass er diesen Punkt noch nicht erreicht hat. Auf 70,66 Meter schleuderte er die zwei Kilo schwere Scheibe in diesem Jahr. So weit wie noch nie, so weit wie kein anderer 2012. Sein Hunger ist längst nicht gestillt. Er wolle Maßstäbe setzen, sagt er. „Da bin ich noch gar nicht. Davon bin ich noch ein, zwei, drei Meter entfernt.“

Bandscheibe als Preis

Das sind keine guten Neuigkeiten für die Konkurrenten. Der Sportsoldat ist seit 28 Wettkämpfen ungeschlagen. Dabei hatte er sich im vorigen Herbst einer Operation am linken Knie unterziehen müssen. Harting kämpfte zudem mit Depressionen, spricht offen darüber, dass er psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Er, der Harting, der harte Kerl, der sich auf seiner Homepage gern in Macho-Pose präsentiert – aktuell als Mann in Flammen. Und der auf die Frage, ob es für die Spiele einer besonderen mentalen Vorbereitung bedarf, antwortet: „Nö. Kalender raus und immer runterzählen.“

Am 4. August reist er auf die Insel. Bevor es für ihn ernst wird in London, will er noch ein paar Freunden bei ihren Wettbewerben zuschauen: Kanuten und Wasserspringern. Die Härten der Vorbereitung liegen jetzt hinter ihm. Im Bundesleistungszentrum Kienbaum hatte er 300 Würfe pro Woche absolviert, dazu Sprint- und Sprungtraining. Dass das Knie gelegentlich aufmuckt, nimmt er hin. Diskuswerfen ist eine ständige Gratwanderung. Es geht um eine ausgewogene Kombination von Kraft, Geschwindigkeit und Technik. Kommt einer der drei Faktoren zu kurz, kann man den Wurf vergessen. Kleinigkeiten entscheiden über Sieg oder Niederlage: „Ich kann eine feine Bewegung nur über drei Wochen halten“, erläutert Harting. Wenn er will, kann er über seinen Sport ganze Vorlesungen halten.

Olmypia-Sieg bringt wenig Geld

Aber da ist ja auch noch das Temperament, das immer wieder mit ihm durchgeht. Etwa dann, wenn er sich einem seiner Lieblingsthemen widmet: der für seine Begriffe mangelhaften wirtschaftlichen Absicherung deutscher Spitzensportler. Sportlich sei ein Sieg bei den Olympischen Spielen sicher das Größte, sagt er, „aber rein wirtschaftlich ist er tiefer einzustufen als der WM-Ttitel – leider.“ 15.000 Euro schüttet die Sporthilfe für eine Goldmedaille aus. Kleine Länder wie Slowenien und Bosnien zahlten 60.000, sagt Harting. „Das muss man sich mal reinziehen.“ Dass die deutschen Sportfunktionäre gleich im Chor aufschrien, hat ihm vermutlich gefallen. Er mag’s nun mal auf die Harting-Tour.

„Der Sport ist meine Existenz“

Natürlich befindet er sich auch finanziell in einer privilegierteren Position als die meisten anderen im deutschen Olympiateam. Die Prominenz, die er nicht nur seinen überragenden sportlichen Leistungen verdankt, hat den Mann vom SC Charlottenburg nicht reich gemacht, sorgt aber doch für eine gewisse Sicherheit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass der persönliche Preis dafür hoch ist. „Der Sport ist meine Existenz. Das heißt auch, man kann nicht einfach locker lassen. Denn das hat Konsequenzen – schon am nächsten Tag.“ Der Körper, dessen ist er sich sehr bewusst, wird sich eines Tages für die Belastung rächen. Als ihn ein Kinderreporter mal fragte, bis zu welchem Alter man diesen Sport professionell betreiben könne, antwortete Harting: „Es kommt drauf an, wie lange deine Bandscheiben mitmachen, ob sie mit 30 kaputt sind oder mit 35. Aber kaputt gehen sie auf jeden Fall.“

Wenn’s nach ihm geht, sollen es natürlich die kaputten Bandscheiben eines Olympiasiegers sein. „Ich bin lange ungeschlagen. Aber man darf nicht so vermessen sein, Gold vorauszusetzen. Es ist schön, dass es klappen kann. Und es wäre natürlich auch schön, wenn es klappt.“ Und natürlich kann der harte Harting auch mit den damit verbundenen Erwartungen leben. „Ich hab’ ein bisschen Platz auf dem Rücken. Da kann sich der DLV draufsetzen. Und meinetwegen Deutschland auch.“ Wenn er es schafft, soll das Trikot diesmal, anders als 2009 in Berlin, ganz bleiben. Die Bilder des mächtigen Kerls aus Deutschland, der im Adrenalinrausch mit einem Riss blank zog, gingen um die Welt. Seitdem glauben seine Landsleute zu wissen, wer dieser Robert Harting ist. Dass sie damit Recht haben, ist nicht sehr wahrscheinlich.

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