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Bob Hanning wusste um die Tragweite seiner Worte.

Kommentar

Bob Hanning im Zwielicht

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Der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes stellt Bundestrainer Christian Prokop in Frage und tut dann so, als sei es ein Missverständnis gewesen. Das ist unmoralisch und unangebracht. Ein Kommentar.

Wer Bob Hanning kennt, diesen kleinen großen Mann des deutschen Spitzenhandballs, der weiß um seine Eloquenz. Er ist schlagfertig, mitunter pointiert, ganz gewiss ein erfolgreicher Netzwerker - und er versteht es wie kein Zweiter, auf der Klaviatur der Medien zu spielen. Die nutzt er gerne für seine Zwecke. Ob informell oder, wie zuletzt in Wien, ganz offensiv, als der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) den amtierenden und von ihm stets protegierten Bundestrainer Christian Prokop öffentlich zur Diskussion stellte („Was macht die Mannschaft mit ihrem Trainer?“).

Bob Hanning wusste nach der ebenso knappen wie unverdienten Niederlage gegen Kroatien und dem damit einhergehenden Verpassen des Halbfinals sehr genau um die Tragweite seiner Worte. Sich am Montag nach dem klaren Sieg gegen EM-Gastgeber Österreich hinzustellen und zu behaupten, missverstanden worden zu sein, lässt einen nur lächelnd zurück. Das stimmt einfach nicht. Hanning baute Druck auf - er zündelte, ganz bewusst. Ob er nun die Mannschaft motivieren oder Prokop infrage stellen wollte, lässt zwar einen kleinen Interpretationsspielraum, den Hanning nun auszuspielen versucht. Allerdings heiligt der Weg zum Erfolg nicht immer alle Mittel.

Es steht ganz außer Frage, die EM-Vorrunde in Trondheim war eine völlig verkorkste für die deutsche Mannschaft. Was die durch sechs Ausfälle arg geschwächte DHB-Auswahl aber in der Hauptrunde auf die Platte brachte, genügte allerhöchsten Ansprüchen. Klare Siege gegen Weißrussland und Österreich, dazwischen das Ausrufezeichen gegen Kroatien - es war beeindruckend, mit welcher Stärke und mit welchem Selbstbewusstsein Prokops Auserwählte nach der viel zu kurzen Vorbereitung aufspielten. Eine Diskussion um den Trainer verbietet sich da nicht nur, sie ist gar unmoralisch und höchst zwielichtig.

Hanning hält im deutschen Handball seit vielen Jahren alle Fäden zusammen. Seine Erfolge sind unbenommen. Der ehemalige Assistent (1999) von Ex-Bundestrainer Heiner Brand stellte in Berlin die Weichen für den sportlichen Aufstieg der Füchse, er war es auch, der Dagur Sigurdsson 2014 zum Bundestrainer machte. Zwei Jahre später verantwortete der Isländer mit seinen Bad Boys den EM-Sieg in Polen. 2017 setzte Hanning den vergleichsweise unerfahrenen Prokop als Sigurdsson-Nachfolger durch. Mit anderen Worten: Was Hanning sagt, wird gemacht!

Wenn also ausgerechnet dieser Hanning mit dem unmissverständlichen Zweifel um die Ecke kommt, sein wichtigster Mitarbeiter könnte im Olympiajahr 2020 seine Mannschaft verloren haben, ist das Ernst zu nehmen.

Das Ende der Geschichte: DHB-Sportvorstand Axel Kromer sah sich am Dienstag genötigt, dem Bundestrainer (Vertrag bis 2022) eine Jobgarantie auszusprechen - auch im Namen von Bob Hanning.

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