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Steffen Weinhold  hat die am Donnerstag beginnende Europameisterschaft schon abgesagt.

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Handball macht krank

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Finanziell geht es dem Sport so gut wie nie - auf Kosten der Gesundheit der Spieler, wie nun wieder zur Handball-EM deutlich wird. Dort wird sogar das Klima geknechtet. Ein Kommentar.

Alle Jahre wieder stimmen die weltbesten Handballer dasselbe Klagelied an. Die körperliche Überbelastung ist längst ein Evergreen. Der prallgefüllte Rahmenterminkalender ist krank – und macht es auch. Die Krankenakten malader Handballer zeugen davon. Jahrelang hielt beispielsweise Steffen Weinhold seine Knochen für den deutschen Handball hin. Nun geht es einfach nicht mehr. Die am Donnerstag beginnende Europameisterschaft hat er schon abgesagt. Eine Spritzenkur soll helfen, den geschundenen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Fabian Wiede, einer der Bad Boys von 2016, musste sich kurz vor Jahresende einer Schulter-OP unterziehen. Zwei Beispiele nur.

Derlei Geschichten gibt es aber zu Hauf. Betroffen sind vor allem die großen Handballnationen, deren Beste in den stärksten europäischen Ligen ihr Geld verdienen. In der Bundesliga beispielsweise wurde bis zum 29. Dezember um Punkte gespielt. Ab dem 2. Januar zog Bundestrainer Christian Prokop seine EM-Fahrer für eine Kurzlehrgang zusammen. Eine Woche nach den kontinentalen Handballspielen nimmt die Bundesliga wieder ihren Spielbetrieb auf. Zeit zum Durchatmen – es gibt sie einfach nicht. Im August stehen die Olympischen Spiele in Tokio an, ein Qualifikationsturnier im April in Berlin soll den Weg nach Japan ebenen.

Vor diesem Hintergrund muss einem die 2014 beschlossene Reform der ersten paneuropäischen EM 2020 wie ein blanker Hohn vorkommen. Erstmals sind 24 Nationen und nicht mehr nur 16 qualifiziert. Bedeutet: Wenn es am Schlusstag um die Medaillen geht, haben die Teams bereits acht Spiele in den Knochen.

Auch das Klima leidet

Diese Rechnung haben die EHF-Funktionäre aufgemacht, sie geht aber allein auf Kosten der Spieler, die, das darf nicht unerwähnt bleiben, dank üppig dotierter Verträge in ihren Klubs selbst Profiteure des Wachstumskurses sind.

Es geht eben allen nur ums Geld. Wie immer. Statt 47 Spiele wird es 65 geben. Statt eine EM in einem Land, sind es drei Gastgeber, die vom Boom profitieren. Acht Teilnehmerländer mehr, bedeuten acht neue Märkte. Klar, dass die Verantwortlichen in der Wiener Zentrale der EHF freudig dem Kommerz frönen. Wenigstens „wirtschaftlich bleibt niemand auf der Strecke“, sagt EHF-Generalsekretär Martin Hausleitner. Bereits 2018 schloss der europäische Handballverband einen fetten TV-Vertrag mit der Perform-Group und Infront ab, der ihnen zwischen 2020 und 2030 mindestens eine halbe Milliarde Euro in die Kassen spülen wird.

Der Raubbau betrifft aber nicht nur die Gesundheit der Spieler. Die in Norwegen, Schweden und Österreich ausgespielte EM schert sich wenig bis gar nicht um den Klimaschutz. Die CO2-Bilanz dieser Veranstaltung gibt einen bitteren Vorgeschmack auf die im Sommer anstehende Fußball-EM in zwölf Ländern.

Das lässt sich am Beispiel der deutschen Mannschaft gut verdeutlichen: Vorrunde in Trondheim, Hauptrunde in Wien – und sollte die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop die Finalrunde in Stockholm tatsächlich erreichen, wird allein der DHB-Tross in den kommenden 18 Tagen mehr als 5900 Kilometer mit dem Flugzeug zurückgelegt haben.

Eine vertane Chance. Denn gerade der Sport könnte ein Instrument sein, um das Bewusstsein für den Klimawandel in weiten Teilen der Gesellschaft zu schärfen und nachhaltiges und verantwortungsbewusstes Verhalten zu fördern. Den EHF-Funktionären dürfte das mit Blick auf die zu erwartenden Erlöse aber völlig egal gewesen sein. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Andreas Wolff zählt seit dem Gewinn des EM-Titels 2016 zu den weltbesten Handballtorhütern. Die FR hat sich vor der Handball-EM mit Wolff zum Interview getroffen.

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