Zu allem bereit: Andreas Wolff.
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Zu allem bereit: Andreas Wolff.

Handball-EM

Andreas Wolff will’s bei der EM wissen: „Ich fahre hin, um zu gewinnen“

  • Jörg Hanau
    vonJörg Hanau
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Andreas Wolff über sein neues Leben in Polen, seine Rolle als Führungsspieler bei der Handball-EM - und das neue Torhütergespann.

Andreas Wolff (28) zählt seit dem Gewinn des EM-Titels 2016 zu den weltbesten Handballtorhütern. Mit seiner herausragenden Leistung im Finale gegen Spanien (24:17) ebnete er vor vier Jahren in Polen den Weg zu Gold.  Der 1,98 Meter große Rheinländer spielte in der Bundesliga für den TV Großwallstadt, die HSG Wetzlar und den THW Kiel. Im Sommer 2019 wechselte er zum polnischen Spitzenklub KS Kielce. Die FR hat sich vor der Handball-EM mit Wolff zum Interview getroffen.

Herr Wolff, Sie verdienen Ihr Geld ja mittlerweile bei KS Kielce. Wie gefällt es Ihnen in Polen?

Mir gefällt es sehr, sehr gut. Die Menschen sind sehr freundlich, die Sprache ist aber sehr, sehr schwierig.

Haben Sie schon was gelernt?

Ich kann ein bisschen was. Wenn unser Trainer Talant Duschebajew in der Kabine spricht, verstehe ich alles. Bei Alltagsgesprächen gibt es noch Nachholbedarf.

Den Schritt nach Polen haben Sie jedenfalls nicht bereut?

Ich bin ja erst ein halbes Jahr dort. Es ist noch zu früh, ein Fazit zu ziehen. Ich fühle mich dort sehr wohl, der Trainer ist fantastisch, die Mannschaft überragend.

Der Wechsel ins Ausland lässt Sie auch menschlich reifen ...

... auf jeden Fall. Ich fülle jetzt auch das Amt des Kapitäns aus. Das ist natürlich eine zusätzliche Herausforderung, denn da wächst man auch noch einmal charakterlich. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt in meiner Karriere.

In der Nationalmannschaft sind Sie zwar nicht der Kapitän, aber Ihr Wort hat trotzdem Gewicht. Sie sind schon durch alle Wasser gegangen, haben nicht zuletzt 2016 das EM-Gold festgehalten. Wie beschreiben Sie Ihre Rolle in den kommenden zweieinhalb Wochen?

Ich möchte den nicht so erfahrenen, jungen Spielern helfen, den ersten Schritt zu gehen, durch das Fahrwasser einer EM zu manövrieren. Das ist der Job, den alle Arrivierten ausfüllen müssen, um mit den Jungs quasi als Bootskapitäne über dieses Meer zu schippern, damit uns keiner untergeht.

Auf der anderen Seite dieses Meeres wartet dann das Finale am 26. Januar in Stockholm? Oder ist es intern nicht erlaubt, es so zu formulieren?

Ich sage es doch vor jedem Turnier: Ich fahre dort hin, um zu gewinnen. Das Ziel ist jetzt erst mal das Halbfinale. Wir müssen schauen, wie wir Fabian Wiede und Steffen Weinhold ersetzen können, die in den vergangenen Jahren ungeheuer wichtig für uns waren. Das müssen wir mit interner Geschlossenheit als Mannschaft, mit der richtigen Begeisterung und mit dem richtigen Flow auf die Platte bringen.

Es wird oft von 2016 gesprochen. Damals sind Sie als Außenseiter in die EM gestartet und haben das Turnier gerockt. Nun aber reisen Sie als WM-Vierter an -und nicht wenige erwarten eine Medaille.

2016 hatten wir eine Mannschaft, die wahrscheinlich vom Selbstvertrauen und der spielerischen Klasse nicht die Standards erreicht, die diese Mannschaft aktuell auf die Platte bringt. Natürlich haben wir ein paar Neulinge dabei, aber es gibt auch nicht wenige Spieler, die über eine gehörige Portion Erfahrung verfügen. Wir sind keine unheimlich junge Mannschaft. Wir haben Spieler, die sich jedes Jahr auf höchstem Niveau messen. Wir haben einen Kapitän, der bei Paris St. Germain gespielt hat. Ich selbst spiele in Polen und in der Champions League. Wir haben zwei Spieler vom THW Kiel, dazu weitere Spieler aus deutschen Spitzenklubs, die im vergangenen Jahr Champions League gespielt haben. Insbesondere in der Defensive gehören wir zu den besten Teams der Welt. Wir müssen eben schauen, dass wir schnellen Handball spielen, um die eine oder andere fehlende Qualität in der Offensive zu kompensieren.

Haben Sie Mitspracherecht, wenn es um die Defensive geht?

Was heißt Mitspracherecht? Christian (Bundestrainer Prokop; Anm. d. Red.) gibt natürlich die Taktik vor, aber wir haben eine offene Kommunikation. Wenn die Torhüter eine Idee haben, wenn der Innenblock eine Idee hat, wenn irgendjemand eine Idee hat, die die Mannschaft nach vorne bringen kann, dann wird das angesprochen und besprochen.

Das empfinden Sie auch als Verpflichtung ...

... definitiv. Du musst als Führungsspieler vorangehen und die jüngeren Spieler an die Hand nehmen, um ihnen bei aller Nervosität ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Sie müssen spüren, dass es Leute gibt, auf die sie sich verlassen können. Im Umkehrschluss können wir uns dann auch auf sie verlassen.

Es gibt ein neues Torhütergespann im deutschen Handball: Jogi Bitter und Sie, Ein Welt- und ein Europameister.

Jogi erhöht mit 37 Jahren jedenfalls schon mal den Altersdurchschnitt im Team (lacht). Er hat die Champions League gewonnen, ist Deutscher Meister geworden, er hat die Weltmeisterschaft 2007 im eigenen Land gewonnen. Er ist ein überragender Torhüter und ein überragender Typ. Unsere Kommunikation ist sehr offen. Wir tauschen uns viel aus. Ich freue mich, mit ihm dieses Turnier spielen zu können. Aufgrund seiner Erfahrung wird das für mich ähnlich wie 2016 mit Carsten Lichtlein. Davon werde ich profitieren. Wir sind auf der Torhüterposition sehr gut aufgestellt.

Passen Sie auch charakterlich zusammen?

Wir haben schon einige Gespräche geführt, er ist ein sehr netter Mensch, aber um ihn charakterlich zu bewerten? Da können wir vielleicht in ein, zwei Wochen noch mal drüber reden. Grundsätzlich ist er von seiner Mentalität ungemein stark, er ist ein Spieler, der eine Mannschaft mitreißen kann.

Abschlussfrage: Erster, Zweiter, Dritter oder Vierter?

Erster.

Interview: Jörg Hanau

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