Kommentar

Halbwüchsig

Die Normalität hat Hoffenheim eingeholt. Sie anzunehmen und zu gestalten, darin besteht die Herausforderung, der sich der Halbwüchsige unter den Bundesligisten stellen muss. Von Wolfgang Hettfleisch

Von Wolfgang Hettfleisch

Alarmsignale gibt es viele am einst beschaulichen Fußballstandort Sinsheim/Hoffenheim. Der schwächelnde Torjäger Ibisevic wird von Trainer und Manager wegen eines unterbliebenen Abspiels öffentlich abgewatscht. Abwehrboss Simunic stellt fast schon im Wochentakt die Arbeitsauffasung von Kollegen in Frage. Mäzen Hopp tut seine Unzufriedenheit über die Presse kund. Und Spielmacher Carlos Eduardo vermittelt seit seiner Berufung in die Seleção den Eindruck, als sei es ein böses Missverständnis, dass es einen wie ihn in den Kraichgau verschlagen hat.

Dass die Überflieger mal hart landen würden, war unvermeidlich, die Kabalen in der nordbadischen Provinz aber sind es nicht. Die Spannungen dokumentieren, dass beim einstigen Kreisligisten nicht nur sportliche und ökonomische Potenz, sondern auch die Empfindlichkeiten und Machtansprüche der wichtigsten Akteure (zu) rasch gewachsen sind.

Noch zu Zweitliga-Zeiten speisten die Hoffenheimer Profis nach getanem Tagwerk gemeinsam in der Gaststätte am alten Stadion - Tür an Tür mit ihren Fans. Das hatte etwas im besten Sinn Provinzielles, war Ausdruck einer Nestwärme, die Demba Ba, Chinedu Obasi und Carlos Eduardo auf Anhieb zu tollen Leistungen befähigte. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das dem technokratischen Ansatz vom am Reißbrett entworfenen künftigen Bundesligisten den Stachel nahm, hat sich verflüchtigt. Hoffenheim ist im Fußballgeschäft angekommen - im Guten wie im Schlechten.

Umso wichtiger ist eine stabile Machtstatik, die den Klub auch in sportlichen Krisenzeiten trägt. Doch da tauchen Zweifel auf. Trainer Rangnick ist vielleicht der beste Projektleiter, der sich vorstellen lässt, die Mühen der Ebene aber könnten ihm zu trivial sein. Manager Schindelmeiser wiederum sollte den Eindruck fürchten, er ließe fürs eigene Macher-Image gern auch den einstigen Mentor Rangnick durch Reifen springen.

Klar, solche Reibungen rücken erst dann ins Blickfeld, wenn es auf dem Rasen nicht läuft. Auch das ist Bestandteil der neuen Hoffenheimer Normalität. Sie anzunehmen und zu gestalten, darin besteht die Herausforderung, der sich der Halbwüchsige unter den Bundesligisten stellen muss.

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