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Einer, der weiß, welche Farben ihm stehen: Leonardo Cocimano.

WM in Frankfurt: Viertelfinale

Halb himmelblau

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Wenn am Samstagnachmittag Deutschland gegen Argentinien in Südafrika antritt, schlagen in Frankfurt einige Herzen auch für den WM-Gegner. In Maßen. Von F. Tinnappel

Heute wird Leonardo Cocimano sein Restaurant nicht wie an anderen Tagen um 18 Uhr öffnen. Die ersten Gäste werden im "Buenos Aires" vor dem Anpfiff um 16 Uhr erwartet. Wenn in Südafrika Deutschland gegen Argentinien antritt, kann man bei Cocimano scharf marinierte Kalbsherzspieße verzehren oder sich ein saftiges Steak schmecken lassen.

Das Geheimnis der argentinischen Steaks, erklärt der gelernte Koch, ist die Natur. "Die Tiere laufen frei herum und fressen Gras." Sein 86-jähriger Vater ist auch Koch. Er wird an diesem Nachmittag mit in der Küche stehen. Auch Sohn und Tochter - beide studieren - werden helfen: An diesem Samstag herrscht im Buenos Aires der Ausnahmezustand. Und das alles in einem himmelblau-weißen Ambiente: Die eine Tischdecke blau, die andere weiß. Die Decken weiß, die Balken himmelblau.

Wie viele Gäste kommen, weiß Cocimano nicht. Er wird wohl wieder Stühle aus dem Keller holen. Vier Bildschirme erlauben es, das WM-Duell zu verfolgen. "Das letzte Mal haben wir verloren", brummt Cocimano, damals, 2006. "Wir wären jetzt dran." Wie er sich den Nachmittag vorstellt? "Gucken und arbeiten, ein bisschen Stimmung machen, schreien." Cocimano tippt auf ein 2:1 für Argentinien. "Aber es wird kein einfaches Spiel. Die werden sich nichts schenken. Ich hoffe, dass es fair bleibt."

Der Trainer der Argentinier, Diego Maradona, ist auch unter Argentiniern umstritten. Cocimano war erst skeptisch, findet aber jetzt, dass Maradona seine Arbeit als Trainer gut gemacht hat. "Er begeistert und motiviert seine Spieler."

Professor Ariel Auslender von der Technischen Universität in Darmstadt hat dagegen "ein Problem mit Maradona": Er sei "vulgär", ein "Clown". Der Professor für Bildhauerei, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, mag "diese Neigung nicht, Menschen zu Idolen zu machen". Das habe ihn schon in Argentinien immer gestört. In seinem Büro hängt eine himmelblau-weiße Fahne, aber "wenn Deutschland gewinnt, würde ich mich riesig freuen". Mit der argentinischen Mannschaft könne er sich nicht identifizieren. Auslender ist mit einer deutschen Bildhauerin verheiratet. Nach Deutschland zu kommen, das sei schon eine Art Kultur-Schock gewesen, erinnert er sich. Er schätzt die "deutsche Zuverlässigkeit" - "auch wenn das spießig klingt."

Walter Sabiel ist von Geburt an "halb und halb". Der 44-Jährige wurde in Buenos Aires geboren. Er hat einen deutschen Vater und eine argentinische Mutter. Vom Vater habe er die Genauigkeit geerbt, die er als Buchhalter braucht, von der Mutter das Improvisieren-Können, ohne das "viele Sachen nicht zustande kommen" würden. So ist der begeisterte Tänzer als Mitarbeiter der Academia de Tango gut aufgehoben. Wer das Viertel-Finale gewinnen soll? "Maradona droht, Schweinsteiger droht. Das ist kein Sport", kritisiert Sabiel. Er wird sich das Spiel am Nachmittag ansehen und hoffen, "dass es ein faires Spiel bleibt".

"Eins, zwei blockieren"

Von seiner Nische zwischen Tapa Bar und Tanzfläche sieht Sabiel , wie der Tanzlehrer Julio Gondillo ein Dutzend Anfänger unterrichtet. "Eins, zwei blockieren", flüstert er seinen Schülern immer wieder ins Ohr. Einen nach dem anderen, die Männer genau so wie die Frauen, nimmt er in den Arm, um ihnen diesen Schritt beizubringen.

Wie in Trance probieren die Schüler den Schritt. Eine sanfte Drehung wird vom Erstaunen über die eigene Unbeholfenheit begleitet. Erste Paare finden zusammen. Heute ist wieder so ein Tag mit Männermangel. Deshalb muss der peruanische Kellner aus der Tapa Bar, in der ein wunderschönes rotes Sofa steht, einspringen.

Noch fehlt jeder Anflug von Leidenschaft. Das sind Anfänger, meint Sabiel. Er selbst tanzt ausgesprochen gern. "Tango ist hauptsächlich Laufen." Wenn Grundschritte und Figuren beherrscht werden, beginnt die Improvisation. Wichtig dabei: "Locker bleiben, sich auf die Musik einlassen." Beim Tango führt der Mann. Die Frau sieht nichts, muss sich auf den Partner verlassen, erzählt Sabiel. Dafür dürfe die Frau "schöne Figuren und Drehungen machen. Der Mann muss sie halten, sonst fallen beide".

Eigentlich, meint Sabiel, seien die Rollen ganz gut verteilt. Und die beim Fußballspiel? Seine achtjährige Tochter wird zu Deutschland halten. Er selbst scheint sich nun doch für das Team von Maradona entschieden zu haben: "Eigentlich wäre Argentinien dran."

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