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Mediziner berichten, dass viele extrem Übergewichtige mit Sport gar nicht abnehmen.
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Mediziner berichten, dass viele extrem Übergewichtige mit Sport gar nicht abnehmen.

Sport gegen Übergewicht

Als hätte man nichts getan

Mit Sport sind viele extrem Übergewichtige völlig überfordert. Zu recht. Denn Mediziner berichten, dass Dicke mit Sport kaum abnehmen können. Oft helfe nur eine OP. Von Frauke Haß

Als der Sportmediziner Perikles Simon die Bedeutung der beiden Grafiken erklärt, die er da gerade an die Wand geworfen hat, geht ein Raunen durch den Saal: "Extrem Übergewichtige können mit vernünftiger Ernährung und Sport allein langfristig nicht abnehmen", sagt der Professor der Universität Mainz mit leicht resignierter Miene und die Tagungsteilnehmer der Evangelischen Akademie Tutzing staunen.

Simon behandelt regelmäßig Menschen mit Adipositas, chronischer Fettsucht also, "doch selbst, wenn wir mit Sport und Ernährung perfekt intervenieren, sind wir zwar in den ersten zwei Jahren recht erfolgreich." Doch im vierten Jahr pendle das Gewicht wieder gegen die Ausgangssituation. "Das ist dann fast so, als hätte man nichts getan." Das einzig langfristig erfolgreiche Verfahren mit Blick auf Sterblichkeit und gesundheitliche Folgen wie Diabetes und Herz-/Kreislauferkrankungen seien Magenverkleinerungen. Das hätten mehrere Studien gezeigt. "Ein Schlag ins Gesicht für uns Sportmediziner."

Warum das so ist, darüber rätsle die Forschung noch. "Eine plausible These ist das Bestreben des Körpers nach optimaler Fettanlagerung." Vereinfacht gesagt: Der Körper drängt immer danach, den alten Zustand der Vorratshaltung (Fettspeicher) wieder herzustellen und holt deshalb aus dem Wenigen, das er bekommt das "Bestmögliche" heraus. "Wie dieser Jojo-Effekt wirklich funktioniert, wissen wir überhaupt nicht."

Dicke nicht völlig übefordern

Simon bricht eine Lanze für die sehr dicken Mitmenschen: "Vieles deutet darauf hin, dass wir viele von ihnen mit unseren Programmen völlig überfordern." Um das zu ändern, müsste der behandelnde Arzt viel konsequenter und genauer als bisher bestimmen, wie fit der Mensch überhaupt ist, dem er da Sport und Salat verordnet. Denn es kann sein, dass er ihm damit ein Trainingsprogramm zumutet, dass sich selbst Champions-League-Fußballer nur zwei mal die Woche aufladen.

"Wer auf Basis einer im Prinzip guten Kondition seine Ernährung umstellt und obendrein eben bedingt durch die gute Kondition das Glück hat, kein Bedürfnis nach Kohlehydraten zu haben, der kann es ertragen, Salat und Gemüse zu essen. Andere aber nicht."

Als Beispiel nennt Simon Joschka Fischer: Der sei in seiner Jugend Nachwuchsleistungssportler im Radfahren gewesen. "Nur mit dieser Ausdauergrundlage war der stark übergewichtige Joschka Fischer überhaupt in der Lage, die ganzen Jahre Fußball zu spielen. Nur deshalb konnte er eben mal so drastisch abnehmen." Übertragbar auf jeden Adipösen sei das aber nicht.

Im Tagungssaal im schönen Kloster von Heilsbronn deutet Simon auf seine Grafiken. Die eine zeigt die Tageskurve von Puls und Herzfrequenz bei einem durchtrainierten Hobby-Langstreckenläufer - alles im grünen Bereich - die andere dasselbe bei einem stark übergewichtigen Physiotherapeuten. Mit den Signalfarben gelb und rot hat Simon hier sichtbar gemacht, dass der Mann schon beim Gang zur Kaffeemaschine an seine Ausdauerleistungsgrenze kommt: Mute man ihm auch noch ein Audauertraining bei 80 Prozent seiner maximalen Herzfrequenz zu, was einer Sondertrainingseinheit für WM-Fußballer entspricht, produzierten seine Muskeln ein Übermaß an Milchsäure.

Chronisch erschöpft

Milchsäure ist Zucker, der ineffektiv verbrannt wird. "Dieser Mensch setzt auch bei gewöhnlicher Alltagstätigkeit, bei der normale Menschen Fette verstoffwechseln können, praktisch nur noch Zucker um. Zucker, den auch das Gehirn dringend braucht. Deshalb sendet es Warnsignale, wenn ständig die im Körper nur begrenzt vorhandenen Zuckerreserven angegriffen werden." Die Folge: Der Mann ist chronisch total erschöpft und: Er hat Heißhunger auf ungesunde Nahrungsmittel, die in der Lage sind, dem Körper in kurzer Zeit eine Menge Energie zuzuführen.

"Das ist eine paradoxe Situation: Er soll sich eigentlich gesund ernähren und viel bewegen, braucht aber schon bei Alltagstätigkeiten übermäßig viel Zucker und gibt dem irgendwann nach." Die Umwelt reagiert auf den schwach gewordenen Kuchenesser abfällig: "Der schafft es einfach nicht. Kann sich nicht zusammenreißen." Gleichzeitig nehmen alle wahr: Selbst Gehen mit lächerlichen sechs Kilometern pro Stunde macht ihn völlig fertig. Noch mehr Spott und Häme sind ihm gewiss. "Dabei ist sechs Kilometer schnelles Gehen pro Stunde für die Hälfte der Adipösen schon intensiver Sport", warnt Simon.

Die Welt ist ungerecht. Also quäle sich der Mann weiter "und baut nun auch noch Muskulatur ab, um den Zucker bereitzustellen, den er eigentlich fürs Gehirn braucht." Er wird noch schlechter, schafft nur noch fünf Kilometer pro Stunde, baut Wasser und Muskelmasse ab, während die Fettmasse stagniert. "Reiner Raubbau", urteilt Simon. Bei jedem Hungeranfall, dem er nun nachgibt, "wird jede Kalorie als Fett eingelagert. Die Folge: Das Gewicht ist genauso hoch wie zuvor, aber der Körper besteht aus noch mehr Fett und weniger Muskeln."

Simon folgert aus seinen Analysen, dass 50 Prozent der Adipösen keinen Sport machen dürfen, "sondern bestenfalls Alltagsaktivität: sehr langsam die Treppe gehen oder vier Kilometer pro Stunde gehen. Wenn sie das eine Stunde am Tag tun, entspricht das dem hohen Tempo eines Hochleistungssportlers, der mit 18 Kilometern pro Stunde durch den Wald rennt." Allerdings gebe es auch konditionsstarke Übergewichtige, die durchaus joggen könnten.

Er plädiert deshalb vor dem Sport für eine sportmedizinische Untersuchung, um herauszufinden, welches Training für den Einzelnen angemessen ist. "Das kostet auch nicht mehr als ein Paar Turnschuhe. Ginge es nach mir, wäre das Kassenleistung." Für viele Adipöse sei so eine Untersuchung das erste Mal, dass jemand ihre Situation realistisch beurteilt. Es sei eine Wohltat für sie, wenn der Arzt nicht einfach sagt: "Friss´ die Hälfte!", sondern: "Klar, ist es für Sie besonders schwer, abzunehmen. Und am schwersten sind die ersten Kilos, aber dann wird es leichter."

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