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Public Viewing in der Commerzbankarena beim DFB-Pokalendpiel Eintracht Frankfurt gegen Dortmund.

DFB-Pokalfinale

Gute Verlierer, dezente Sieger

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25 000 Fans fiebern beim Public Viewing im Waldstadion mit. Aber nur wenige können feiern.

Am Ende hat alles nichts geholfen. Sie haben gesungen, gebrüllt, ihr Team nach vorne gepeitscht, als spiele das nicht in Berlin, sondern im heimischen Waldstadion, gezittert und gebangt. Als Alex Meier eingewechselt wird, ihr „Fußballgott“, schöpften die Eintracht-Fans unter den 25 000 Zuschauern beim Public Viewing noch einmal Hoffnung. Doch es bleibt beim 2:1, Dortmund und nicht ihre SGE hat den DFB-Pokal gewonnen. Traurigkeit macht sich breit.

Für die paar BVB-Fans , die in ihren schwarz-gelben Trikots auch als solche zu erkennen sind, ist die Situation nicht einfach. Zu laut jubeln, wenn nebenan Eintracht-Fans Tränen in den Augen haben? Einen der jungen Männer, die an diesem heißen Tag nicht nur zu viel Sonne getankt haben, womöglich provozieren? Schon nach dem ersten Tor für Dortmund kommt es kurz zu einem Handgemenge. Die allermeisten, die offen oder heimlich zum BVB halten, tun das sehr diskret, manche auch aus familiären Gründen.

Lukas aus Aschaffenburg etwa muss, als die letzten Hoffnungen der SGE-Fans verflogen sind und manche schon das Stadion verlassen, seinen Papa Felix Becker trösten. Der kleine BVB-Fan äußert sich denn auch sehr diplomatich. „Der Schiri war ein bisschen parteiisch“, sagt er. Sein Vater zeigt sich, wie die allermeisten im Stadion, als guter Verlierer. Trotz allem sei es doch ein super Spiel gewesen, sehr spannend. Andere sind verstummt. Schade, sagt eine Frau nur und sieht sehr traurig aus.

Viele haben eine weite Fahrt hinter sich, einige Fans aus Thüringen etwa sind extra nach Frankfurt gekommen, um ihre Eintracht auf zwei Leinwänden spielen zu sehen. Doch am Eingang zum Stadion heißt es erst einmal warten, warten, warten. In einer riesigen Schlange stehen sie 45 Minuten vor Anpfiff auf der Fußgängerbrücke, die über die B44 führt. Die Sonne knallt, einige junge Männer haben schon ein paar Bier zu viel intus, nach und nach werden immer mehr richtig sauer. Vor Tor 3 begehren immer mehr von ihnen wütend Einlass, versuchen gar, einfach an den Ordnern vorbeizukommen, irgendwann fliegt von der Brücke eine Bierflasche.

Singend versuchen sich die Fans oben in der Hitze die Zeit zu vertreiben und den Frust nicht überhand nehmen zu lassen. Am nächsten Morgen schon kritisieren FR-Leser scharf die aus ihrer Sicht miese Organisation des Public Viewing.

Im Stadion endlich ist die Stimmung riesig, ausgelassen, siegesgewiss. „Schwarz-weiß wie Schnee, das ist die SGE“, schallt es immer wieder durch die Ränge. Nur die Hälfte ist geöffnet, in den Innenraum dürfen nur die Organisatoren. „Steht auf, wenn Ihr Adler seid!“, brüllt es. Doch die meisten können sich vor Spannung eh nicht mehr auf den Sitzplätzen halten. Sie schimpfen auf den Schiedsrichter,  buhen jedesmal, wenn die Dortmunder Fans auf der Leinwand erscheinen, pfeifen, wenn ein Dortmunder nach ihrer Ansicht eine Verletzung nur vortäuscht. Und jubeln dann immerhin einmal an diesem Frühsommerabend: Als Ante Rebic das Tor zum 1:1 schießt, flippt alles regelrecht aus vor Freude.

Die weicht dann allerdings nach dem Elfmetertor dem Hoffen, Bangen, Fluchen, Schimpfen. Noch ein Freistoß, noch ein Eckball, letzte Chancen, vielleicht doch noch zu feiern, nach dem Spiel im Korso durch die Stadt zu fahren, zu singen und vor Freude zu brüllen. Doch kurz vor der Nachspielzeit gehen die Ersten. Nach dem Abpfiff wird es still. Versteinerte Blicke. Trauer. Dann bald schon Analyse.

Als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich eine S-Bahn gekommen ist und die Fans zum Hauptbahnhof gebracht hat, sind freilich nur noch die wenigsten in Feierlaune. Viele hat der lange heiße Tag, das Singen, Brüllen und Hoffen mit ihrer Mannschaft sichtbar geschlaucht. Und zu feiern haben sie nun auch nichts. Das wäre was gewesen, endlich mal wieder ein großer Erfolg für ihr Team, erstmals nach 1988 den Pokal zu gewinnen, der, wie sich die Experten schon auf dem Hinweg einig sind, eh viel schöner ist als die blöde Meisterschale. Was hätten sie gefeiert. Nun zieht es die meisten direkt heim. Nur ein paar Unverdrossene lassen sich nicht abhalten, „Scheißegal, wir gehen jetzt nach Alt-Sachs“, gibt einer die Parole aus.

Auch wenn der Abend für die Eintracht-Fans im Waldstadion mit einer Enttäuschung endet, von einem sind sie verschont geblieben – dem Schlager-Pop von Helene Fischer. Noch bevor in Berlin die Halbzeit-Show beginnt und die bei den SGE-Fans wegen ihrer offenen Sympathie für den BVB alles andere als beliebte Sängerin auftritt, schaltet die Bild-Regie im Stadion weg. Statt „Atemlos durch die Nacht“ schallt „Erbarme, die Hesse komme“ durchs Rund.

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