+
Vollkommen am Ende: Der ukrainische Geher Marian Zakalnitski.

Leichtathletik-WM

Groteskes Schauspiel

Die WM-Wettkämpfe im Marathon und Gehen wurden auf den Straßen Dohas zur Hitzeschlacht. Athleten kritisieren die Veranstalter scharf.

Geher, die wie Untote durch die glühende Nacht taumeln. Marathonläuferinnen, die am Ende ihrer Kräfte in Rollstühlen kauern. Katarische Adlige und sportliche Amtsträger, die dem Ganzen auf klimatisierten Tribünen wie einem Gladiatorenkampf folgen. Die von brutaler Hitze und offensichtlicher Qual geprägten Straßenrennen der Leichtathletik-WM in Doha werden als groteskes Schauspiel in Erinnerung bleiben. Eines, das gnadenlos auf dem Rücken der Sportler ausgetragen wurde.

„Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere“, sagte der französische Geher Yohann Diniz. Der 41-Jährige ist nicht irgendwer in der Szene, sondern Weltrekordler und 50-Kilometer-Weltmeister von 2017. Diniz weiß, was Leiden sind: Bei Olympia in Rio brach Diniz zusammen, er ging weiter, Magen und Darm rebellierten für jedermann sichtbar, Diniz kämpfte sich ins Ziel. In Doha aber warf der wohl härteste aller Geher nach nicht einmal 20 Kilometern das Handtuch.

Beim Frauen-Marathon, ebenfalls bei 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgetragen, gaben 28 von 68 Starterinnen auf, 30 Läuferinnen mussten sich in medizinische Behandlung begeben, wie der Weltverband IAAF fast schon mit zufriedenem Unterton mitteilte: „Das Medizinzentrum hat gut und effizient gearbeitet. Alle Athletinnen wurden sofort behandelt.“ Das klang mehr nach einem Bulletin aus einer Krisenregion als nach Sportveranstaltung.

„Der Wettkampf war nicht normal, es war schwierig zu atmen“, sagte der deutsche Geher Carl Dohmann, der beim Sieg des Japaners Yusuke Suzuki Siebter wurde. Teamkollege Jonathan Hilbert (23.) sprach von einer „Grenzerfahrung“. Suzuki, ein Meister seines Fachs, schleppte sich um 3.34 Uhr am Sonntagmorgen quasi auf Notstrom über die Ziellinie, die letzten zehn Kilometer hatte er abwechselnd im Renn- und im Schlurftempo zurückgelegt. Die sportliche Auswertung zeigt den ganzen Irrsinn: Suzuki blieb elf Minuten über der bislang schlechtesten WM-Siegerzeit, mit 4:04:50 Stunden 31 Minuten über der Goldmarke von Diniz zwei Jahre zuvor in London. Und das im Gehen, wo die Strecken stets topfeben sind und sich nur die Bedingungen unterscheiden.

Auch der von der Kenianerin Ruth Chepngetich gewonnene Marathon war der mit Abstand langsamste der WM-Geschichte. Dennoch kapitulierten selbst Weltklasseathletinnen. „Es war schrecklich. Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt“, sagte Sara Dossena, italienische EM-Sechste von Berlin 2018, die nach einem guten Viertel der Distanz in den Rollstuhl wechselte. „Es war beängstigend, einschüchternd und entmutigend“, befand die Kanadierin Lyndsay Tessier, die Neunte wurde.

Auch abseits der Straßentorturen wird harsche Kritik am Veranstalter und den für die Vergabe der WM in den Wüstenstaat verantwortlichen Entscheidern laut. „Jeder kann sehen, dass dies hier ein Desaster ist“, sagte Frankreichs Zehnkampf-Weltrekordler Kevin Mayer: „Die Tribünen sind leer, und die Hitze hat man überhaupt nicht in den Griff bekommen.“ Dass im Morgengrauen nur wenige Zuschauer für Gehen und Marathon zu begeistern waren, ist verständlich. Doch selbst im klimatisierten Stadion, dessen Kapazität durch großflächiges Abdecken ganzer Blöcke auf 20 000 Plätze halbiert wurde, wollten am Samstagabend kaum 10 000 Menschen das 100-m-Finale der Männer sehen, das ansonsten der Höhepunkt einer WM ist.

Kurz zuvor war die deutsche Laufhoffnung Alina Reh Mitte des 10 000-Meter-Rennens von Magenkrämpfen geschüttelt zusammengebrochen, auch ihr Doha-Abenteuer endete vorerst im Rollstuhl. Die Probleme seien „sicherlich mit den besonderen Bedingungen hier vor Ort“ zu begründen, sagte DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska. (sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion