BFC Dynamo

Der große Fehler

Der einstige BFC-Trainer Jürgen Bogs kam nie im Profifußball an – ein Treffen.

Von Michael Jahn

Der einstige BFC-Trainer Jürgen Bogs kam nie im Profifußball an – ein Treffen.

Jürgen Bogs ist pünktlich auf die Minute. Einen Rundgang wollen wir unternehmen über seine alte Wirkungsstätte. Im Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen feierte der Fußballtrainer Bogs einst seine größten Erfolge. Zehn Mal in Serie wurde er zwischen 1979 und 1988 mit dem BFC Dynamo DDR-Meister und stand in 40 Europacupspielen an der Seitenlinie. All das ist 25 Jahre her und Bogs, leicht ergrautes Haar und Brille, ist mittlerweile auch schon 66 Jahre alt. 2008 ist er mit Abschlägen in Frührente gegangen. Doch untätig zu Hause sitzen ist nicht sein Ding. Ohne den Fußball kann er nicht sein. Bogs wirkt agil, ist gesprächig und scheint voller Tatendrang zu sein. Dass er längst ein künstliches Kniegelenk trägt und eine lädierte Bandscheibe hat, merkt man ihm nicht an.

Wir gehen zum Platz des BFC, wo einst auf der kleinen Tribüne auch häufig Erich Mielke, als Minister für Staatssicherheit (MfS) zuständig für Terror nach Innen, samt Entourage saß und die Auftritte seiner Lieblingskicker lautstark im Berliner Jargon kommentierte. Der BFC wurde damals vom MfS, dem Innenministerium und dem Zoll protegiert.

Bogs setzt sich für den Fotografen auf die leere Tribüne, die etwas in die Jahre gekommen ist. Noch immer spielt der BFC auf diesem Platz, allerdings lediglich in der Oberliga Nordost, also der fünften Liga. Jürgen Bogs kennt diese Spielklasse inzwischen aus dem Effeff. Seit Oktober vorigen Jahres trainiert er die Oberligamannschaft des 1. FC Neubrandenburg 04, die in einer Staffel mit dem BFC um die Punkte kämpft. Mit seinem neuen Verein spielt er derzeit gegen den Abstieg und rangelt mit den Konkurrenten, die nun Malchower SV, Brandenburg Süd, SV Waren 09 und Anker Wismar heißen.

Später machen wir Halt vor dem Club-Kasino, einem Flachbau mit Terrasse – nur wenige Meter vom kleinen Stadion entfernt. Die Vorderfront des Kasinos zieren riesige Schwarz-Weiß-Fotos aus den Glanzzeiten des Vereins. Auch Bogs ist überlebensgroß verewigt. „Nein“, sagt er, „Wehmut kommt bei mir nicht auf, wenn ich auf das Gelände komme.“ Die Vergangenheit hat Bogs weit hinter sich gelassen, obwohl sie gerade ihn immer wieder eingeholt hat. Die Spieler, die neben ihm auf den großen Fotos posieren – von Andreas Thom bis zu Thomas Doll – haben später alle im gesamtdeutschen Profifußball lukrative Jobs bekommen. Dass sie zuvor beim in der DDR unbeliebten BFC unter Vertrag standen, war dabei für die Manager der Bundesligisten überhaupt kein Hindernis. Nur Bogs, der Cheftrainer, fand keine adäquate Arbeit mehr.

Auf jeder seiner Trainerstationen nach seiner BFC-Zeit, die ihn bis in die Niederungen der achten Liga geführt hatten, waren bei der Vorstellung vor den Medien nicht zuerst seine fachlichen Qualitäten gefragt, sondern die Vergangenheit. Rechtfertigen sollte er sich – für die Unterstützung seitens des MfS für den Klub, für die Fehlentscheidungen einiger Schiedsrichter in der Oberliga, die seine Mannschaft im vorauseilenden Gehorsam häufig bevorteilten. Das war auch bei seiner Vorstellung in Neubrandenburg, einer 65?000-Einwohner-Stadt, nicht anders. „Wie war das mit Mielke? Und wie mit den vielen Elfmetern für den BFC?“, fragten die Medienvertreter. Bogs gab ruhig Auskunft.

Zum Stichwort Schiedsrichter sagt Bogs immer: „26 Spiele in einer Saison in der DDR-Oberliga kannst du nicht verschieben. Wir hatten zu dieser Zeit die fußballerisch beste Mannschaft.“ Und man habe sehr professionell gearbeitet. Als später die DDR am Ende war und auch der BFC seine mächtigen Gönner verlor, fand sich für Bogs kein Platz im Profifußball, was dieser mit dem Abstand der Jahre sehr nüchtern betrachtet. Jürgen Bogs wohnt im Osten Berlins in einem Einfamilienhaus mit Garten. Dort lebt er allein, wenn er nicht gerade in Neubrandenburg ist. Er pendelt. Zwei Stunden benötigt er für die rund 135 Kilometer mit dem Auto zu seinem Arbeitsplatz.

Im Jahr 2000 hatten er und seine Frau sich das Haus gebaut, 135 Quadratmeter groß. Doch seine Frau erkrankte an Krebs, fünf Jahre pflegte er sie aufopferungsvoll bis zu ihrem Tod 2009. „Ohne Fußball“, sagt Bogs nun, „wäre mir später zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen.“ Nach der tiefen Trauer hat er wieder Mut gefasst. Er wirkt nicht verbittert angesichts des Schicksals, das ihn ereilte. Wenn Bogs ergründen soll, warum für ihn kein Platz bei einem renommierten Klub vorhanden war, sagt er: „Ich habe damals einen großen Fehler begangen. Ich habe mir keinen Berater geholt wie einige andere DDR-Trainer. Ich dachte, ich bin ja bekannt, ich packe das so.“

Seine Stationen lesen sich nicht besonders aufregend: 1. FC Schwedt, TSG Neustrelitz, Schönower SV, SV Zehdenick. Nur einmal kam er kurz im Westen unter, bei Kickers Emden. Es blieb eine Episode, nur 17 Monate lang. „Einmal“, erzählt Bogs, „hat mir Willi Lemke gesagt, dass ich bei Werder Bremen als Trainerkandidat auf einer Liste stand. Doch die haben sich damals für Dixie Dörner aus Dresden entschieden.“ Das war 1996.

Bevor im Herbst vorigen Jahres der Anruf aus Neubrandenburg kam, trainierte Bogs den Achtligisten SV Zehdenick im Landkreis Oberhavel, wo er beliebt war. Doch das Angebot, gleich drei Ligen zu überspringen, war „wie ein Sechser im Lotto“. Wenn Bogs von seinen Jungs spricht, spürt man seine Begeisterung. Er habe ein sehr junges Team und derzeit nur einen echten Stürmer. Ein anderer Angreifer sei nach Neuseeland gegangen, um etwas zu erleben. Trainieren kann Bogs erst immer ab 18 Uhr, „weil alle noch irgendwo arbeiten“. Vormittags trainiert Bogs an der Sportschule Schüler von der 11. bis zur 13. Klasse.

Wenn Bogs in Berlin in seinem Haus ist, fragen ihn seine Bekannten ab und an, ob er denn bekloppt sei, statt gemütlich im Garten zu sitzen immer wieder auf der Autobahn nach Neubrandenburg zu fahren. Dann antwortet er: „Ich habe den Spaß an der Trainerarbeit nicht verloren.“ Mit seiner jungen Mannschaft will er unbedingt die Klasse halten. „Neubrandenburg hat die Oberliga verdient.“ Auch nach unserem Rundgang an seiner alten Wirkungsstätte, dem Sportforum Hohenschönhausen, steigt Bogs wieder in sein Auto. „Wenn alles gut läuft, bin ich in zwei Stunden in Neubrandenburg“, sagt er. Dann gibt er Gas.

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