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Recep Tayyip Erdogan bei der Eröffnung des Stadions von Besiktas Istanbul.

Vor EM-Wahl

Der größte Fan heißt Erdogan - Türkische Fußball-Krise

Der türkische Fußball hat zum Leidwesen der Fans den Anschluss an Europas Spitze verloren. Die großen Vereine sind schon seit längerem praktisch pleite - und von der Gunst der Regierung abhängig. Dennoch soll Deutschland als Konkurrent um die EM 2024 geschlagen werden.

Als wichtigsten Neuzugang dieser Saison stellte der türkische Spitzenklub Besiktas Istanbul Ende August einen Mann vor, der vor einigen Wochen durch zwei schwere Patzer weltberühmt geworden war.

Loris Karius, beim FC Liverpool nach den Fehlern im Finale der Champions League gegen Real Madrid auf die Bank verbannt. Während sich Besiktas früher gerne mit schillernden Namen verstärkte, muss sich der Verein in diesem Jahr mit einem Spieler als Spitzentransfer begnügen, den Fans weltweit vor Kurzem noch verhöhnten.

Der Wechsel steht geradezu exemplarisch für die Lage des türkischen Fußballs, symbolisiert er doch, mit welchen Problemen die Süper Lig zu kämpfen hat. Einst träumte die höchste Spielklasse des Landes davon, sich auf Augenhöhe mit den großen Ligen Europas zu messen.

Doch die Realität kurz vor der Entscheidung über die Bewerbungen Deutschlands und der Türkei für die EM 2024 ist eine ganz andere: Längst haben die türkischen Clubs den Anschluss an Europas Spitze verloren. Den besten Beweis lieferte Bayern München im Frühjahr, als der deutsche Meister Besiktas im Achtelfinale der Champions League mit einem 5:0 und 3:1 im Schongang aus dem Wettbewerb schoss.

Die schwierige Wirtschaftslage des Landes und die Währungskrise haben die Situation weiter verschärft. Rund 40 Prozent ihres Wertes hat die türkische Lira seit Anfang des Jahres zum Euro verloren. Ehemalige Topstars wie Lukas Podolski oder der Holländer Robin van Persie, die sich ihr Engagement in der Türkei einst ordentlich vergüten ließen, sind so für die Klubs am Bosporus praktisch unerschwinglich geworden. Den Torhüter Karius hat Besiktas für zwei Jahre ausgeliehen.

Schon vor dem Einbruch der Lira in diesem Sommer war die wirtschaftliche Situation der großen türkischen Klubs prekär. Emir Güney, Direktor des Zentrums für Sportstudien der Kadir-Has-Universität in Istanbul, sagt sogar: „Alle Clubs sind bankrott.“ Einem Bericht der regierungsnahen türkischen Zeitung Sabah zufolge stiegen die Schulden der vier großen Klubs - neben Besiktas zählen dazu noch Galatasaray, Fenerbahce sowie Trabzonspor - auf fast zehn Milliarden Lira. Das macht rund 1,4 Milliarden Euro.

„Es ist die einzige Liga Europas, in der das Vermögen der Klubs kleiner ist als ihre Schulden und Verpflichtungen“, sagt der britische Journalist Patrick Keddie, der über den türkischen Fußball das Buch „The Passion“ geschrieben hat. Wie auch Emir Güney ist der Autor davon überzeugt, dass das ganze System nur noch durch das Wohlwollen der türkischen Regierung am Leben gehalten wird. Etwa durch Steuerschulden, die den Vereinen gestundet werden. Was im Umkehrschluss bedeutet: Sollte die Regierung der Liga ihre Unterstützung entziehen, bräche der türkische Fußball zusammen.

Mit einem Liebesentzug der türkischen Führung ist jedoch nicht zu rechnen, nicht nur weil Präsident Recep Tayyip Erdogan - der als junger Kicker den Spitznamen „Imam Beckenbauer“ trug - wie so viele Türken ein leidenschaftlicher Fan ist. Politik und Volkssport Fußball sind in der Türkei aufs Engste miteinander verwoben. Was sich vor allem an der einflussreichen Unternehmerfamilie Demirören festmachen lässt, die enge Beziehungen zum Staatschef pflegt.

Der kürzlich verstorbene Erdogan Demirören und Sohn Yilidirm zählten 2016 zu den Hochzeitsgästen der Tochter des Präsidenten. Im Frühjahr übernahm das Unternehmen mit dem Dogan-Konzern die größte Mediengruppe der Türkei. Damit wanderten mehrere weit verbreitete TV-Sender und Zeitungen in den Besitz der Demirören-Familie, darunter auch das populäre Sportblatt „Fanatik“. Sohn Yilidim wiederum ist Präsident des türkischen Fußballverbandes TFF. Das wäre so, als besäße die Familie von DFB-Chef Reinhard Grindel den „Kicker.“

Die Regierung war es auch, die überall im Land Stadien bauen ließ und lässt, mehr als 30. So spielt etwa Besiktas in einer brandneuen Arena für rund 42 000 Zuschauer. Hätte Erdogan nicht hinter diesem Projekt gestanden, wäre der Bau nicht möglich gewesen, rühmte Besiktas-Präsident Fikret Orman 2015 den Staatschef. Drei weitere Stadion will der Verband für die EM 2024 noch neu oder umbauen lassen, darunter das Istanbuler Olympiastadion für 85 000 Zuschauer.

Die Liga selbst hat in den vergangenen Jahren nach der Einführung eines Registrierungssystems für den Ticketkauf einen Zuschauerschwund erlebt. Dabei sind es nicht zuletzt die Fans, die den türkischen Fußball ausmachen und jedes Stadion in einen Hexenkessel verwandeln können - mit ihrer Begeisterung und Sangesfreude.

Die Fans sind es auch, die immer wieder nach großen Namen für ihre Lieblingsklubs lechzen. Trotz Finanzkrise, das Träumen lassen sie sich nicht nehmen. Die türkischen Sportzeitungen mischen dabei kräftig mit. Derzeit spekulieren sie darüber, ob bald Mesut Özil zu Fenerbahce Istanbul wechseln könnte.

(Von Jan Kuhlmann, dpa)

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