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Ein Trainer für mehr Lob als Tadel: Mirko Slomka.
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Ein Trainer für mehr Lob als Tadel: Mirko Slomka.

Mirko Slomka

"Die größte Droge ist Anerkennung"

Hannovers Trainer Mirko Slomka äußert sich im Interview vor dem heutigen Europa-League-Spiel von 96 zur schwierigen Entwicklung einer Spitzenelf und dem Umgang mit Druck.

Mirko Slomka, 44, Trainer von Hannover 96, ist ein paar Tage länger als gewöhnlich von seiner Frau Gunda und seinen Kindern Lilith und Luk getrennt. Am Dienstagmorgen ist der Bundesligist zum vorletzten Europa-League-Gruppenspiel bei Standard Lüttich (Mittwoch 21.05 Uhr/live Kabel eins) geflogen, danach reisen die Niedersachsen direkt zum Bundesliga-Spiel beim SC Freiburg weiter.

Hannover 96 benötigt heute nur ein Unentschieden mit mindestens einem Tor, um sich vorzeitig für die Zwischenrunde zu qualifizieren. Klubchef Martin Kind spricht vom international größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist es auch ohne das Weiterkommen, das wir natürlich anstreben, schon der größte internationale Erfolg, denn es ist nicht alltäglich, in den Playoffs den FC Sevilla zu schlagen. In die K.-o.-Runde zu kommen wäre ein Riesenerfolg, auch für mich als Trainer persönlich.

Sie standen bereits mit dem FC Schalke im Halbfinale des Uefa-Cups und 2008 sogar im Viertelfinale der Champions League. Wie weit muss Hannover 96 kommen, um Vergleichbares zu schaffen?

Das ist nicht vergleichbar. Das Halbfinale gegen Sevilla haben wir gleich zu Beginn meiner Trainerkarriere erreicht und ich wäre mit Schalke fast Meister geworden. Mit Hannover freue ich mich ganz speziell, weil ich ein Kind dieser Stadt bin. Allein die Riesenparty, die unsere Fans in Kopenhagen gefeiert haben, zeigt wie besonders die Europa League für Hannover und unseren Verein ist.

In Hannover taugt die Europa League, um wahre Euphoriewellen auszulösen: In Kopenhagen waren zuvor sogar 10000 Fans mit, die Heimspiele sind. Auch die Einschaltquoten bei Sat.1 und Kabel eins sind sehr ordentlich, trotzdem kann es gut sein, dass kein deutscher Free-TV-Sender in der nächsten Saison die Europa League überträgt. Müsste dieser Wettbewerb mehr Wertschätzung erfahren?

Dieser Wettbewerb ist für viele von außen noch sehr undurchsichtig, weil das Format oft geändert worden ist. Aber wenn Klubs über das Erreichen des Europapokals reden, ist immer auch die Europa League gemeint. Wir müssen aber nicht drüber diskutieren, dass die Champions League deutlich attraktiver und lukrativer ist.

Aber der Ableger taugt zumindest dazu, das Renommee zumindest der Regionalmarke Hannover 96 zu mehren?

Wir geraten dadurch ins Blickfeld: bundesweit, teilweise im angrenzenden europäischen Ausland. Ich bezweifle jedoch, dass wir im Sponsoring überregional spannender werden, weil da einfach die großen Klubs wie Bayern, Dortmund, aber auch Bremen, Schalke, Stuttgart oder Hamburg noch eine andere Strahlkraft haben. Wenn wir große Unternehmen in Hannover begeistern und dadurch fünf Millionen Euro mehr Etat stemmen könnten, wäre das schön.

Wie kann der Europapokal genutzt werden kann, um Nachhaltigkeit herzustellen? Mit ihrem Personalkostenetat von 27 Millionen Euro ist der derzeitige Platz acht in der Bundesliga in Ordnung, berechtigt aber nicht wieder für den internationalen Wettbewerb.

Wir müssen die Spieler, von denen wir überzeugt sind, halten. Da reden wir von Typen wie Jan Schlaudraff, der bei uns an Größe gewonnen hat. Und es geht wahrscheinlich auch darum, begehrenswerte Spieler mal zu verkaufen – davon sollten wir uns nicht freimachen.

Es heißt also, wenn aus der Premier League ein Klub kommt und, sagen wir, 15 Millionen Euro für Mohammed Abdellaoue bietet, ist ihr Torjäger nicht mehr unverkäuflich?

Bleiben wir im Konjunktiv: Dann müssten wir sicher nachdenken, und das halte ich auch in jeder Hinsicht für legitim. Ich wäre auf der Seite des Vereins, wenn man diskutiert, ihn abzugeben. Wenn ein Spieler, der sich hier entwickelt hat, mit so deutlichem Gewinn abgegeben werden könnte, müsste man das in Erwägung ziehen. Wir wären dann gefordert, die nächste Entdeckung zu tätigen. Aber Fakt ist auch: Wir sind sehr glücklich, dass Moa für 96 spielt.

Die Entwicklung zur Spitzenmannschaft ist unglaublich schwierig. FSV Mainz 05, 1. FC Nürnberg oder SC Freiburg können die Überraschungen der Vorsaison nicht bestätigen und finden sich alle im unteren Drittel wieder. Warum Hannover 96 nicht?

Wir hatten das große Glück, nicht mit Leihspieler zu arbeiten. Aber so ist unsere Personalplanung auch ausgerichtet. Für andere Klubs war es bitter, die Spieler zu entwickeln, aber gleich wieder abzugeben. Das ist uns nicht passiert, wir konnten das Konstrukt zusammenhalten. Aber wenn unser Gerüst nur auf drei Positionen verändert würde, bekämen wir auch Probleme.

Eine Schlüsselrolle nimmt ihr Umschaltspieler Manuel Schmiedebach ein, der sich aber beharrlich weigert seinen Vertrag zu verlängern und bereits mit großen Vereinen in Verbindung gebracht wird.

Hier sind wir in der Situation, dass wir den Vertrag nicht vorzeitig verlängern konnten. Ich würde mir wünschen, dass er bleibt – der Manuel ist ein schlauer Bursche, er hat in seiner Karriere gemerkt, dass er nicht überall willkommen war. Bei uns hingegen sehr, er hat bei uns einen hohen Stellenwert. Für Manuel werde ich kämpfen, das steht fest.

Sie haben neben Schmiedebach auch Spieler wie Lars Stindl, Konstantin Rausch, Ron-Robert Zieler entwickelt, Profis wie Schlaudraff oder Karim Haggui wieder stärker gemacht. Lässt sich das so leicht wiederholen?

Ich glaube, ich habe 24, 25 Debütanten in die Bundesliga geführt, darunter sind mit Benedikt Höwedes, Manuel Neuer oder Mesut Özil aktuelle Nationalspieler. Ich darf also durchaus behaupten , dass ich einen Blick für Talente habe und es auch schaffe, gestandene Spieler durch eine andere Art des Umgangs zu alter Stärke zurückzubringen.

Wie?

Durch Respekt. Es geht darum, erfahrenen Spielern Wertschätzung für vergangene Leistungen entgegenzubringen, vielleicht auch ihre Art zu leben, zu akzeptieren und sie zu weiteren großen Leistungen zu motivieren. Die größte Droge ist Anerkennung. Damit lässt sich in allen Bereichen der Gesellschaft größte Wirkung erzielen. Das Handwerkszeug bringen sehr viele mit, doch um in die Topspitze zu kommen, braucht es Selbstvertrauen und Willen. Das macht letztlich den Unterschied zwischen erster, zweiter und dritter Liga aus, und dafür bin ich als Trainer verantwortlich.

Sie reden über den mentalen Bereich, über mentale Stärke. Am konkreten Beispiel: Ihren Torwart Zieler haben Sie vor dem Debüt in der Nationalmannschaft nach dem Schalke-Spiel öffentlich kritisiert, aber nach seinen Fehlern in Wolfsburg geschützt. Warum diese Extreme?

Was ich extern sage und intern im persönlichen Gespräch äußere, ist schon etwas anderes. Nur: Vor dem Schalke-Spiel hatte ich bei Ron-Robert den Eindruck, dass die Nationalmannschaft ihn zu sehr beschäftigt und abgelenkt hat. Das habe ich ihm auch in aller Deutlichkeit gesagt. Torhüter dürfen nie aufhören, sich auf das Abrufen von Leistung zu konzentrieren.

Wie sind Sie dann mit ihrem Torwart Markus Miller umgegangen, der sein Burnout-Syndrom öffentlich gemacht hat? Auf dem Trainingsplatz wirkt er wieder sehr präsent.

Er kam sehr frühzeitig in der Saison zu mir. Ich habe daraufhin gebeten, den behandelnden Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden, um mir ein besseres Bild zu machen. Ich hatte zunächst das Gefühl, er gibt mir meinen Rucksack. Nur ich konnte diesen Rucksack nicht alleine tragen. Ich finde, wir sind dann alle im Verein, also Präsident, Manager und Presseabteilung, sehr professionell und sehr ruhig damit umgegangen. Als Markus jetzt zurückgekommen ist, hatte ich das Gefühl, er wäre nie weggewesen. Er ist ein grandioses Beispiel, dass nach einer solchen Erkrankung die Rückkehr wieder möglich ist.

Hatten Sie während der Erkrankung Kontakt?

Ja, wir haben häufiger telefoniert. Ich habe ihm auch Trainingspläne geschrieben, um körperlich aktiv zu bleiben.

Ist Hannover durch den Fall Robert Enke besser darauf vorbereitet, solche Probleme zu lösen?

Jeder Fall ist sehr individuell. Aber: Markus Miller hätte für seine Erkrankung kaum einen besseren Klub haben können, weil Stadt, Fans, Mitspieler und auch Medien für dieses Thema sensibilisiert waren. Alle Seiten gehen damit respektvoll um: Robert Enke hat natürlich alle in Hannover aufhorchen lassen.

Der Fußball bleibt eine Leistungsgesellschaft. Ihr Weggefährte Ralf Rangnick ist aus den gleichen Gründen wie Markus Miller ausgestiegen. Wie sehr hat Sie das betroffen gemacht?

Ich habe direkt am Tag danach mit ihm telefoniert. Das war mir auch ein Bedürfnis, denn wir hatten eine so enge Freundschaft, dass mir das Sorgen gemacht hat. Das war ein ganz tolles, längeres Gespräch. Vielleicht ist er einfach zu früh wieder eingestiegen – wenn Schalke ruft, sagt man halt ungern Nein. Grundsätzlich macht man sich über die Situation eines Trainers dann auch seine Gedanken, aber ich sage für mich, dass ich den Druck einigermaßen kanalisieren kann.

Der Schiedsrichter Babak Rafati aus Hannover konnte das offensichtlich nicht. So hat es jedenfalls sein Anwalt jetzt der Öffentlichkeit mitgeteilt.

Ich kannte den Babak sehr gut. Er hat eine Nähe zu 96, war häufiger bei uns Mir zeigt das noch mal, dass wir vom Inneren des Menschen zu wenig wissen. Ich meine ohnehin, dass wir den Profischiedsrichter einführen sollten, weil der Aufwand fast ähnlich ist wie für Spieler oder Trainer. Und selbst Fernsehkommentatoren erledigen ihren Job auch nicht nebenbei, sondern bereiten sich ganze Tage auf ein Spiel vor.

Würde es denn nicht helfen, wenn die ganze Branche verbal weniger brachial miteinander umgeht?

Ich bin grundsätzlich kein Typ, der einzelne Spieler öffentlich abstraft – das gehört sich nicht. Lob und Tadel bleiben die Mittel eines Trainers. Daher ist es schwierig, noch vorsichtiger zu sein oder sich alles vorher zu überlegen. Auf dem Trainingsplatz ist manchmal eine forsche Ansprache nötig, da fallen auch scharfe Sprüche. Wir müssen uns im Klaren sein, in welchem Berufszweig wir uns befinden. Das ist jeden Tag Druck. Es geht darum, mindestens einmal die Woche Höchstleistung abrufen. Dafür leben und arbeiten wir. Ich möchte das nicht missen. Jeder kann das selber entscheiden, ob er daran teilnimmt. Konstruktive Kritik gegenüber allen, die an diesem Produkt Fußball arbeiten, muss immer erlaubt sein. Beleidigend oder persönlich darf die Kritik aber nie sein. Jeder muss für sich selbst überlegen und entscheiden, ob er diesen öffentlichen Druck aushalten oder sich auf andere Art durchs Leben bewegen will.

Das Interview führte Frank Hellmann

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