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Bezeichnet sich selbst als „konservativer, muslimischer, politisch sehr mäßig engagierter deutscher Patriot“: Faris Al-Sultan.

Triathlon-Bundestrainer Faris Al-Sultan

Grenzwertige Vergleiche

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Triathlon-Bundestrainer Faris Al-Sultan kassiert eine Rüge vom Verband, weil er unter anderem die Bundesregierung für ihr Corona-Vorgehen attackiert - mit einem schrägen historischen Vergleich.

Faris Al-Sultan macht gar keinen Hehl daraus, dass er seit Tagen schlecht schläft. Oft nur drei, vier Stunden, dann liegt er wieder wach und grübelt nach. Anderthalb Kilo hat er nebenbei noch abgenommen. „Die Situation belastet mich, das geht mir an die Nieren“, sagt der Triathlon-Bundestrainer. Der gebürtige Münchner galt schon in aktiven Zeiten als streitbarer Charakter. In den sozialen Netzwerken äußerte er sich die vergangenen Tage kritisch zur aktuellen Vorgehensweise in der Corona-Pandemie. Zudem holte er in einem Leserbrief an das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zu einem heftigen Rundumschlag aus. „Ich schäme mich für ein Magazin, das sich in unzähligen Aussagen dem Thema des Dritten Reichs und des Holocaust gewidmet hat und immer wieder darauf hingewiesen hat, wie problematisch der blinde Gehorsam gegenüber einer politischen Führung ist, aber nun lieber Meinungsmache betreibt, statt die Fakten, die spätestens seit der ‚Heinsbergstudie‘ von Prof. Hendrik Streeck auf dem Tisch liegen, zur Grundlage der Berichterstattung zu machen“, schrieb der 42-Jährige.

Ihm missfalle es, wenn die Bevölkerung sich mit Aussagen der Regierung und des Robert-Koch-Instituts zufrieden gebe: „Dunkle Erinnerungen an ‚bloße‘ Befehlsempfänger werden wach“. Er trete für kontroverse Diskussionen mit Entscheidungen aus einem breiten Meinungsspektrum heraus ein. Weil sein Schreiben an den „Spiegel“ zunächst unbeantwortet blieb, entschloss sich Al-Sultan vergangene Woche dazu, es auf seiner Homepage öffentlich zu machen.

Für die Deutsche Triathlon-Union (DTU) sind nunmehr Grenzen überschritten. „Die DTU distanziert sich von Aussagen, die Faris Al-Sultan auf seinem privaten Twitter-Account sowie seiner privaten Website veröffentlicht. Diese entsprechen nicht der Meinung der DTU“, teilte der Verband mit, der die Vorgaben der Bundesregierung respektiere. Sportdirektor Jörg Bügner hatte Al-Sultan zuvor in einem persönlichen Gespräch klargemacht, dass dessen Aussagen unpassend seien.

Al-Sultan entgegnete, er sehe keinen Grund, etwas zu widerrufen oder zu löschen. Es könne nicht sein, dass der von der Regierung eingeschlagene Weg alternativlos sei. Meinungsverschiedenheiten mit seinem Arbeitgeber seien für ihn kein Problem. „Der Verband ist neutral und steht zum Staat. Ich äußere mich als Privatperson. Ich habe keine persönliche Agenda.“ Er sei weder Verschwörungstheoretiker noch Anarchist – und auch kein Corona-Leugner.

„Mein Vater hat mit 81 mehrere Vorerkrankungen, meine Mutter mit 77 eine vorgeschädigte Lunge. Ich will, dass beide geschützt werden. Aber ich habe in meinem ganzen erwachsenen Leben noch nie erlebt, dass das Grundgesetz, die Bibel unsere Staates, außer Kraft gesetzt wurde.“ Im ersten Schritt seien die „Shutdown“-Verordnungen ja nachvollziehbar gewesen, aber inzwischen könne man nicht mehr „95 Prozent der Bevölkerung wegsperren“. Es sei unsinnig, „wenn die Eisdiele in dem einen Bundesland offen ist, aber im anderen nicht.“ Ihn stört auch, „dass eine Opposition öffentlich kaum mehr vorkommt“.

Der Sohn eines 1958 nach Deutschland eingewanderten Irakers verortet sich selbst als „konservativer, muslimischer, politisch sehr mäßig engagierter deutscher Patriot“. Al-Sultan gewann selbst den Ironman Hawaii (2005), ehe der zweifache Familienvater als Coach den Darmstädter Patrick Lange zweimal zum Titel als Ironman-Weltmeister (2017, 2018) führte. Erst vor wenigen Monaten endete die Zusammenarbeit. Bei der DTU versuchte Al-Sultan nach Amtsantritt 2018 sportlich viele neue Wege einzuschlagen.

Nun schwimmt er auch politisch gegen den Strom, wenn er über Angela Merkel urteilt: „Ich schäme mich für eine Bundeskanzlerin, die etwas vom ‚Verlust der Liebsten‘ faselt, statt auf die organisatorische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft hinzuweisen, um sämtliche Probleme mit Vernunft anzugehen.“ Auch der bayrische Ministerpräsident Markus Söder wird frontal angegangen: „Ich schäme mich für einen bayrischen Ministerpräsidenten, der statt traurig und betrübt, ob des Wissens um die schweren Zumutungen einer Verlängerung der Anti-Corona-Maßnahmen, von Machtfülle berauscht freudvoll verkündet, dass er alles, vor allem aber uns und seine Lakaien im Kabinett im Griff hat.“ Ein auch von Fördergeldern aus Bundesmitteln finanzierter Trainer wandelt damit zwangsläufig auf einem schmalen Grat.

Von einer Abmahnung, erklärt DTU-Pressesprecherin Eva Werthmann, werde abgesehen. Denn der Fachverband mit seinen knapp 59 000 Mitgliedern in 1500 Vereinen respektiere das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. „Dem folgend werden persönliche Äußerungen weder verboten, noch sanktioniert, solange diese nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Dienstverhältnis stehen.“ Wie die ohnehin wegen der Corona-Krise weitgehend zum Stillstand gekommene Zusammenarbeit weitergeht, ist fraglich. Der Vertrag mit dem streitlustigen Querdenker läuft Ende des Jahres aus.

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