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Ronald Rauhe in seinem Element - vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Rio. 

Kanu

Gold oder Familie?

Kanu-Oldie Ronald Rauhe wollte diesen Sommer seine sportliche Karriere beenden.

Die quälenden Fragen schießen Ronald Rauhe in diesen Tagen ständig durch den Kopf. Macht der Kanu-Oldie bis zum Sommer 2021 weiter? Was machen die Sponsoren? Und: Kann er seiner Familie ein weiteres Jahr voller Entbehrungen zumuten? Doch ausgerechnet jetzt mehren sich die Zweifel, ob die Olympischen Spiele von Tokio überhaupt nachgeholt werden können.

„Es würde mein Herz zerbrechen, wenn ich jetzt an diesem Punkt sagen würde: Das war es dann“, sagte er. Vier Jahre harter Arbeit liegen hinter dem 38-jährigen Rauhe, und natürlich würde er seine erfolgreiche Laufbahn gerne bei seiner sechsten Olympia-Teilnahme vergolden – doch so einfach ist es nicht. Es sei nicht die Motivation, die ihm fehle, erklärte er: „Was in Einklang gebracht werden muss, sind die ganzen Umstände, die die Familie betreffen.“

Schon 2016, nach Bronze im Kajak-Einer in Rio, wollte Rauhe sich voll seiner Familie widmen. Doch der Deutsche Kanu-Verband (DKV) suchte dringend nach einem Sprinter, und prompt saß Rauhe als Anführer im erfolgsverwöhnten Kajak-Vierer. Mit drei WM-Titeln in Folge wäre Rauhe im deutschen Paradeboot auch in Tokio Favorit auf den Olympiasieg – es wäre sein zweiter nach dem Triumph in Athen 2004.

Doch ob es dazu kommt, muss er vor allem mit seiner Frau Fanny Rauhe, die als gebürtige Fischer selbst Kanu-Gold in Peking geholt hatte, diskutieren. Oft war sie in den vergangenen Jahren mit den beiden Söhnen alleine, selten war ein normales Familienleben möglich. Fest steht aber, dass sie keine Entscheidung in „völligem Übermut“ treffen wollen. Zumal bei Sponsorenverträgen, die Ende 2020 auslaufen, zunächst auch finanzielle Fragen beantwortet werden müssen.

„Fast am meisten“ beschäftigt Rauhe allerdings die Ungewissheit, ob die Sommerspiele durch die unvorhersehbare Coronakrise im nächsten Jahr stattfinden können. 2021 ist wohl die einzige Chance für Tokio, doch allmählich steigt die Skepsis bei vielen Experten, ob dies möglich sein wird. Rauhe erreichten diese Nachrichten während der Kinderbetreuung zu Hause.

Das Training setzt er derzeit trotzdem fort. Und seine Vierer-Teamkameraden sind sich jedenfalls einig: Sie setzen auf einen „Ronny“ Rauhe in Topform. „Natürlich gibt es immer mal wieder kleine, versteckte Finten – dass ich ja noch gar nicht so alt sei und noch so jung aussehe“, sagte Rauhe, der immer wieder betont, dass seine Motivation ungebrochen sei.

Aber eine Sache, die weit über den Sport hinausgeht, bereitet ihm ebenfalls großes Kopfzerbrechen. Es gebe Dinge, die ihn emotional bedrücken, erklärte Rauhe: „Zum Beispiel die Einschulung meines Sohnes, wo ich nicht da sein würde, wenn ich Tokio 2021 mitmache.“ Erst wenn alle anderen Fragen beantwortet sind, will Rauhe klären, ob sein Sohn ihn fahren lässt. (sid)

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