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Reise durch Südafrika

Das Gold liegt längst nicht mehr auf der Straße

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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WM-Tagebuch: Wie erleben die Kumpel in der einst größten Goldmine Südafrikas die WM-Spiele wahr, fragt sich Johannes Dieterich, und reist in die Große Noligwa Mine. Von Johannes Dieterich

Wir sitzen im Boardroom der Großen Noligwa Mine und nehmen Häppchen zu uns, während 2500 Meter unter uns Südafrikas größter Schatz aus dem Felsen gesprengt wird. Es war nicht einfach, bis hierher vorzudringen: Der Kontakt mit AngloGoldAshanti, dem größten Goldproduzenten des Landes, zog sich über Wochen hin, bis das Licht endlich auf grün geschaltet war. Dann aber wurden wir wie Staatsgäste in dem Bergwerk empfangen: Vom Produktionsmanager über den Personalboss bis zur Finanzchefin und den Sicherheitsbeaufragten sind nicht weniger als 20 führende Betriebsangehörige gekommen, um uns zu begrüßen oder unter die Lupe zu nehmen - Besuch kommt hier offenbar so selten wie eine Sonnenfinsternis vor.

Eigentlich wollten wir nur mit ein paar Kumpeln ein WM-Spiel verfolgen, um mitzuerleben, wie der Höhepunkt der jüngeren Geschichte des Landes von den Garanten seines relativen Wohlstands erfahren wird. So aber bekommen wir gleich von höchster Stelle mitgeteilt, dass die Noligwa-Mine einst eines der größten Bergwerke des Landes war: Mehr als 12.000 Beschäftigte holten in besten Jahren 35.000 Kilogramm Gold im Wert von bis zu 900 Millionen Euro aus dem Boden. In ihrem 38. Lebensjahr sei die einstige "Milchkuh" allerdings eine "alte Lady" geworden, sagt Produktionsmanager Eddie Mohlabi, der hier als gewöhnlicher Kumpel angefangen hat: In spätestens zehn Jahren werde die Lady zu Grabe getragen werden. Ein nur allzu typisches Schicksal für Südafrika: Die Goldvorkommen gehen zur Neige, immer tiefer müssen sich die Kumpels in den Boden sprengen, der einstige Weltmeister in der Produktion des edlen Metalls ist auf Platz 4 abgerutscht.

Als wir zum Achtelfinale zwischen Paraguay und Japan in einen Fernsehsaal des Wohnquartiers geleitet werden, kommt fast das gesamte Empfangskomitee mit: Die neugierigen Gäste sollen für keine Sekunde aus den Augen gelassen werden. Dabei hat das Management inzwischen nichts mehr zu verstecken, wie uns der seit 30 Jahren in der Mine beschäftigte Bohrmeister Simphiwe Aaron bestätigt: "Hier hat sich in letzter Zeit alles zum Guten verändert."

Südafrikas Minen waren einst als Orte faktischer Zwangsarbeit verschrien: Die aus dem gesamten südlichen Afrika herbeigeschleppten Kumpels lebten in Massenunterkünften und schliefen auf Zementsockel, kam ein Arbeiter bei einem Unfall ums Leben, kriegte seine Familie als Abfindung weniger als den Gegenwert einer Unze Gold. Über die Jahrzehnte - vor allem aber seit die neue ANC-Regierung zu Beginn des Millenniums eine "Minen-Charta" verabschiedete - hat sich das Leben in den Bergwerken radikal verändert: Die Massenunterkünfte sind Zimmerchen mit Betten für eine oder zwei Personen gewichen, für Freizeiteinrichtungen und verbesserte Sicherheit wurde gesorgt. Statt in die Minen gelockt werden zu müssen, können die Kumpels inzwischen froh sein, wenn sie ihren Job behalten: "Ich wüsste nicht, über was ich mich beklagen sollte", meint Bohrmeister Aaron zufrieden.

Dass er das nicht nur sagt, weil ihm zwölf Vorgesetzte über die Schulter schauen, bestätigt Julio Chissico, auf den wir im Fernsehraum stoßen: Mit seinem fast fließendem Deutsch macht der Mosambikaner jeden Abhörversuch des Managements zunichte. Seine fünfte Sprache hat der 44-jährige Vorarbeiter in der DDR gelernt, wo er bei der Deutschen Reichsbahn beschäftigt war: Als sämtliche Mosambikaner nach der Wiedervereinigung nach Hause geschickt wurden, heuerte Chissico in der südafrikanischen Mine an. Inzwischen schließt schon das neue Einwanderungsgesetz aus, dass noch Kumpels aus dem Ausland angeworben werden - ganz abgesehen davon, dass die Bergwerke heute eher feuern statt heuern. "Ich habe gerade noch mal Glück gehabt", sagt der Mosambikaner mit sächsischem Akzent.

Völlig gelangweilt verfolgen die Kumpels das Achtelfinale, was eher an der Zweitklassigkeit des Spiels als an der mangelnden Begeisterung der Goldarbeiter für den Ballsport liegt. Die Noligwa Mine unterhält alleine zehn Fußballteams, die Sonntag für Sonntag im 35.000 Zuschauer fassenden Stadion des Bergwerks ihre Kräfte messen: Ein jährlich unter den sieben Minen des Konzerns ausgetragener Pokal sorgt für zusätzlichen Ansporn. Die Mine hat bereits einen Nationalspieler hervorgebracht: Phil Masinga, der beim Afrika-Cup-Finale 1996 den Siegestreffer erzielte. Dass es nicht mehr sind, wundert Ex-Fußball-Profi Brian Sebapole nicht: "Minenarbeiter haben einen wesentlich besseren Job als Fußballprofis. Warum sollte ein Kumpel, auch wenn er noch so gut kickt, die Karriere wechseln?"

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