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Auf ihm ruhen große Hoffnungen auf Höhenflüge: Severin Freund.

Sotschi 2014 - Skispringen

„Gold fürs Team ist möglich“

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Skisprungbundestrainer Schuster will zwei Medaillen für das deutsche Team. Thomas Morgenstern ist für den Österreicher ein "außergewöhnlicher Athlet".

Zwei Medaillen wollen die deutschen Skispringer aus Sotschi mitbringen. Der Österreicher Werner Schuster, seit 2008 Cheftrainer der Bundesadler, erklärt, warum das klappen kann, aber nicht muss.

Herr Schuster, Severin Freund hat beim Weltcup in Willingen zweimal den zweiten Rang erreicht. Er scheint rechtzeitig vor Sotschi in eine sehr gute Olympiaform zu kommen.

Ich bin sehr zufrieden mit ihm. Im Training war er nicht der Beste, da hatte Andreas Wellinger die Nase vorn. Andreas ist hier zweimal unter die besten zehn gesprungen. damit hat er auf einer Schanze bewiesen, auf der er seine Stärken nicht ganz ausspielen kann, dass er vorne dabei sein kann. Severin nimmt aus Willingen sehr viele positive Emotionen mit, das wird ihm bei Olympia helfen. Die Tendenz geht nach oben, das stimmt mich zuversichtlich.

Es ging in dieser Saison ständig auf und ab. Es fehlte die Konstanz, woran lag das?

Wir haben im Sommer alles gewonnen. Da hat sich gezeigt, dass wir über vier Jahre gute Arbeit geleistet haben. Dann sind wir im Dezember davon überrollt worden, dass gerade die Leistungsträger sehr schwankende Leistungen gezeigt haben. Die sind plötzlich nicht um den ersten Platz, sondern um den zehnten mit gesprungen. Das entsprach nicht unseren Erwartungen und schon gar nicht denen der Öffentlichkeit. Das entsprechende Echo in den Medien hat dann natürlich nicht dazu beigetragen, die Leistungen zu stabilisieren. Mir war klar, die Probleme lassen sich nicht so schnell lösen. Wir mussten einen Schritt zurückmachen. Aber wir haben an den richtigen Schrauben gedreht, ich bin überzeugt: Wir sind auf einem guten Weg.

Was für Schrauben mussten angezogen werden?

Athletisch waren wir eigentlich immer ganz gut drauf und doch ist es uns bei der Tournee nicht gelungen unsere Stärke, den hohen Absprung, auszuspielen. Die Athleten haben zu viel nachgedacht und sich dadurch blockiert. Wir haben viele Dinge überprüft.

Sie haben recht kühn die Goldmedaille im Teamspringen anvisiert. Ist das angesichts der Ergebnisse in dieser Saison nicht etwas zu forsch?

Ja, ja, natürlich gewinnt man nix mit reden. Aber es ist möglich. Natürlich gibt es einige Teams, die Slowenen sind die Mannschaft der Stunde. die um die Medaillen kämpft. Vielleicht erwischt eine Mannschaft einen Traumtag und fliegt allen davon. Neben Slowenien kann das natürlich Österreich, Norwegen oder auch Japan sein. Aber auch wir können das machen. Ich halte das nicht für vermessen. Wir können das Teamspringen gewinnen, das haben wir bewiesen. Und wir wollen noch eine Einzelmedaille gewinnen.

Österreich ist in Willingen nur mit einer Rumpfmannschaft angetreten. Die halten die Karten noch bedeckt.

Österreich hat in den letzten zehn Jahren fast alle großen Wettkämpfe gewonnen. Mit Gregor Schlierenzauer und einem Thomas Morgenstern, der ins Team zurückkehrt, sind sie natürlich einer der großen Favoriten. Aber auch für uns ist nichts unmöglich. Drei unserer Leistungsträger müssen ihre Top-Leistungen abrufen und der vierte darf nicht ganz versagen.

Es hat in dieser Saison schon 14 verschiedene Sieger bei den Weltcupspringen gegeben. Das ist eher ungewöhnlich.

In der Vergangenheit gab es einige Male Springer, die in einer Saison alles niedergewalzt haben. In diesem Jahr war das nicht der Fall, obwohl Peter Prevc (Slowenien, d. Red.) zuletzt in Überform war. Es gibt mittlerweile sechs, sieben Nationen, die auf allerhöchstem Niveau arbeiten und durch die regen Trainerwechsel gibt es zwischen den Teams einen Wissenstransfer. Insgesamt ist das Skispringen, mit den Anzügen, dem Skimaterial und dem Wind, so sensibel geworden, dass vieles möglich ist. Erwischt ein Athlet eine Komponente besser, springt er gleich zehn Meter weiter als die anderen.

Thomas Morgenstern hat seinen Horrorsturz offensichtlich einigermaßen glimpflich überstanden und wird in Sotschi an den Start gehen. Ist das nicht zu riskant?

Von außen ist das schwer zu beurteilen. Das war sicher einer der schwersten Stürze der letzten fünf Jahre. Aber gerade er hat schon bewiesen, dass er nach einem schweren Sturz zurückkommen kann. Viele andere Springer sind nach solch Unfall gelöscht. Thomas Morgenstern ist mit 17 Jahren, jetzt ist er 27, in Kuusamo schon einmal so schwer verunglückt und wenig später Doppel-Olympiasieger geworden. Er hat ein professionelles, verantwortungsvolles Umfeld, vor allem hat er einen starken Willen. Ihm ist alles zuzutrauen.

Thomas Morgenstern ist in der Hinsicht eine Ausnahmepersönlichkeit - oder?

Auf jeden Fall. Davon gibt es nicht viele. Das schafft vielleicht nur er. Ich habe schon Sportler erlebt, die an viel harmloseren Stürzen zerbrochen sind. Wir haben das ja selbst mit Pascal Bodmer erlebt. Er ist beim Skifliegen gestürzt, lange nicht so schlimm, wie Morgenstern. Aber er ist nie wieder zurückgekommen.

Haben Sie ein mulmiges Gefühl, wenn Sie nach Sotschi reisen?

Es wird einem ein wenig eingeredet. Ich denke, es wird alles für die Sicherheit getan.

Aufgezeichnet von Jürgen Ahäuser

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