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Britta Steffen (Mitte) freut sich mit ihren Konkurrentinnen Daniela Samulski (vorne) und Dorothea Brand über ihren Weltrekord.

Weltrekordlerin Britta Steffen

Gleiten im Weltraumanzug

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Ein Weltmeistertitel wäre für Britta Steffen das letzte Puzzleteil in einer dann vollendeten Sportlerinnenkarriere. Von Jürgen Ahäuser

An der Pinwand in der Schwimmhalle am Europasportpark in Berlin-Hohenschönhausen bietet ein Schwimmer einen LZR Racer der Marke Speedo "günstig zum Kauf an." Der Anzug, in dem Michael Phelps bei den Olympischen Spielen in Peking acht Goldmedaillen gewann, ist seit Donnerstagmorgen allerdings ein Fall für die Altkleidersammlung. Verschenken, mehr ist nicht mehr drin, seit Britta Steffen "im krassesten Teil, das ich je getragen habe" den Weltrekord über 100-Meter-Freistil schon im Vorlauf der Deutschen Meisterschaft um drei Hundertstelsekunden auf 52,85 Sekunden verbesserte.

Die Doppel-Olympiasiegerin war im Haute-Couture-Model ihres Sponsors adidas zwei Zehntelsekunden schneller als ihr eigener Europarekord. Die Berlinerin, die ihrer australischen Dauerrivalin Lisbeth Trickett damit den Status als Wasser-Primadonna wieder entriss, meinte zwar zunächst kess, "da kann man nicht meckern, wa", ehe sie sehr nachdenklich über das Wettrüsten in den Swimming Pools dieser Welt redete. Den Weltrekord führte die Berlinerin in erster Linie auf ihre extrem dichte, wasserabweisende zweite Haut zurück. "Ich habe mich wie ein Schnellboot gefühlt. Ich habe nie gedacht, dass ein Mensch so gleiten kann," meinte sie mit deutlich gebremsten Emotionen.

Erst vor einer Woche hatte die 25-Jährige das schnittige Teil zum ersten Mal getragen. Der Badeanzug hatte die höchst dubiosen Kontrollen der Fina passiert, die Weltrekordlerin selbst geht aber davon aus, dass der "Weltraumanzug" 2010 aber verboten wird "und das ist auch gut so." Nach 108 Weltrekorden im Olympiajahr, einer Menge Streit und Neid um die Schwimmausrüstung mit dem besten Vor- und Auftrieb nahm die Rekordjagd im post-olympischen Jahr schon früh Fahrt auf. Sechs Weltrekorde, etwa den über 100-Meer-Freistil des Franzosen Alain Bernard, hat die Fina wegen nicht regelkonformer Anzüge rückwirkend aberkannt. Das Dilemma dabei ist, dass die gut 200 vom Weltverband sanktionierten Modelle von Gummi-Paragraphen gestrickt wurden. Was heute noch hui ist, kann morgen schon pfui sein.

Unangeahnte Antriebsgefühle

Wenn es nach Britta Steffen ginge, dann sollte es schon aus sozialen Gründen Jugendlichen unter 16 Jahren verboten werden, solche Wunderwaffen im Wettkampf zu benutzen. Von 400 Euro an aufwärts kosten die Anzüge. Bei der Schwimm-WM in Rom (17. Juli bis 2. August) für die sich die deutschen Schwimmer allein bei der Meisterschaft qualifizieren können, erwartet nicht nur Steffen ein Chaos. Die Schlacht um die Hoheit im Becken beginnt erst. Im ersten Überschwang bisher ungeahnter Auftriebesgefühle hat die Vorschwimmerin dem Anzug eine ganze Sekunde Vorsprung gegenüber "gewöhnlicher" Badebekleidung zugesprochen. Bundestrainer Dirk Lange glaubt, dass der Hydrofoil von adidas und ähnliche Modelle auf 100 Meter mehr als eine halbe Sekunde schneller machen.

Bei Britta Steffen war es sicher nicht die polyurethanbeschichtete Berufskleidung allein, die sie zum Weltrekord fliegen ließ. Der Kunststoff war aber ein wunderbares Vehikel, auf dem die seit dem doppelten Goldstreich von Peking von fast allen irdischen Sportlasten befreite Studentin völlig losgelöst in eine für sie neue Dimension vorstieß.

Ein Weltmeistertitel in Rom wäre das letzte Puzzleteil in einer dann vollendeten Sportlerinnenkarriere.

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