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Hatte der schnellste Mann der Welt - Usain Bolt - einen Blackout, als er einen Frühstart hinlegte?

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Gier, Korruption und Betrug

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Im tiefen Sumpf des Spitzensports: Jürgen Roth zeigt in seiner spannende Reportage „Unfair Play“, wie korrupt es im Sport zu geht. Neben Tennis und Eiskunstlauf geht es vorrangig um Fußball.

Es war ein tragischer Moment für den Sportler Usain Bolt, als er Ende August im 100-Meter-Finale der Leichtathletik-WM von Daegu ausschied. Ein klassischer Fehlstart, viel zu früh war der Topfavorit losgelaufen. Mit einem Blackout entschuldigte er später seinen Fehler. Ein schwacher Trost für alle, die auf den Jamaikaner gewettet hatten. Jene allerdings, die eine Außenseiter-Wette gegen den schnellsten Mann der Welt platziert hatten, durften sich über eine Traumquote freuen.

War es wirklich ein Blackout? Oder ein abgekartetes Spiel? Der Frankfurter Autor Jürgen Roth dürfte bei dieser Frage bedächtig den Kopf wiegen. In den letzten zwei Jahren hat der Experte für Organisierte Kriminalität in der Welt des Sports recherchiert. Nichts ist, wie es zu sein scheint, lautet sein bitteres Fazit, denn Gier, Korruption, Manipulation und Betrug würden längst überall in der Welt ihre Schleimspur durch den Spitzensport ziehen.

Ukrainische Mafia und die EM 2012

Nachzulesen ist das in Roths neuem Buch „Unfair Play“. Darin beschreibt der Autor an zahlreichen Beispielen, wie korrupte Manager, Funktionäre, Athleten und Zocker den Sport beherrschen. „Es ist wie in einer Lotterie: Man muss Glück haben, um sauberen Sport zu erleben“, schreibt Roth.

Es ist das alte Thema und der alte Zorn des Jürgen Roth: Wie in seinen Büchern wie „Mafialand-Deutschland“,„Gangsterwirtschaft“ und „Anklage unerwünscht“ geißelt er die Unwilligkeit des Staates, gegen die Organisierte Kriminalität vorzugehen. Auch im Sport können transnational operierende Verbrecherbanden ihre kriminellen Geschäfte betreiben. Ob Doping, Spielmanipulationen, Wettbetrug, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Athletenhandel – an einer Strafverfolgung solcher Vorgänge haben die Behörden wenig Interesse, weil eben auch Politiker, Sportler, Funktionäre, Journalisten und Wirtschaftsunternehmen mit dem Spitzensport, sauber oder unsauber, viel Geld verdienen.

In „Unfair Play“ nimmt Roth den Leser mit in den Sumpf des europäischen Spitzensports. Neben Tennis und Eiskunstlauf geht es vorrangig um Fußball – Roth berichtet spannend von verschobenen Spielen, von Geldwäsche in Sportklubs, von gekauften Weltmeisterschaften und dem Geschäft ukrainischer Mafiagruppen mit der Fußball-EM 2012.

Der FC Bayern und ein Manipulationsverdacht

Ein Kapitel widmet er dem angeblich für eine zweistellige Millionensumme verschobenen Uefa-Cup-Halbfinale vom 1. Mai 2008 zwischen Zenit St. Petersburg und Bayern München. Die Deutschen hatten damals nach einer sensationell schlechten Leistung 0:4 verloren und den Einzug ins Finale verpasst.

Das gewann Zenit zwei Wochen später knapp gegen die Glasgow Rangers – auch dieses Spiel soll angeblich gekauft worden sein. Ein entsprechender Verdacht basiert auf abgehörten Telefonaten russischer Mafiosi. Ein Uefa-Sonderermittler war zwei Jahre lang dem Manipulationsverdacht nachgegangen – ohne Erfolg. Am Ende stellte der europäische Fußballverband das Verfahren ein.

Roth schildert den Vorgang mit vielen Details und Zitaten aus bislang verschlossenen Ermittlungsunterlagen. Und er beschreibt die ungewöhnliche Zurückhaltung, mit der die Staatsanwaltschaft München sich an den Untersuchungen des Falles beteiligte, und das auffallende Interesse eines BND-Agenten an der Geschichte.

Einem eindeutigen Urteil in der Frage, ob nun mehr für oder gegen eine Manipulation des Bayern-Spiels spricht, enthält sich der Autor wohlweislich. Denn der Münchner Fußballklub kennt in dieser Sache keine Gnade und wehrt sich juristisch gegen jede Unterstellung, er habe sich den Sieg mit russischen Euro-Millionen abkaufen lassen.

Es ist ja auch schwer vorstellbar, dass ein Klub wie Bayern München lieber Geld nimmt als ein wichtiges Spiel zu gewinnen. Wie es auch unwahrscheinlich scheint, dass Usain Bolt freiwillig seine Chance auf den WM-Titel im 100-Meter-Sprint vergibt.

Für den hätte er immerhin 60.000 Dollar Siegprämie kassiert. Peanuts gegenüber den Einnahmen aus Sportfesten und Werbeverträgen, die der nach wie vor schnellste Mann der Welt auch ohne Goldmedaille weiterhin verdient?

Jürgen Roth: Unfair Play, Eichborn, Frankfurt am Main 2011. 320 Seiten. 19,95 Euro.

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