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Verbissenes Duell: Alexander Wieczerzak (rechts) im WM-Finale 2017 gegen Matteo Marconcini.

Interview Alexander Wieczerzak

"Es gibt nicht nur Fußball"

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Der gebürtige Frankfurter Alexander Wieczerzak über das Leben nach dem WM-Titel vor einem Jahr, wie er die Leute für seinen Sport begeistert und seine Ziele bei der WM in Baku.

Herr Wieczerzak, wie hat sich Ihr Leben seit dem WM-Titel verändert?
Ich werde komplett anders wahrgenommen. Viele reden darüber. Wenn ich irgendwo hingehe und Leute treffe, die sich mit Sport auskennen, wissen sie ganz genau, was alles dahinter steckt, um Weltmeister zu werden und haben einen Riesenrespekt davor. Ich genieße deutlich mehr Aufmerksamkeit. Vor einigen Wochen habe ich für Eurosport zwei Tage gedreht, kürzlich für die ARD.

Wie ist denn Ihr Jahr verlaufen?
Leistungssportler haben ja generell sehr wenig Zeit. Ich habe das mal durchgerechnet: Wir Judokas sind die Hälfte des Jahres unterwegs. Nach der WM kamen so viele Termine dazu, so schnell ging in meinem Leben noch kein Jahr vorbei. Ich hatte fast keine Freizeit mehr. Selbst wenn ich im Urlaub war, habe ich am Handy irgendwelche Termine organisiert und Anfragen beantwortet.

Haben sich Freunde und Familie schon beschwert?
Zum Glück nicht. Die unterstützen mich. Meine Freundin hilft mir viel, wenn es zum Beispiel um das Beantworten von E-Mails geht. Wenn ich einen Kumpel brauche für einen Videodreh oder Fotoshooting, dann kommt er um 22 Uhr abends und dreht mit mir bis 1 Uhr, wenn wir was im Dunkeln machen wollen. Es ist schön, solch eine Unterstützung im Rücken zu haben.

Wie viel Zeit haben Sie noch für Ihr Studium?
Ich hatte noch nie ein Jahr, in dem ich so wenig gemacht habe, wie in diesem Jahr. Judo steht für mich an erster Stelle. Ich bin wegen Judo nach Köln zum Olympiastützpunkt gezogen und mache ein BWL-Fernstudium. Ich habe auch ein paar Prüfungen abgesagt, weil ich gemerkt habe: Ich pack das einfach nicht. Ich versuche, das Lernen zwischen die Trainingseinheiten zu schieben oder frühmorgens die Bücher aufzumachen.

Wann ist Ihre Leidenschaft für Judo geweckt worden?
Erst dann, als ich wirklich Erfolg hatte. Am Anfang war es nur Spaß, bis ich irgendwann Hessenmeister wurde. Dann kamen die Südwestdeutschen Meisterschaften, ich wurde Südwestdeutscher Meister. Ein paar Jahre später kamen die Deutschen Meisterschaften und ich wurde irgendwann Deutscher Meister. Aber es gibt ja auch noch Europa- und Weltmeisterschaften. Irgendwie wird man immer anspruchsvoller, um noch erfolgreicher zu sein. Und wenn man das will, muss man mehr trainieren, professioneller sein und auf die Ernährung achten. Ich war mit der Nationalmannschaft in Japan, China, Korea, Kasachstan, Mongolei, ja im Grunde auf der ganzen Welt. Dann versucht man, alles dafür zu tun, um Weltmeister zu werden.

Und auf Ihren großen Olympiatraum müssen Sie noch zwei Jahre warten. Für Rio mussten Sie ja verletzungsbedingt passen.
2016 hatte ich viele Verletzungen. Ich war eine Woche am Dengue-Fieber erkrankt und lag im Krankenhaus, danach habe ich mir vor der EM eine Rippe gebrochen und mich Ende des Jahres noch den Ellenbogen verletzt. Das war das schlimmste Jahr für mich – ausgerechnet im Olympia-Jahr. Umso schöner war es 2017, weil ich diese WM vor Augen hatte. Ich habe 100 Prozent im Training gegeben und es hat sich ausgezahlt. Ich bin als 124. der Weltrangliste auf die Matte gegangen. Schon krass, wenn man sieht, dass sich die Arbeit gelohnt hat.

Wie werden Sie ihm Ausland wahrgenommen?
Ich trage als Weltmeister ja jetzt das rote Rückenschild, während bei den anderen Teilnehmern der Name auf einem blauen Schild steht – nur der Olympiasieger trägt Gold. Und wenn ich jetzt mit meinem roten Rückenschild auf die Matte gehe, wird man schon mit sehr viel Respekt wahrgenommen.

Welchen Stellenwert hat Judo in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?
Die Leute, die nicht viel mit Judo am Hut haben oder sich nicht dafür interessieren, denen muss man erst einmal viel erklären. Die Leute hören auch gerne zu, aber es ist natürlich nicht so, wie in anderen Ländern. Da braucht man nicht einmal nach Japan gehen, sondern nur ins Nachbarland Frankreich, wo Judo ganz normal im Fernsehen läuft. Frankreich besitzt in dem zehnfachen Weltmeister im Schwergewicht Teddy Riner auch ein Zugpferd. Ich versuche, den Leuten meinen Sport näher zu bringen, bin in sozialen Netzwerken aktiv. Ich mache Stories, teile Bilder, um zu zeigen, was dahintersteckt. Ich bringe vor der WM einen Trailer über mich heraus, der richtig hochwertig gemacht ist. Wir haben zehn Drehtage dafür investiert und extra im Studio den Ton gemischt, damit wir den Leuten zeigen: Judo ist cool und es gibt nicht nur Fußball, sondern auch andere Sportarten.

Wie gut ist Deutschland im Judo aufgestellt?
Wir haben sechs Stützpunkte in Deutschland. Ich wäre dafür, diese Anzahl zu reduzieren. Warum reisen wir denn so oft ins Ausland? Weil man andere Trainingspartner braucht. Wenn jeder an seinem eigenen Stützpunkt trainiert, dann fehlen an der Spitze die Trainingspartner. Um besser zu werden, braucht man mindestens zehn bis 20 Sparringspartner in jeder Gewichtsklasse. Deshalb fliegen wir nach Japan oder Russland, weil in einem Training 100 bis 200 Athleten sind – und zwar morgens und abends. Und nicht nur zweimal in der Woche, wie bei uns. Ich kann heilfroh sein, dass ich in Köln bin. Die halbe Nationalmannschaft trainiert hier. Wenn ich mir die anderen Stützpunkte ansehe, wo weniger los ist, denke ich mir, wie geil es wäre, wenn alles an ein oder zwei Stützpunkten konzentriert wäre. Das wäre ein großer Vorteil.

Sie werden bei der WM in Baku als 37. der Welt ins Rennen gehen. Wie lief die Saison für Sie?
Ich bin nach der WM sechs Monate wegen einer Schambeinentzündung ausgefallen. Das ist das mieseste, was einem nach einer WM widerfahren kann. Ich war bei vier, fünf, sechs Ärzten in ganz Deutschland. Jeder hat seinen Senf dazu gegeben. Ich habe mir daraus meine Suppe gemacht und mein eigenes Ärzteteam zusammengestellt (lacht, d. Red). Ich bin seit drei, vier Monaten schmerzfrei. Ich habe aber ein halbes Jahr lang nur Stabilitätsübungen gemacht und sonst nichts, da fehlen einem 20 bis 30 Prozent. Dann wieder fit zu werden, ist nicht ganz einfach.

Bei wie viel Prozent sind Sie jetzt ungefähr?
Das ist eine gute Frage. Ich habe ein ganz gutes Gefühl. Ich bin aber nicht ganz bei 100 Prozent. Es wird auch spannend für mich. Ich habe in Budapest drei Kämpfe gemacht, bin total zufrieden. Habe die drei Kämpfe auch gewonnen, aber wegen Schmerzen im Ellenbogen aufgehört. Das Ziel ist auf jeden Fall Tokio 2020 und dass ich mich bis dahin nicht verletze und endlich mal ein Jahr komplett durchtrainieren kann. Nächstes Jahr bei der WM muss ich reinhauen, denn dann gibt es richtig Punkte für die Olympischen Spiele.

Was ist Ihr Ziel für diese WM?
Natürlich will ich wieder Weltmeister werden. Ich weiß aber ganz genau, wie schwer das ist. Mit einer Medaille wäre ich komplett zufrieden. Wenn es nicht klappt, überstehe ich das auch. Dann muss ich verletzungsfrei bleiben bis zur nächsten WM und mir eine Medaille sichern. Realistisch ist Platz eins bis sieben.

Interview: Timur Tinç

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