Formel 1

„Er gibt immer anderen die Schuld“

Die Vettel-Strafe bleibt zwar streitbar, doch auch der Ferrari-Star muss sich Kritik gefallen lassen.

Ferrari und Sebastian Vettel passen ziemlich gut zusammen. Der Formel-1-Rennstall aus Italien und der deutsche Pilot haben zahlreiche WM-Titel gewonnen, die allerdings eine ganze Weile zurückliegen. Die Scuderia und der Heppenheimer sind äußerst impulsiv und auch in ihrem Trotz vereint. So waren am Werk in Maranello am Pfingstmontag die Flaggen Italiens und Ferraris gehisst – ein eindeutiges Statement, dass sich die Scuderia als Sieger des Kanada-Rennens fühlt.

Vettel hatte am Sonntag in seiner Wut Vergleichbares getan, als er die Schilder für die Plätze „1" und „2" vertauschte. Dieser brennende Ehrgeiz hat Ferrari und Vettel zwischenzeitlich zu Seriensiegern gemacht, besonders im Falle des Weltmeisters der Jahre 2010 bis 2013 könnte der Tunnelblick aber auch leistungshemmend sein. Das glaubt zumindest der ehemalige Weltmeister Nico Rosberg. „Es ist eine Schwäche von Vettel, dass er sich selbst nie in Frage stellt und immer anderen die Schuld gibt. Und dann verliert er den Fokus und macht nicht das Beste daraus“, sagte der Champion von 2016 in seinem Podcast „Beyond Victory“.

Beispiele, die Rosbergs These stützen, muss man nicht lange suchen. Legendär ist Vettels Rempler gegen den Mercedes von Lewis Hamilton beim Großen Preis von Aserbaidschan 2017, als Vettel annahm, der Brite habe mit ihm einen „Bremstest“ gemacht. Vettel tobte noch Stunden nach dem Rennen – die Telemetriedaten widerlegten ihn später eindeutig.

2016 in Mexiko beschimpfte Vettel im Funk den mittlerweile verstorbenen Rennleiter Charlie Whiting auf das Übelste, weil er sich von Red-Bull-Pilot Max Verstappen unfair blockiert fühlte. Hinzu kommen zahllose in diesem Kontext vergleichsweise kleine Entgleisungen. Alle folgten einem Schema: Recht hat der Fahrer mit der Nummer fünf.

Der gebürtige Wiesbadener Rosberg sieht einen Auslöser für Vettels kurze Zündschnur in dem „enormen Druck“, unter dem sein Landsmann stehe. Tatsächlich geht Vettel in Drucksituationen zunehmend die Coolness seiner Weltmeisterjahre ab, als er mit dem Red Bull allerdings auch über das beste Auto verfügte.

Im Vorjahr schied Vettel in Hockenheim in Führung liegend aus, es war wohl der Wendepunkt im WM-Duell mit Hamilton. Am Sonntag in Montreal kam er wieder mal unter Druck Hamiltons von der Strecke ab, wodurch die Rennkommissare überhaupt erst entscheiden mussten, ob eine Behinderung des Briten vorlag.

Äußerst diskutabel freilich bleibt die Bewertung der Szene in Runde 47. Während der 33 Jahre alte Rosberg unmissverständlich auf die Regel verwies, „dass man nach einem Ausrutscher sicher auf die Strecke zurückkehren muss“ und dies bei Vettel nicht geschehen sei, ergriffen viele andere ehemalige Fahrer Partei für den Ferrari-Star, darunter die Weltmeister Nigel Mansell, Mario Andretti, Damon Hill und Jenson Button.

Vettel haderte bei der Pressekonferenz nach dem Rennen: „Das ist nicht der Sport, in den ich mich verliebt habe.“ Ferrari kündigte an, Protest einzulegen und entlastendes Material vorzulegen. Weil der Weltverband FIA aber kein Interesse daran hat, einen Präzedenzfall zu schaffen, dürfte dieser Schritt ebenso wie das Hissen der Flaggen eher symbolische Wirkung haben. (sid)

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