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Gezaubert wird nicht

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Lagebesprechung: Bundestrainer  Joachim Löw (2.v.r)  am Mittwoch mit Spielern bei einem Training im Stadion des RCD Mallorca (Ono Estadi) auf Mallorca.
Lagebesprechung: Bundestrainer Joachim Löw (2.v.r) am Mittwoch mit Spielern bei einem Training im Stadion des RCD Mallorca (Ono Estadi) auf Mallorca. © dpa

Bundestrainer Löw scheut das Risiko und setzt auf Kontinuität - 15 Spieler aus dem deutschen Kader waren schon bei der WM 2006 dabei.

Von JAN CHRISTIAN MÜLLER

Es ist ein wolkenverhangener Tag, aber immerhin regnet es nicht, als der Kölner Patrick Helmes, der Mönchengladbacher Marko Marin und Jermaine Jones von Schalke 04 auf Mallorca in ihre Flieger zurück in die Heimat steigen: ein unangenehmer Rundtrip für die drei Fußball-Nationalspieler. Am Morgen um kurz nach elf, 16 Stunden nach dem Abpfiff des 2:2 im Testländerspiel gegen Weißrussland in Kaiserslautern, haben sie erfahren, dass sie, kaum wieder im Trainingscamp auf den Balearen angekommen, wieder abfliegen müssen. Kurz nach Mitternacht war die Sondermaschine auf Mallorca gelandet, Bundestrainer Joachim Löw, sein Assistent Hansi Flick, Torwarttrainer Andreas Köpke und Manager Oliver Bierhoff hatten bis zum Morgengrauen in einem Sitzungszimmer des Golfhotels nahe Palma zusammengesessen und zum Teil heftig diskutiert. "Es gab unterschiedliche Meinungen", räumte Löw später ein. "Entscheidungen müssen auch mal über einen Konflikt getroffen werden."

Drei von 26 ursprünglich nominierten deutschen Spielern für die am 7. Juni beginnende EM mussten bis Mittwoch, 12 Uhr, dem offiziellen Meldeschluss des Europäischen Fußballverbandes Uefa, gestrichen werden. Es erwischte diejenigen, die am Vorabend die Rückennummern 24, 25 und 26 getragen hatten und allesamt erst seit kurzem zum erweiterten Kader gehören. Hinterher erläuterte Löw seine Entscheidung der Mannschaft, der DFB informierte um 11.39 Uhr per SMS und E-Mail die Presse. Auf der Internetseite des Verbandes stand gestern Morgen einige Minuten lang ein falscher Name: Oliver Neuville sei mit Jones und Helmes aus dem Kader gestrichen worden, hieß es. Dem 35-jährigen Stürmer blieb aber erspart, was ihm 2000 und 2004 kurz vor Kaderschluss passiert war.

"Es gehört nicht zu den Highlights in einer Trainerkarriere, so etwas mitteilen zu müssen", offenbarte Löw am Nachmittag auf einer Pressekonferenz, "die Enttäuschung spürte man förmlich im Raum." Dafür hat der Bundestrainer, der erleichtert wirkte, seine Zahnschmerzen weitgehend überwunden. Besonders die Entscheidung gegen den Teenager Marko Marin, der in letzter Minute ins vorläufige Aufgebot gerutscht war, überraschte. Denn nicht nur Löw, sondern auch einige Mitspieler hatten den 19-jährigen Hüpfer in den Tagen zuvor hoch gelobt. Schließlich, so der Bundestrainer, überwog aber die Meinung, der "Sprung von der zweiten Liga zu den Besten Europas wäre zu groß".

Lehmann nicht in Form

Das Trainerteam entschied sich also für den konservativen Weg, setzte auf Kontinuität statt Risiko: Die in der Öffentlichkeit kolportierten Wackelkandidaten Neuville, der von einer Grippe genesene Tim Borowski und der wieselflinke, aber technisch stark limitierte David Odonkor gehörten wie zwölf weitere Profis allesamt bereits vor zwei Jahren zum WM-Kader. "Sie haben bewiesen, dass in kritischen Situation auf sie Verlass ist", erläuterte Löw. Gleichwohl sei es nicht mehr "als ein Sandkorn" gewesen, "das die Waage zur einen oder anderen Seite ausschlagen ließ".

Vor dem Turnier, das die seit dem Titelgewinn 1996 bei Europameisterschaften sieglosen Deutschen am 8. Juni zunächst in Klagenfurt gegen Polen führt, lenkt die Diskussion um die erfahrungsgemäß relativ unwichtigen Plätze 21 bis 23 von den Schwächen ab, die vor allem zwei bewährte Kräfte gegen Weißrussland offenbarten. Torwart Jens Lehmann und Innenverteidiger Christoph Metzelder präsentierten sich weit entfernt von einer Form, die bei diesem laut Löw "härtesten Turnier überhaupt" zu berechtigten Hoffnungen auf den angestrebten Titel Anlass geben könnten. Löw gab sich gestern auf Nachfrage kurz angebunden, er sei von Lehmann "überzeugt und habe Vertrauen".

Einige Tage zuvor hatte der Bundestrainer jedoch vom Torwart noch "gute Form und Ausstrahlung" verlangt. Lehmann blieb beides schuldig. Der fast ein halbes Jahr lang verletzte Metzelder begründete seinen Standfußball so: "Wir und allen voran ich haben bereits nach einer halben Stunde gespürt, dass uns nach dem intensiven Training die Kraft fehlt. Solche Gegentore werden bei der EM nicht mehr fallen." Für den letzten Test am Samstag in Gelsenkirchen gegen Serbien könne er das allerdings nicht versprechen, "weil wir weiter hart trainieren".

Aber es gab am Mittwoch dann auch noch eine uneingeschränkt gute Nachricht aus dem DFB-Camp. Löw hatte Verteidiger Heiko Westermann aus gutem Grund für das Spiel gegen Weißrussland freigestellt: Westermann wurde noch während der ersten Halbzeit Vater einer Tochter.

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