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Profiliert sich als einsam aufrechter Dopingbekämpfer: Rusada-Chef Juri Ganus.

Doping

Die Gewohnheitstäter

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In Russland tobt ein Krieg der Worte - diesmal es geht um eine manipulierte Dopingdatenbank.

Juri Ganus redet und redet, seit Wochen, er redet mit russischen Sportblättern, westlichen Radiosendern oder der Staatsagentur Interfax: Jemand habe tausende Angaben verändert in der Datenbank des Moskauer Antidopinglabors, systematisch und organisiert. Diese Datenbank aber sei unter Kontrolle des russischen Ermittlungskomitees gewesen, eine der höchsten Kriminalinstanzen des Landes. Ganus, Chef der russischen Anti-Dopingagentur Rusada wiederholt: „Für diejenigen, die die Datenbank manipuliert haben, stellte das Ermittlungskomitee keine Barriere dar.“ Und er fährt fort: „Lassen Sie uns darüber nachdenken, wer das gewesen sein kann?“

Heute tritt eine Kommission der Welt-Antidopingagentur Wada zusammen. Sie soll entscheiden, ob die ihr im Januar von den russischen Behörden übergebenen Computerdaten wirklich gefälscht sind. Und welche Konsequenzen das für den russischen Sport hat. Ganus selbst befürchtet das Schlimmste. „Wir haben keine Chance, an der Olympiade teilzunehmen“, sagte er der Zeitung „Moskowski Komsomoljez“. Er meint die kommenden Sommerspiele in Tokyo.

Im September war bekannt geworden, dass Wada-Experten auf der umstrittenen Datenbank Spuren massiver Manipulationen gefunden hatten. Die Wada zweifelt an der Echtheit von Dopingtestdaten des Moskauer Labors aus den Jahren 2012 bis 2015. Ganus auch. Der frühere Top- und Krisenmanager, seit 2017 Chef der Rusada, macht Front gegen höchste russische Sport- und Sicherheitsorgane. Einer Zeitung antwortete er auf die Frage nach den Schuldigen: „Fragen Sie Kolobkow.“ Pawel Kolobkow ist in Russland der Minister für Sport. Ganus spricht von Russland als „Gewohnheitstäter“, er scheint sich um Kopf und Kragen reden zu wollen. Die Behörden würden seine E-Mails verfolgen, auch hörten sie seine Telefonate ab und überwachten sein Haus, klagte er der „New York Times“. „Es ist wirklich gefährlich für mich.“ Man mag ihm glauben, im Januar 2016 floh sein Vorgänger Grigori Rodtschenkow in die USA, kurz darauf starben zwei weitere frühere Rusada-Funktionäre unerwartete Herztode, einer von ihnen plante ein Buch über Doping in Russland.

Der Kreml fährt zweigleisig

Auch Ganus hat jetzt keinen leichten Stand. Mehrere Leichtathleten haben ihn wegen Verleumdung verklagt. Er hatte ihnen in einem Interview mit „L’Equipe“ Blutdoping vorgeworfen. „Ganus hat schon so viel daher geredet“, schimpft die Fachzeitung „Sportexpress“, „dass wir uns alle einen Strick nehmen sollten, vor Schmach und Schande“. Und Altstarfußballtrainer Waleri Gassajew wirft Ganus „unprofessionelles, unethisches und unpatriotisches Verhalten“ vor.

Aber die Sportobrigkeit reagiert eher phlegmatisch. Minister Kolobkow antwortete auf Ganus‘ Vorwürfe ungerührt, für solch schwerwiegende Vorwürfe bedürfe es seriöser Beweise. Putin-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, es gäbe erst etwas zu kommentieren, wenn die Wada ihre Entscheidung gefällt habe. Russland hat sich an extrem peinliche Dopingskandale gewöhnt. Und daran, dass es vergleichsweise glimpflich davon kommt. Bei den vergangenen Winterspielen in Südkorea etwa durften 169 russische Sportler antreten, wenn auch nicht unter eigener Flagge.

Diesmal scheint es, als wolle der Kreml dem Datenbankskandal zweigleisig begegnen: Sportministerium und NOK dementieren wie üblich, Rusada-Chef Ganus aber profiliert sich als einsam aufrechter Dopingbekämpfer. Er kommt dabei auch in staatlichen Propagandamedien wie dem Auslandssender Russia Today zu Wort. Und das Fachportal sports.ru glaubt, Ganus rede auf Anweisung des Kremls: „Er soll der Wada klarmachen: Die Schuldigen der neuen Affäre sitzen auf Beamtenstühlen, die Rusada selbst aber ist ein Lichtstrahl im Reich der Dunkelheit.“ Auf diese Weise wolle man verhindern, dass die Wada gemäß der Automatismen ihres Regelwerks die Rusada sperrt. In der Hoffnung, dass auch das IOK und die internationalen Verbände danach den Kopf in den Sand stecken.

Aber im April 2018 verschärfte die Wada die Standards zur Einhaltung ihres Antidopingkodexes. Das könnte auch für Russland härtere Sanktionen bedeuten. Entscheidend wird wohl die schriftliche Rechtfertigung sein, den die russischen Sportbehörden der Wada vorgelegt haben. Aber der Brite Jonathan Taylor, der Leiter der Wada-Kommission, sagte schon im September, die Russen müssten wohl ein Kaninchen aus dem Hut ziehen, um die Anormalitäten auf der Datenbank glaubwürdig zu erklären.

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