+
Zwischen den Häusern: die „MS Deutschland“.

Olympia 2012

Getöse auf dem Traumschiff

Die deutsche Mannschaft gewinnt mehr Medaillen als 2008. Dem Deutschen Olympischen Sportbund gelingt es aber, den Erfolgstrend zu kaschieren.

Von Jörg Winterfeldt

Die Kulisse erinnerte an einen Hollywoodfilm. In „Speed 2“ kapern Terroristen ein Kreuzfahrtschiff und lassen es in eine Stadt donnern, wo es inmitten der Häuser zum Stehen kommt. In London hat der deutsche Sport die „MS Deutschland“ an den West India Quay in den Stadtteil Canary Wharf navigieren lassen, damit üppig zahlende Gäste und Sportler während Olympia dort feiern und nächtigen können. Doch selbst in dem modernen Bankenviertel, das mit seinen weit in den Himmel aufragenden Bauten aus Stahl, Beton und Glas einen gewissen Gigantismus gewohnt ist, wirkt die Urlaubsfregatte, als wäre sie vom Kurs abgekommen.

Kein Platz mehr

Das Traumschiff wollte seinem Ruf nicht gerecht werden. Kaum war die „MS Deutschland“ eingelaufen, protestierte der Kapitän, weil seine Reederei ihn zum Sportduell der Nationen allzu unpatriotisch unter maltesischer Schnäppchenflagge entsendet hatte. So setzte sich die Geschichte fort. Als gestern um drei Uhr nachts zum Abschluss der Spiele hochdekorierte Athleten zu den an Bord feiernden Hockeyspielern stoßen wollten, wurden sie abgewiesen. Der Kapitän soll einen striktes Aufnahmestopp verhängt haben. So strikt, dass zwar der Beachvolleyball-Olympiasieger Jonas Reckermann hinauf gedurft hätte, seine Frau aber nicht. Das gleiche galt für Rudersilbergewinnerin Carina Bär: Sie durfte an Bord, ihre Begleitung nicht. Reihenweise zogen Deutschlands Sporthelden wieder ab.

Das Getöse um das Albtraumschiff gibt dem seltsamen Auftritt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in London einen passenden Rahmen. Ganz nach der Devise, es müsse sich Probleme machen, wer keine hat, ist es den Funktionären in beeindruckender Weise gelungen, mit Tollpatschigkeiten, einer Affäre um eine Ruderin, einer um einen wegen Missbrauchs angeklagten Schwimmtrainer und der gerichtlich erzwungenen Offenlegung missverständlicher sogenannter Zielvereinbarungen von 2008 einen erstaunlichen Trend zu kaschieren: Erstmals seit Barcelona 1992 konnte eine deutsche Olympiamannschaft bei Spielen mehr Medaillen gewinnen als bei der Ausgabe vier Jahre zuvor. Schon vor dem Schlusstag hatten deutsche Sportler nach 41 Podestplätzen in Peking 2008 in London mit 11 Mal Gold, 19 Mal Silber und 14 Mal Bronze drei Medaillen mehr gewonnen. „Niemand hätte gedacht, dass im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen gewonnen werden könnten als in Peking“, sagte DOSB-Chef Thomas Bach.

Ein Land lacht

Vor allem die Heimlichtuerei um die Zielvereinbarungen und das Chaos, das auf ihre gerichtlich angeordnete Veröffentlichung am Freitag folgte, verstellen den Blick auf den Erfolg. Ganz Deutschland lachte, als herauskam, dass 86 Medaillen für London angestrebt wurden. In diesen Dimensionen arbeiten nur die olympischen Schwergewichte USA und China. „Wir haben uns vielleicht im Namen vergriffen: Fördervereinbarung wäre besser gewesen als Zielvereinbarung“, sagte Bach, „es kann nicht unser Ziel sein, China in der Medaillenausbeute zu überholen.“

Der DOSB hatte vor fünf Jahren einen Paradigmenwechsel beschlossen. Bis dahin wurden Verbände für gutes Abschneiden ihrer Athleten mit einer Aufstockung der Förderung belohnt und andere, deren Sportler enttäuscht hatten, dafür mit einer Kürzung der Mittel bestraft.

Dann dämmerte den Funktionären, dass es keinen Sinn hat, nur die Guten noch besser zu machen, die Schlechten aber schlechter. Also wurden mit jedem Verband einzeln Zielabsprachen getroffen und zu der Grundförderung eine Subvention von Projekten vereinbart, die zum Erreichen der Ziele nötig sein würden.

Ominöse "Zielvereinbarungen"

Deswegen existiert ein Papier über Zielvereinbarungen, in dem vor etwa vier Jahren die von jedem Verband angepeilten Medaillen festgehalten wurden. Natürlich wurde es regelmäßig modifiziert: Wenn Verbände wie der Handball- oder Basketball-Bund die Olympiaqualifikation verpasst hatten, wurden avisierte Projektmittel an andere Athleten vergeben. „Wir diskutieren jetzt, warum nicht 86 Medaillen gewonnen wurden, statt uns über das wunderbare Ergebnis zu freuen. Das macht mich ein bisschen ratlos“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, als habe er mit seiner Scheu vor dem offenen Umgang mit den Zahlen nicht die Misere mitzuverantworten.

Zwar erfreuten die Erfolge im Rudern, Kanusport oder der Leichtathletik, doch gleichzeitig machten die medaillenlosen Beckenschwimmer, Segler und Sportschützen Sorgen. Während der DOSB mit der Politik nun um eine Aufstockung der Sportsubventionen für die Vorbereitung auf Rio 2016 verhandelt, versprach Bach eine umfassende Überprüfung des Fördersystems.

Wenn die „MS Deutschland“ am Montagabend mit der Olympiamannschaft Kurs auf Hamburg nimmt, ist längst nicht alles wieder im Lot. Nicht mal für jeden zweiten Olympiateilnehmer wurde eine der teuren Kabinen reserviert. Weil die Zusage hätte erfolgen müssen, bevor etwa die Hockey-Olympiasieger für London qualifiziert waren, fehlt das feierfreudige Team bei der Party auf See. „Für uns Leichtathleten gab es nur 30 Kabinen“, sagt Speerwurf-Silbergewinnerin Christina Obergföll, „ich habe verzichtet, weil es erst hieß, Partner dürften nicht mit, und ich nicht wollte, dass ich aufs Schiff gehe und mein Freund muss nach Hause fliegen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion