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Will dann 2021 in Tokio freudig schwimmen: Jacob Heidtmann.

Schwimmen

Gestrandet in Kalifornien

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Ein Trainingslager in den USA droht für Top-Schwimmer Jacob Heidtmann zum Fiasko zu werden, auch finanziell - aber wenigstens spielt St. Pauli nun in der Champions League.

In den vergangenen Tagen wollte nicht einmal mehr die kalifornische Sonne mitspielen. Der Regen prasselte auf San Diego. „Eher wie in Hamburg eigentlich“, sagte Jacob Heidtmann. Aber das ist eigentlich auch schon egal. Deutschlands bester Lagenschwimmer kann die Vorzüge seiner derzeitigen Wahlheimat ohnehin kaum nutzen. Mehr als ein bisschen alleine trainieren geht auch in San Diego gerade nicht.

Und das ist dann schon auch eine der fiesen Randgeschichten dieser Krise. Immerhin hatte Heidtmanns Umzug in die USA so etwas wie die einmalige Chance sein sollen, die das Sportlerleben so bietet. Im vergangenen Sommer hatte sich dem 25-Jährigen die Möglichkeit eröffnet, Teil des Eliteteams des US-amerikanischen Trainerstars David Marsh zu werden. Im September siedelte er zu dem Mann über, der 2016 in Rio de Janeiro alleine die Schwimmerinnen der USA zu acht olympischen Goldmedaillen führte.

Heidtmann hat für diese Chance so ziemlich alles auf eine Karte gesetzt. Für den Traum von der perfekten Vorbereitung auf die nun vertagten Spiele in Tokio warf der Pinneberger, der sich seine Bleibe mit Teamkollege Marius Kusch teilt, sogar seine finanziellen Reserven für das Leben danach ins Rennen. Trainer, Wohnung, medizinische Betreuung finanziert er derzeit aus eigener Tasche. Heidtmann weiß nur zu gut, dass das in der Heimat nicht jeder versteht. Finanzielle Ziele gibt es keine, selbst als Olympiasieger wäre er gerade einmal um 20 000 Euro reicher. „In Deutschland muss man sich teilweise doch fast rechtfertigen, wenn man Leistungssportler ist“, sagte er, „da heißt es: Warum suchst du dir keinen Job?“ In den USA ist das anders, „da hast du einen enormen Stellenwert.“ Und es schien sich ja auch auszuzahlen. Anfang März siegte Heidtmann beim Meeting in Des Moins auf seiner Spezialstrecke über 400 Meter Lagen in 4:12,40 Minuten und knackte mit der zweitbesten Zeit des Jahres locker die Olympianorm.

Marshs kreatives Training, das tägliche Reiben mit Olympiasiegern, Weltmeistern oder Weltrekordhaltern wie Kathleen Baker oder Michael Chadwick – es hat dem Mann gut getan, der am heimischen Olympiastützpunkt in Hamburg stets die klare Nummer eins war.

Die Sache tritt auf der Stelle. Selbst das Meer dürfen Heidtmann und Co. nicht nutzen. „Wer am Strand erwischt wird, der zahlt 1000 Dollar“, sagte er. Im Moment freut sich Heidtmann schon, „wenn ich mal raus darf und ein Lächeln sehe.“ Wobei es auch damit zunehmend schwerer wird, seit einigen Tagen ist beim Einkaufen in San Diego das Tragen einer Atemschutzmaske vorgeschrieben.

Außer der Konsole, auf der Heidtmann seinen Herzensklub FC St. Pauli mittlerweile in die Champions League gebracht hat („Daran sieht man, wie viel Zeit ich habe“) ist ihm nicht viel mehr als der 15-Meter-Pool der Appartement-Anlage geblieben. Vielleicht wird sich das ändern. Marsh versucht derzeit auf privater Ebene ein Becken für seine zwanzigköpfige Trainingsgruppe zu finden.

So oder so: Eineinhalb Monate lang wird Jacob Heidtmann noch in Kalifornien bleiben. Im Juni kehrt er nach Hamburg zurück, wo er sich den wichtigsten Verpflichtungen seines Studiums der Sozialökonomie widmen will.

Und will doch so schnell wie möglich wiederkommen. Wenn die Bundeswehr und die Sporthilfe weiter mitspielen und seine Förderung verlängern, will er alle Hebel in Bewegung setzen, um im Herbst nach San Diego zurückkehren und aus dem Projekt Tokio 2020 das Projekt Tokio 2021 machen. Selbst mit seinem Lebensstil geht er in die Verlängerung. Heidtmann hatte sich vorgenommen, bis zu den Spielen vegetarisch zu leben: „Weil ich gemerkt habe, dass es mir gut tut.“

Und irgendwann wird sicher auch die kalifornische Sonne wieder mitspielen.

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