Tour de France

Von gestern und heute

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Vor 20 Jahren wurde die große Dopinglüge im Radsport öffentlich, ein kompletter Berufsstand überführt. Daran zu erinnern tut not. Ein Kommentar.

Es gibt gute Gründe, sich zu erinnern. Der Blick zurück, er hat etwas Sentimentales, mitunter Verklärtes. Früher war alles besser, schwingt da durch. Ach ja, die gute alte Zeit. Weißt Du noch, damals ...

Im Radsport gibt es sie auch, diese Jahrestage. Gestern zum Beispiel sendete der Sportinformationsdienst (sid) eine Rückschau auf das Jahr 1998. „20 Jahre Festina-Skandal: als der Radsport seine Glaubwürdigkeit verlor.“ 

Es war der Sommer der Enthüllungen. Die große Dopinglüge wird öffentlich, ein kompletter Berufsstand überführt. Daran zu erinnern, tut not, auch wenn es viele Radsportfans gibt, die darüber liebend gern den Mantel des Schweigens breiten würden.

20 Jahre ist es her, dass die Omertà, das mafiöse Gebot des Schweigens, durchbrochen wurde. Ein gewisser Willy Voet ist wenige Tage vor dem Tourstart am Steuer eines Festina-Teamfahrzeugs bei einer Zollkontrolle dingfest gemacht worden. Seine Ladung: 400 Ampullen Epo sowie Anabolika. Der belgische Pfleger und Masseur der französischen Equipe wird verhaftet. Es ist dies der Anfang einer Frankreich-Rundfahrt, die als Spritztour in die Geschichte eingehen sollte. Es wird geleugnet und geweint, gestanden und gestaunt. Festina wird während der laufenden Tour ausgeschlossen, die Rundfahrt endet im Chaos, nur 96 von 189 gestarteten Profis erreichen Paris auf dem Rad. 

Im Jahr eins nach dem Festina-Skandal betritt ein gewisser Lance Armstrong die Bühne und lässt alle an ein Wunder glauben. Der Mann, der den Krebs besiegte, krönt sich zum Toursieger. Einfach märchenhaft. Aber letzten Endes ein noch größerer Schwindel. Heute wissen wir, dass der Texaner mit einem besonderen Benzin im Blut über die schwersten Alpen- und Pyrenäenpässe pedaliert war – an seinem Hinterrad ein gewisser Jan Ullrich. Genauso talentiert, genauso wenig frei von Schuld. Armstrong und sein Team US Postal sind längst überführt. Seine sieben aberkannten Toursiege hinterlassen viel Weißraum in den offiziellen Bestenlisten der Tour de France.

Und heute? Wie steht es 20 Jahre nach dem großen Knall um den Radsport und seine Besten? Das britische Team Sky hinterlässt dieser Tage mal wieder einen positiven Eindruck. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Chris Froome, Kapitän und Titelverteidiger, darf trotz eines positiven Salbutamol-Tests mitfahren und liegt aktuell hinter seinem Kollegen Geraint Thomas auf Platz zwei. Sie diktieren das Tempo, die Frequenz, das Klassement. Aber auch den Zweifel daran, dass sich 20 Jahre nach dem Festina-Skandal wirklich etwas verändert hat.

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