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Ein Brasilianer für Leverkusen: Renato Augusto.

Fußball

Das Geschäft mit den Träumen

Wer in Brasiliens Fußball nach Talenten fischt, wird oft genug mit einem dicken Fang belohnt - eine Garantie aber gibt es bis heute für keinen Klub.

Von FRANK HELLMANN UND THOMAS KILCHENSTEIN

Mehr als 10.000 Fußballer sind in einer Datenbank gespeichert, die Norbert Ziegler am Computer verwaltet. Alle darin gelisteten Profis sind einzeln bewertet, die meisten hat der 54-Jährige selbst beobachtet. Weltweit. "Ich war öfter im Maracana-Stadion als jeder andere Europäer", behauptet der Chefscout von Bayer Leverkusen vollmundig. Häufig genug hat Ziegler auch Henrique Adriano Buss beobachtet, 21-jähriges Defensivtalent von Flamengo Rio de Janeiro.

"Vielseitig, leichtfüßig, zweikampf- und kopfballstark, handlungsschnell, ballsicher." Kürzlich hat der FC Barcelona für zehn Millionen Euro zugegriffen. So ist das Geschäft, sagt Ziegler. Trotzdem wird Henrique wohl bald unter dem Bayer-Kreuz zu bestaunen sein - als Ausleihspieler für ein Jahr, denn der Kontrakt mit den Katalanen gilt erst ab 2009.

Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser bastelt - nach der Verpflichtung von Renato Augusto als neuen Spielmacher - am nächsten Coup aus Südamerika. "Wir streben eine Dreiecksvereinbarung zwischen uns, dem Spieler und Barcelona an." Henrique wäre der nächste - und nicht der letzte.

Hertha führt in der "Brasilianer-Wertung"

Ein halbes Dutzend Brasilianer haben wieder in der Bundesliga angeheuert. Besonders groß ist die Berliner Brasilien-Liebe. Fünf Landsleute (Raffael, Kaka, Lucio, Rodnei, Cicero) hat die Hertha unter Vertrag. "Sie passen menschlich gut", betont Trainer Lucien Favre. Passen sie auch sportlich?

Gerade Hertha BSC hat viel Lehrgeld gezahlt: Alex Alves, 7,6 Millionen Euro teuer, war ein Künstler - und ein Kindskopf. Auch Luizao und Andre Lima kamen in der Hauptstadt nicht auf die Beine, obgleich sich Scout Rudi Wojtowicz in Südamerika bestens auskennt.

Dennoch sind Risiken und Nebenwirkungen nie auszuschließen. Auch für den Brasilien-Spezialisten Leverkusen nicht: Da waren 1995 die vermeintlichen Heilsbringer Rodrigo und Ramon Hubner, die sofort weiterverkauft wurden. Werder Bremen fiel nach den guten Erfahrungen mit Naldo und Diego zuletzt mit Carlos Alberto, 7,8 Millionen Euro teuer, auf die Nase.

"Brasilianer sind es nicht gewohnt, lange zu laufen"

Und Eintracht Frankfurt ist arg unglücklich mit Caio César Alves dos Santos, Ablöse 3,8 Millionen, der schon das zweite Mal einen Laktattest abbrach. Ziegler warnt davor, schnell den Stab zu brechen. "Auch Juan hatten teilweise schlechte Laktatwerte. Brasilianer sind es nicht gewohnt, so hart zu trainieren oder lange zu laufen." Auch Emerson, in Leverkusen zum Weltstar gereift, habe lange Anlaufzeit benötigt.

Für den Chefscout sind bei der Observation eines brasilianischen Kandidaten die Einzelkriterien Willensstärke und Ausstrahlung die entscheidenden. Punkte zwischen eins und zehn werden vergeben, "nur wer auf mindestens 8,5 Punkte in der Willensstärke kommt, setzt sich in Europa durch", sagt Ziegler. Denn in Europa ist vieles anders: Sprache, Wetter, Mentalität, dazu fehlt die familiäre Geborgenheit. Zudem: Brasilianer müssen sich wohlfühlen, um gute Leistungen zu bringen.

Mit dem Ausspähen der Eigenschaft ist es vor Ort bei den Zauberern am Zuckerhut nicht getan. Unklar und undurchsichtig sind die Besitzverhältnisse von fast 600 brasilianischen Erstliga-Profis, die sich vornehmlich auf die großen Vereine aus São Paulo, Rio de Janeiro oder Porto Alegre verteilen, wo so gut wie keine Ausländer beschäftigt werden.

Elf Beteiligte bei Verhandlungen

In der Campeonato Brasileiro spielen aktuell 29 Nicht-Brasilianer, 4,4 Prozent. Und das Bestreben der einheimischen Profis ist ein lukrativer Wechsel ins Ausland: Derzeit kicken rund 5000 brasilianische Fußballer in Klubs außerhalb ihres Landes - nicht nur in Europa, sondern auch in Katar oder Vietnam, den Faröer oder Jamaika, im Libanon oder im Senegal. 2006 wechselten 800 Brasilianer für 132 Millionen Euro ins Ausland.

In Brasilien ist es fast die Regel, dass ein Konsortium aus Unternehmen, Geschäftsmännern (nicht immer die seriösesten) oder Bekannten Anteile an einem Profi hält, um im Falle eines lukrativen Verkaufs nach Europa am Millionen-Geschäft zu partizipieren. Beim Transfer von Ze Roberto II im vergangene Jahr von Botafogo nach Schalke hätten elf Beteiligte am Verhandlungstisch gesessen, erzählte Schalkes Manager Andreas Müller.

Auch Spielerberater Roger Wittmann mischt mit seiner Agentur Rogon mit - es gibt sogar eine eigene Zentrale Rogon Brasil in Porto Alegre. Bei den (teuren) Transfers von Carlos Alberto (Bremen), Josué und Grafite (Wolfsburg), Eduardo (Hoffenheim), Ze Roberto II (Schalke) oder Caio hat Rogon mitkassiert.

Persönlichkeitsrechte abgetreten

Oft läuft ein Geschäft so, dass ein halbwegs talentierter Spieler seine Transfer- und oft auch seine Persönlichkeitsrechte längst zur Hälfte an einen Vermittler abgetreten hat. Die in der Regel klammen brasilianischen Klubs sichern so ihre Zukunft und sind bei einem Wechsel wenigstens mit 50 Prozent beteiligt.

Ein anderes Modell sieht eine ständige Ausleihe vor - meist gehört der Spieler noch dem Klub, für den er in der Jugend begann. Der Klub kassiert stets Ausleihgebühr und bei einem lukrativen Verein in Europa richtig Geld.

Auch hier ist Caio ein Beispiel. Seit Januar 2002 gehörte er Gremio Recreativo Barueri, einem unterklassigen Klub im Großraum São Paulos, da war Caio 16 Jahre alt. Bis zu seinem Wechsel nach Frankfurt wurde er fast jedes Jahr zu einem anderen Klub ausgeliehen - Guarani FC, International Porto Alegre, SC Palmeiras São Paulo. Im Dezember 2007 erwarb Palmeiras die Hälfte der Transferrechte - kurz bevor sich Eintracht Frankfurt ins heikle Brasilien-Geschäft stürzte.

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