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Gerolsteiner macht endgültig zu

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Von: Jörg Hanau

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© getty

Hans-Michael Holczer gibt die Sponsorensuche auf

Die gute Laune ist nicht gespielt. Es scheint, als wären Hans-Michael Holczer in der Stunde seiner bislang bittersten Entscheidung in seiner Radsportkarriere Zentnerlasten von den Schultern gefallen. "Es ist der beste Zeitpunkt, um auszusteigen", sagte Holczer mit fast freudiger Stimme. Denn kaum war am Donnerstag klar, dass der Eigner des Teams Gerolsteiner nach einjähriger ergebnisloser Sponsorensuche seine Mannschaft zum Jahresende auflösen wird, bombardierten ihn nicht nur Fans mit einer Vielzahl von E-Mails.

"Wenn das so weiter geht, werden wir noch richtig reich", frotzelte der Schwabe: "Ein Fan hat uns sogar angeboten, jährlich 1000 Euro einzuzahlen, um das Team zu retten." Ein Tropfen auf den heißen Stein, rund sieben Millionen Euro müssten es wohl doch sein, um das deutsche Vorzeigeradteam zu retten. Angesichts der großen Resonanz ist sich Holczer sicher: "Das Ding wird Kult."

Im September vergangenen Jahres hatte der Mineralwasserkonzern Gerolsteiner Brunnen für das Saisonende 2008 seinen Ausstieg angekündigt. Genügend Zeit, dachte Holczer damals, "um ein Team auf dem Markt zu bringen, das von seiner Struktur und Glaubwürdigkeit einzigartig im Radsport ist". Zwölf Monate später ist der Vorreiter im Antidopingkampf eines besseren belehrt worden: "Das Premiumprodukt des deutschen Sportsponsorings ist momentan nicht zu verkaufen."

Mehr als ein Dutzend ernsthafter Gespräche mit potentiellen Geldgebern habe er geführt, sagt Holczer, "es gab sogar mündliche Zusagen" - aber letzten Endes kam es nie zu einer Unterschrift. "Es gab auch Patchworklösungen, mehrere Geldgeber wollten zusammenlegen, aber davon halte ich nichts", sagte Holczer: "Entweder legt einer allein das Geld auf den Tisch, oder eben gar nicht."

Die auch während der Tour de France in diesem Sommer nicht enden wollenden Dopingenthüllungen verängstigten viele Sponsoren. "Viele von denen haben sich nur oberflächlich mit der Materie befasst", sagte Holczer, der davon überzeugt ist, dass der Radsport dennoch auf einem guten Weg ist. Der nun aber vorerst ohne das Team Gerolsteiner weitergegangen werden muss. Die Holczer Marketing GmbH beschäftigt etwa 60 Angestellte, vom Fahrer bis zu Pflegern und Mechanikern. "Das wird jetzt alles ganz korrekt abgewickelt", sagte Holczer, dessen Logistikzentrum in Herrenberg aber weiter bestehen bleibt. "Wir werden jetzt einen Abverkauf starten, alles mobile kommt raus, bis zur letzten Schraube."

Um die Zukunft seiner radfahrenden Mitarbeiter, muss sich Holczer jedoch nicht sorgen. "Das Team ist ein Filetstück." Das einzig verblieben deutsche ProTour-Team Milram hat bereits großer Interesse an deutschen Profis wie etwa Fabian Wegmann oder Markus Fothen geäußert. Auch für den Sportlichen Leiter Christian Wegmann zeichnet sich eine Zukunft bei Milram ab. "Ich suche jetzt das Gespräch mit Hans, um so viele Jobs wie möglich zu retten", sagte gestern Milram-Teamchef Gerry van Gerwen. So ganz uneigennützig, wie das zunächst klingt, ist es freilich nicht. Die Gerolsteiner Topfahrer gehören zu den begehrtesten in der Szene. Der österreichische Tour-d-France-Dritte Bernhard Kohl wird vermutlich nach Belgien wechseln - Quick Step und Lotto haben bereits Begehrlichkeiten angezeigt. Und auch Stefan Schumacher werden Kontakte ins Ausland nachgesagt.

Und was passiert mit Hans-Michael Holczer? Der freigestellte Mathematik- und Geschichtslehrer für Realschulen könnte durchaus wieder als Pädagoge arbeiten. "Das Lehramt ist aber längst nicht die letzte Option", sagte Holczer vieldeutig. Zwar gäbe es noch kein Angebot von einem anderen Rennstall, "ich bin aber frei für alles. Ich gebe zu Bedenken, dass ich ein Teammanager bin. Und von denen gibt es nicht viele", sagte Holczer und ist erst einmal froh, das Kapitel Gerolsteiner abgeschlossen zu haben. "Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren unendlich verschlissen im Antidopingkampf. Dazu kommt die Erkenntnis, in den letzten 13 Jahren verarscht worden zu sein."

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