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Freudentanz in Shizuoka: Die „Brave Blossoms“ feiern ihren Coup gegen den Weltranglistenersten. 

WM in Irland

Die geplante Rugby-Sensation

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Mit akribischer Vorbereitung und eingebürgerten Ausländern siegt Japan bei der Heim-WM gegen die Topnation Irland.

Erst sprach der Trainer, Jamie Joseph. Englisch. Dann der Kapitän, Pieter Labuschagné. Englisch. Erst als Shota Horie als Spieler des Abends ausgezeichnet wurde, passte die Sprache zu der Stimmung, einer Mischung aus blühendem Nationalstolz, überschäumender Euphorie und begeisterten Freudentänzen. „Sag doch mal etwas auf Japanisch zum Publikum“, forderte der Reporter mit dem Stadionmikrophon den schwergewichtigen Hakler der japanischen Rugby-Nationalmannschaft nach dem sensationellen 19:12 (9:12)-Sieg bei der Heim-Weltmeisterschaft gegen Irland auf, und der bärtige Rastamann bedankte sich brav bei den fast 50.000 Zuschauern in Shizuoka, die mit ihrer heißblütigen Leidenschaft das Klischee von den reservierten Japanern konterkariert hatten.

Lasche Wechselregel hilft

Die rot-weiß gekleideten Leute auf den Rängen hatten für eine Hexenkessel-Atmosphäre gesorgt und die „Brave Blossoms“, die früher „Cherry Blossoms“ (Kirschblüten) hießen, nach einem 3:12-Rückstand zum Triumph gegen den WM-Mitfavoriten getrieben. „Danke für die Anfeuerungsrufe, das hat mir Beine gemacht“, sagte der Schrank von einem Mann, „ich bin so glücklich, aber es ist noch nicht vorbei, das Turnier geht weiter. Lasst uns gemeinsam kämpfen.“ Auf dem Platz wie auf den Rängen: einer für alle, alle für einen.

Das Team offenbarte gegen die Truppe von der grünen Insel, die als Weltranglisten-Erster zur ersten WM in Asien angereist war und nach der Pleite nur noch Vierter ist, sämtliche Tugenden, mit denen das Adjektiv „brave“ in ihrem Namen übersetzt werden kann: mutig, tapfer, tüchtig.

Obwohl den alteingesessenen und neuen Japanern bei ihrer Jubeltour das ungläubige Staunen über das, was sie auf dem Rasenrechteck vollbracht hatten, ins Gesicht geschrieben stand, war der Triumph kein Wunder, sondern das Ergebnis eines generalstabsmäßig umgesetzten Plans. Und die Sensation wird durch den Fakt relativiert, dass die Iren niemals die echte Nummer eins der Rugby-Welt waren, sondern aufgrund der skurrilen Berechnungsmethode ohne Spiel gegen die Topteams aus Neuseeland, Südafrika und Australien plötzlich an der Spitze standen. Die Japaner waren die Nummer zehn, also nicht gerade ein Niemand. Unvergessen ihr sensationeller Favoritensturz von vier Jahren, als sie bei der WM in England 34:32 gegen Südafrika gewannen und nach weiteren Siegen gegen Samoa und die USA nur hauchdünn den Einzug ins Viertelfinale verpassten.

Auch dieses 34:32 spielte in dem Plan eine große Rolle. In der Vorbereitung ließ der Coach dieses Resultat auf dem Trainingsgelände aufhängen, um jeden Akteur täglich daran zu erinnern, dass nichts unmöglich ist. „Wir haben an uns geglaubt“, sagte Jamie Joseph, ein Neuseeländer, ehemaliger All Black, der die „Brave Blossoms“ 2016 übernahm. „Wir haben das ganze Jahr über diese Partie nachgedacht, vielleicht schon seit drei Jahren. Die Iren haben erst seit sechs, sieben Tagen über uns nachgedacht. Das war ein großer Vorteil.“ Die 7:41-Klatsche der Japaner gegen Südafrika im letzten Test vor der WM war richtungsweisend.

Ohne das entsprechende Personal wäre dies den Japanern, die jetzt noch Samoa und Schottland vor sich haben, natürlich auch nicht gelungen – und hier spielte ihnen die lasche Wechselregel des Weltverbandes World Rugby (WR) in die Hände. Bereits nach drei Jahren Aufenthalt im Land sind ausländische Spieler einsatzberechtigt. Und sie strömen, seit die Sunwolves als einziges japanisches Team in der Super-Rugby-Liga der südlichen Hemisphäre spielen und die nationalen Top-League-Klubs gutes Geld für Profis zahlen, die in den Auswahlmannschaften ihrer Heimatländer nicht zum Zug kommen.

Dank dieser Konstellation hält sich der Anteil gebürtiger und eingebürgerter Japaner im 31er-Kader fast die Waage. Die wenigsten Legionäre sind schon so lange im Land der aufgehenden Sonne und sprechen fließend Japanisch wie der neuseeländische Zweite-Reihe-Stürmer Andere Ausländer kommen aus Südafrika, Samoa, Tonga, Australien und Südkorea. Zehn Mann des 23er-Spielkaders gegen Irland stammten nicht aus Japan, der elfte hat immerhin eine japanische Mutter. Für die Weltmeisterschaft, bei der schon vor dem Start 95 Prozent der Tickets verkauft waren, ist es ein Segen, wenn es nicht nur in den Duellen der Großen spannend wird. Das Tüpfelchen auf dem i.

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