Formel 1-Doyen Bernie Ecclestone.
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Formel 1-Doyen Bernie Ecclestone.

Formel 1

Bernie Ecclestone: „Gemeinsam in eine Schlacht“

  • vonRalf Bach
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Formel 1-Doyen Bernie Ecclestone vermisst die Spannung, schiebt Sebastian Vettel an und fühlt sich bei Lewis Hamilton an einen Pokerspieler erinnert, der vier Asse auf der Hand hält.

Herr Ecclestone, wie fühlen Sie sich jetzt mit 90 Jahren?

Sehr gut. Ich spüre das Alter nicht. Mein kleiner Sohn hält mich zudem auf Trab.

Die Formel 1 ist Ihr Lebenswerk, die Sie zu einem globalen Sport gemacht haben. Wie sehr sind Sie noch involviert?

Ich habe natürlich immer noch viele Kontakte, eine Menge Leute fragen mich um Rat. Die neuen Vermarkter gehören nicht dazu. Aber natürlich schaue ich mir noch jedes Rennen an. Das letzte Mal das in Portugal.

Hat es Ihnen gefallen?

Ehrlich gesagt nein. Es wirkte künstlich, ohne Atmosphäre. Es ist halt nicht sehr schön, vor fast leeren Tribünen zu fahren.

„In der Formel 1 ist ein Fahrer immer abhängig von seinem Auto.“

Bernie Ecclestone

Und sportlich?

Die immer vorne sind, waren es auch diesmal.

Trotzdem: Wie bewerten Sie die Leistungen von Lewis Hamilton?

Lewis hat es verdient. Er hat seine Teamkollegen bis auf 2016 immer geschlagen. Er macht so gut wie keine Fehler. Aber ich vergleiche ihn mit einem Pokerspieler, der weiß, dass er vier Asse in der Hand hat. Da kann man ruhig pokern, während die anderen schwitzen.

Dennoch: Hamilton hat jetzt Michaels Schumachers Rekordmarke an Siegen geknackt. Er wird in der Anzahl an WM-Titeln mit ihm gleichziehen. Ist er jetzt der Beste aller Zeiten?

Lewis gehört in die Reihe der Besten, ohne Frage. Wie Michael auch. Aber wer letztendlich der Beste ist, ist kaum zu beantworten. Man kann Michael, Lewis oder Ayrton Senna kaum miteinander vergleichen. Vor dem zweiten Weltkrieg erzählte man sich wahre Wunderdinge über einen Bernd Rosemeyer. In den 50ern gewann Juan-Manuel Fangio fünf WM-Titel, und er ist in Bezug auf Siegquote immer noch vorn. Was wäre, wenn Jim Clark oder Ayrton Senna nicht so früh verunglückt wären? Oder Jochen Rindt, der für mich persönlich der schnellste war, früher in seiner Karriere konkurrenzfähige Autos gehabt hätte? Bei mir steht auch Alain Prost mit seinen vier WM-Titeln ganz hoch im Ranking. Und auch Sebastian Vettel. In der Formel 1 ist ein Fahrer immer abhängig von seinem Auto. Und sein Ferrari scheint ihm gerade zur Zeit nicht gut zu liegen.

„Ferrari war schon immer ein wenig durchschaubares Team.“

Bernie Ecclestone

Ist denn Teamkollege Leclerc so viel stärker?

Leclerc ist sicher ein Riesentalent. Aber das war Sebastian Vettel auch, ist es immer noch. Und er hat mehr Erfahrung. Eigentlich müsste er vorne sein. Da er das aber nicht ist, muss es andere Gründe geben. Ferrari war schon immer ein wenig durchschaubares Team. Die Innenpolitik spielte stets eine große Rolle. Eigentlich zogen dort nur zur Zeit von Michael Schumacher alle an einem Strang. Zum Glück hat Sebastian Vettel im nächsten Jahr eine neue Herausforderung bei Aston Martin. Da wird er den Zweiflern die Antwort geben. Ich habe ihm auch geholfen, dass der Deal mit Aston Martin klappt.

Inwiefern?

Ich habe richtig Druck bei Teambesitzer Lance Stroll gemacht, Sebastian zu nehmen.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, die Formel 1 zu führen?

Motorsport faszinierte mich schon immer. Ich besuchte auch das erste Formel-1-Rennen in Silverstone 1950. Später wollte ich selbst fahren. 1958 in Monaco war ich aber zu langsam. Deshalb wollte ich, dass Stirling Moss mit meinem Helm für mich mein Auto fährt. Doch die Rennkommissare bekamen Wind davon. Da beschloss ich, dass mein Talent eher an der Boxenmauer liegt, weniger im Auto. Ich arbeitete mit Jochen Rindt zusammen, kaufte mir schließlich ein Team. Die anderen waren dann der Meinung, ich wäre der richtige, sie zu vertreten. Also machte ich es. Mir war völlig klar, dass das meiste Geld mit Fernsehrechten zu verdienen ist. Dann machte ich den ersten Deal. Das legendäre Finale in Fuji 1976 war das erste Rennen, das weltweit übertragen wurde und richtig Geld einbrachte. Dabei wäre es fast ins Wasser gefallen. Zum Glück fuhren sie doch und James Hunt wurde Weltmeister. Fuji 1976 war die Initialzündung für den Erfolg, den wir dann hatten.

„Jedes Mal, wenn du einen Fahrer verloren hast, musstest du deine Trauer bekämpfen.“

Bernie Ecclestone

Was war damals anders?

Damals fuhren die Fahrer nur aus purer Leidenschaft. Sie riskierten ihr Leben in jeder Runde, aber das ignorierten sie einfach. Heute sind die meisten Strecken ja so ausgelegt, dass den Piloten das Benzin ausgeht, bevor sie irgendwo einschlagen. Das Gefühl, das nächste Rennen könnte das letzte sein, schweißte sie damals zusammen. Sie waren wie Kameraden, die gemeinsam in eine Schlacht zogen.

Was waren Ihre schlimmsten Erlebnisse?

Da gab es eine Menge. Jedes Mal, wenn du einen Fahrer verloren hast, musstest du deine Trauer bekämpfen. Imola 1994 war sicherlich extrem schlimm. Und für mich persönlich natürlich Monza 1970, als mein Freund Jochen Rindt starb.

Wie würden Sie Michael Schumacher beschreiben?

Man konnte ihm vertrauen. Wenn man ihm einen Job gab, konnte man sicher sein, dass er ihn erfüllen würde. Er legte die Limits für andere Fahrer nach oben.

War das Comeback bei Mercedes gut für ihn?

Für ihn nicht so gut wie für die Formel 1. Aber er wusste, dass er wie damals mit Ferrari erst mal Aufbauarbeit leisten musste. Es ist fast tragisch, dass ausgerechnet der jetzt davon profitiert, der ihm gerade einen Rekord nach dem anderen abjagt...Hamilton.

Interview: Ralf Bach

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