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Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Pferdebesichtigung im Gulfstream Park.

Pferderennen

Geisterrennen für die Zocker

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Überall steht der Sport still. Überall? Nein, in den USA stehen Pferderennen weiter hoch im Kurs.

Komplett eingestellt ist der Weltsport nicht. Es wird Eishockey gespielt in Weißrussland, Basketball in Tadschikistan und Taiwan, Tischtennis in Russland, der Ukraine und Tschechien. Jordanien, Nicaragua, Benin, Burundi, Somalia, Malawi und die zweite katarische Liga haben Fußballspiele angesetzt, ebenso wie Weißrussland und Schweden. Doch das dichteste Angebot gibt es im Pferderennsport. In den USA wird auf den relevanten Bahnen galoppiert. Täglich sind mindestens um die zwanzig Rennen im Angebot – im Gulfstream Park in Florida, im Fonner Park, Will Rogers Downs, Santa Anita, den Golden Gate Fields. Immer wieder wird auch in Hongkong, Singapur, Australien ein Renntag veranstaltet, wie er so auch im Kalender stand. Sogar mit den üblichen Preisgeldern, neulich erst wurde in einem Rennen in Amerika eine Million Dollar ausgeschüttet. In Schweden gehen Traber an den Start. Nur eben überall ohne Zuschauer.

Die Rennen kann man sich im Internet anschauen. Sie wirken nicht viel anders als sonst. Ein Kommentator gibt aufgeregt das Fachliche wieder, die Jockeys treiben konzentriert ihre Pferde an im üblichen Rennen um Platz und Sieg. Publikum? Ist für gewöhnlich auf der Tribüne, wo auch die Kamera steht und daher kaum im Bild. Die Gegengerade der weitläufigen Rennbahnen ist immer freies Gelände. Insidern fällt dieser Tage auf, dass die Reiter der Begleitpferde, die die Rennpferde zum Start eskortieren (eine Maßnahme, die beruhigend wirken soll), Mundschutz tragen.

In Großbritannien und Irland wurden alle Pferderennen bis Ende April abgesagt, vergangene Woche schloss Südafrika seine Rennbahnen. Zentrum des Sports sind seitdem die USA, obwohl sie das Land mit den meisten Coronafällen sind.

Die Entwicklung wird auch in Deutschland verfolgt, wo die Galoppsaison meist um Ostern herum richtig losgeht. In Köln – passende Adresse: Rennbahnstraße 154 – sitzt der Verein Deutscher Galopp (früher Direktorium für Vollblutzucht und Rennen mit seinen Wirtschaftsdiensten). Geschäftsführer Jan Pommer, der früher der Basketball-Bundesliga vorstand, sagt: „Wir schauen genau hin, wo und unter welchen Rahmenbedingungen Rennen stattfinden.“ Konkret: Auch die deutsche Szene befasst sich mit Geisterrennen. „Wir sind eine Sportart, die Social Distancing in Reinkultur betreibt. Auf Freigeländen, auf denen man sich vereinzeln kann.“ Geprüft wird beim Deutschen Galopp e.V., „wer auf einer Rennbahn zwingend erforderlich ist“. Jan Pommer findet: „Es ist ein überschaubarer Kreis von Leuten. Die Jockeys, Mediziner, die Rennleitung.“ Und die Tiere, klar. „Die Besitzer, obwohl sie gerne dabei sind, wenn ihre Pferde laufen, müssen wir nicht unbedingt auf die Bahn lassen und auch die Jockeystube nicht öffnen.“

Irgendwie müsse Galoppbetrieb sein. Pommer spricht von einem „uns zugewiesenen gesellschaftlichen Auftrag. Wir führen mit staatlichem Auftrag Leistungsprüfungen der Vollblutzucht durch, wir führen das Zuchtbuch, und dazu gehört auch, dass Pferde sich erproben.“ Auch der Trainingsbetrieb der gesamten Reitsportwelt ist von oben abgesegnet: „Das Landwirtschafts-Ministerium sagt, er muss weitergehen, wir sind dem Tierwohlgesetz verpflichtet und müssen Training im Sinne der Tiere durchführen.“

Wetten fast rund um die Uhr

Freilich geht es auch ums Geld. Der Pferderennsport, Galopp wie Trab, lebt von den Wettumsätzen. Pommer: „Die Pferdewette ist eine wichtige Stütze für unser Rennsportsystem, ein substanzieller Teil unserer Erträge.“ Auf nahezu jedes Rennen kann weltweit gesetzt werden. „Und wie beim Lotto: Ein Teil davon kommt beim jeweiligen Rennverein an.“ Der französische Wettanbieter PMU ermöglicht in Deutschland den Betrieb mehrerer kleiner Trabrennbahnen, die dafür – was im Fußball immer gefürchtet wird – auch mal zu unmöglichen Zeiten, an Werktagsmittagen, veranstalten müssen. Das deutsche Büro „Wettstar“ gehört zur Hälfte dem deutschen Pferdesport. Eine Anlaufstelle ist zudem pferdewetten.de mit Sitz in Düsseldorf. Auf diesen Portalen versammeln sich die Tipper.

Sie konnten feststellen, dass sie fast rund um die Uhr setzen können. Nur neulich gab es zwischen Mittag und Abend ein paar Stunden nichts. Kein Huf klapperte. Nirgendwo.

Und auf den deutschen Bahnen, das ist absehbar, nicht vor Mai.

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