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Schwimmer bei der WM in Berlin (Archivbild).

Schwimm-WM

Rom geht richtig baden

Die selbsternannte Welt-Hauptstadt des Schwimmens hat versagt: Weil Hallen nicht fertig werden, wird die WM in einem Provisorium ausgetragen.

Von Tom Mustroph

Die Zeit, als in Rom Wasserbauwerke erfolgreich errichtet wurden, liegt ungefähr 2000 Jahre zurück. Von dieser glorreichen Epoche künden noch heute die imposanten Aquädukte. Viel später kamen üppig ausgestattete Brunnen wie die legendäre Fontana di Trevi hinzu. Der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava hat im 21. Jahrhundert für ein Gelände vor den Toren der ewigen Stadt einen gigantischen Sportkomplex geplant, der, aus zwei eleganten Segeln geformt, ästhetisch und funktional den antiken Anlagen durchaus ebenbürtig ist. In ihm sollte ursprünglich die 13. Schwimm-Weltmeisterschaft ausgetragen werden. Kurz vor WM-Beginn künden in Tor Vergata nur ein Schild, ein großes Loch und einige Kräne von den geplanten Großtaten. Disteln überwuchern das Feld an der Ausfallstraße Richtung Neapel.

Die Schwimm-WM wird dennoch vom 17. Juli bis 2. August in Rom stattfinden. Aber statt ihre technologisch extrem verfeinerten Schwimmanzüge in der gigantischen neuen Anlage präsentieren zu können, müssen die Athleten mit dem Bassin der Olympischen Spiele von 1960 vorlieb nehmen. Im alten Olympischen Komplex werden zudem zwei provisorische Becken errichtet. Weil außerdem über einigen der insgesamt 20 in letzter Minute fertiggestellten Trainingshallen die Drohung der Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft schwebt, ist die WM schon jetzt ein riesiges Baudesaster.

Dabei hatte es so schön werden sollen. Roms ehemaliger Oberbürgermeister Walter Veltroni hatte einen gewaltigen sportpolitischen Etappenplan ausgetüftelt, der seiner Stadt die Olympischen Spiele 2020 bescheren sollte. Kernelement der Investitionen war die Città dello Sport von Calatrava in Tor Vergata. Der Komplex mit einer Mehrzweckhalle für 18000 Zuschauer und einem Schwimmstadion für 4000 sowie anderen, kleineren Sportstätten sollte zur Schwimm-WM 2009 eingeweiht werden. Eine nächste Bewährungsprobe hätte die Volleyball-WM 2010 gebracht. Für 2014 bewarb sich Rom für die Basketball-WM. All dies sind Vorhaben, die bei gutem Gelingen die Olympier womöglich überzeugt hätten, Rom nach 60 Jahren wieder die Spiele anzuvertrauen.

Regierungswechsel bremste

Aber mit dem doppelten Regierungswechsel in Rom gerieten die Bauarbeiten ins Stocken. Zwar wurden nach Angaben der Gazzetta dello Sport schon 200 Millionen Euro verbaut. Doch Premierminister Berlusconi und Bürgermeister Alemanno stoppten die vorgesehenen Zuwendungen von jährlich 60 Millionen Euro.

Alemanno will mit dem Geld angeblich die Metro-Linie B weiter ausbauen. Einen konkreten Vertrag dazu gibt es aber noch nicht. Die Römer warten seit 20 Jahren auf den Ausbau dieser Strecke. Im Büro des Architekten Calatrava ist man nicht gut auf die Auftraggeber der Città dello Sport zu sprechen, konkrete Auskünfte zur Zukunft des Projekts werden aber nicht gegeben. Von der Website ist jeder Hinweis auf das Vorhaben getilgt. Olympia 2020 wird einen Bogen um den Tiber machen. Die Basketball-WM 2014 ist Ende Mai an Spanien vergeben worden.

So wird die WM in der alten Anlage von 1960 ausgetragen. In das bejahrte Bassin, in dem für eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft die Krefelderin Wiltrud Urselmann und die Jenaerin Barbara Göbel Einzelmedaillen im Brustschwimmen herausfischten, wird ein neues supermodernes Becken eingebaut. Sprintspezialist Alain Bernard war beim Ortstermin begeistert. "Das ist eine der schönsten und schnellsten Anlagen weltweit", meinte der Franzose.

Sportstätte versiegelt

Die Trainingshallen stehen inzwischen auch fest. Nicht dabei ist das Salaria Sport Village. Hier hatte ein privater Investor die Gelegenheit beim Schopf gepackt, als der Hochkommissar für den Stadionbau das Baurecht außer Kraft setzte, um eine schöne Infrastruktur für die WM zu schaffen. Der Betonkomplex mit Schwimmhalle, Hotel und Beauty-Center ist nur wenige Meter vom Tiber entfernt. Der war erst im Winter über die Ufer getreten. Weil die Sicherheit nicht gewährleistet ist, hat die Staatsanwaltschaft das Tor versiegelt. Drei weitere Anlagen Gav Sport City, Flaminio Sporting Club und Tevere Remo sind Ende Juni gesperrt worden.

Sie wurden entweder widerrechtlich über Ausgrabungsstätten, auf unsicherem Baugrund oder in Parkanlagen errichtet. Gegen 11 der 17 privat gebauten Schwimmstätten hatten kommunale Experten Einwände erhoben. Drei öffentliche Hallen immerhin sind ohne Ermittlungen fertig geworden. Einziger Schönheitsfleck: Statt 35 Millionen Euro wurden 55 Millionen ausgegeben. Und es sind noch nicht einmal alle Zusatzbauten fertig. Eine Metriopole des Schwimmsports ist Rom nicht. Es ist grandios gescheitert.

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