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Mircea Lucescu, Trainer von Schachtar Donezk, beobachtet seine Spieler während einer Trainingseinheit im Stadion in Lemberg, nahe der polnischen Grenze.
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Mircea Lucescu, Trainer von Schachtar Donezk, beobachtet seine Spieler während einer Trainingseinheit im Stadion in Lemberg, nahe der polnischen Grenze.

Bayern-Gegner Schachtar Donezk

„Geht lieber mal ins Theater“

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Der Bürgerkrieg in der Ukraine stellt auch Mircea Lucescu, den Trainer von Bayern-Gegner Schachtar Donezk, vor schwere Aufgaben.

Der Alltag in der Ukraine stellt sich gerade beschwerlich dar. Auch für die vergleichsweise privilegierten, weil beschützten Persönlichkeiten. Mircea Lucescu ist es in der Ukraine ja gewohnt gewesen, dass alle Türen automatisch aufgehen, wenn der markante Cheftrainer von Schachtar Donezk erschien. Doch seitdem das einstige Aushängeschild aus dem Kohlerevier heimatlos geworden ist, sein Training in der Hauptstadt Kiew abhält und seine Spiele in Lwiw bestreitet, ist nichts mehr, wie es einmal war. Bezeichnend vor dem heutigen Achtelfinal-Rückspiel beim FC Bayern München ist ein Vorfall, der sich vor einigen Wochen am Flughafen in Lwiw ereignet hat.

Der gebürtige Rumäne war es bis dahin beim Einchecken gewohnt, keine Papiere vorzeigen zu müssen. Doch plötzlich wollten es die Kontrolleure am Rollfeld ganz genau wissen und baten den 69-Jährigen, sich auszuweisen. „Wissen Sie denn nicht, wer vor Ihnen steht?“, fragte Vereinspressesprecher Ruslan Marmazow. Doch die Flughafenmitarbeiter interessierte der Einwand nicht, und Lucescu präsentierte gelassen seine Papiere.

Wenige Tage danach quittierte Marmazow seinen Dienst und ließ wissen, dass er zukünftig in Moskau arbeiten wolle. Der Sprecher verabschiedete sich mit einer Schimpfkanonade: „Die Ukraine entwickelt sich in eine Richtung, die ich absolut nicht mag. Es ekelt mich an, wie derzeit mit Menschen aus der Ost-Ukraine umgegangen wird. Unser Verein muss in Kiew und Lwiw arbeiten, das sind zwei Städte, in denen ich nicht leben kann.“ Nur: In die vom Krieg geplagte Heimat Donezk kann Schachtar ja schlecht zurückkehren.

Der Lehrmeister wirkt dünnhäutig

Dass die Pendelei auch Lucescu nicht gefällt, ist verbürgt. Nach einem Spiel in der Vorwoche im Ukraine-Cup gegen Metalist Charkiw – wo sein Team am jüngsten Wochenende im Punktspiel (2:2) auch die Generalprobe für die Champions League verpatzte – platzte dem sonst so souveränen Coach der Kragen. Kein Mensch brauche so einen Wettbewerb mehr. Es wird spekuliert, ob der Mann nicht längst seinen Abgang aus der Wahlheimat vorbereitet. Der einst so verschmitzte, ruhige und gelassene Lehrmeister wirkt dünnhäutig, gereizt und genervt. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler spürt, dass aus der behüteten Rundumversorgung in Donezk ein allenfalls geduldetes Nomadendasein in Kiew geworden ist. „Auch wenn der Klub mit Politik nie etwas am Hut hatte, muss der Verein nun dafür zahlen, dass die Partei der Regionen in Donezk fett gefüttert wurde“, schreibt ein Internet-User.

Die Berichte häufen sich, dass Mitarbeiter des Klubs von Präsidenten-Oligarch Rinat Achmetow im Exil schikaniert werden. Schließlich war es der Donezker Multimilliardär, der den vor einem Jahr nach Russland geflüchteten Präsident Viktor Janukowitsch mit Unsummen finanzierte. Die Bande zwischen dem Vereinsboss und dem Cheftrainer soll sich zu einem fast väterlichen Verhältnis entwickelt haben, weil der fußballverrückte Tartare auf Gefolgschaft größten Wert legt – das erfüllt der loyale Fußballlehrer, der zuvor bei Besiktas und Galatasaray Istanbul, Rapid Bukarest und Inter Mailand angestellt war.

Lucescu gilt als der Architekt des Bergarbeitervereins, der in der Offensive von südamerikanischen Künstlern und in der Defensive von osteuropäischen Handwerkern geprägt wird. Und die Befehle von außen erteilt ein sechssprachiger Taktiker, der in München wohl auf überfallartige Konter setzen wird. „Wenn wir die Bayern schlagen, werden wir zu Helden“, sagt Lucescu. Pep Guardiola preist ihn anerkennend als „einen der besten Trainer Europas“.

Ein Weiterkommen wäre die Sensation

Der Katalane weiß, dass der angeblich mit drei bis vier Millionen Euro Jahressalär entlohnte Kollege seine Karriere krönen kann, denn ein Weiterkommen in der Königsklasse gegen einen Topfavoriten wäre unter den aktuellen Umständen noch höher einzuordnen als der Gewinn des ehemaligen Uefa-Cups 2009 gegen Werder Bremen. Wie hatte der Wandervogel bei seinem Amtsantritt 2004 versprochen: „Ich bin gekommen, um aus Schachtar eine Größe in Europa zu machen, vor der sich auch die besten Vereine fürchten.“

Was passiert jedoch, wenn international das Stoppschild auftaucht? National bleibt nicht mehr viel. In der heimischen Liga hat Schachtar unter Lucescus Regie bereits achtmal die Meisterschaft gewonnen, aktuell allerdings ist Erzrivale Dynamo Kiew um sieben Punkte enteilt. Der Trainer wird sich seine Gedanken machen. Warum soll einer, der Ende Juli seinen 70. Geburtstag feiert, der 2009 einen Herzinfarkt und 2012 einen Autounfall überlebt hat, sein Glück unnötig herausfordern? Vielleicht könnte er die rumänische Nationalmannschaft noch einmal fit für eine WM machen oder erneut bei einen Spitzenklub in der Türkei anheuern. Oder macht er mit seiner Frau bald einfach das, was er seinen Spielern stets rät? „Geht lieber mal ins Theater.“

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