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"Es geht einem gegen den Strich"

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Linus Gerdemann - nach dem Sieg in der siebten Etappe der Tour de France 2007.
Linus Gerdemann - nach dem Sieg in der siebten Etappe der Tour de France 2007. © Getty

In der Deutschland-Tour gehört Linus Gerdemann neben Vorjahressieger Jens Voigt zu den Favoriten. Für das Team Gerolsteiner wird die heute beginnende Rundfahrt zu Abschiedstour - das Team wird aufgelöst.

Herr Gerdemann, Sie werden als einer der Topfavoriten gehandelt. Warum gewinnen Sie die Deutschland-Tour?

Ich bin nach meinen schweren Verletzungen wieder gut in Form gekommen und fühle mich auch sehr gut. Aber letzten Endes bin ich jetzt erst einmal froh, wieder Radrennen fahren zu können. Dass es wieder so gut läuft, ist schön, aber ich will mich jetzt selbst nicht so sehr unter Druck setzen. Ich wäre sicher nicht gut beraten, jetzt die Favoritenrolle an mich zu reißen.

Es könnte auf ein Duell mit dem zweimaligen Sieger Jens Voigt hinauslaufen.

Natürlich wünscht sich vorzugsweise die deutsche Öffentlichkeit ein deutsch-deutsches Duell. Aber es gibt auch ein paar gute Ausländer, die in guter Form an den Start gehen werden und ein Wörtchen mitsprechen könnten, wenn es um den Gesamtsieg geht.

Sind Sie die Etappen im Training schon einmal gefahren?

Ich kenne die Bergankunft am Ende der ersten Etappe nach Hochfügen.

Ihr Urteil?

Sehr anspruchsvoll, sehr, sehr steil. Diese Rampe ist mit Sicherheit nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Fällt dort schon die Entscheidung über Sieg und Niederlage bei der D-Tour 2008?

Ich denke, dass das Zeitfahren am Ende in Bremen noch ausschlaggebend sein kann. Aber es gibt bestimmt viele, die ihre Ambitionen auf den Gesamtsieg schon nach der ersten Etappe begraben können.

Wie steht es aktuell um Ihre Zeitfahrqualitäten?

Ich hatte nach der langen Rennpause ein Kraftdefizit, das sich im Zeitfahren bemerkbar gemacht hat. Aber ich denke, ich habe da schon wieder aufgebaut. Vielleicht bin da noch nicht bei 100 Prozent, aber bei der Tour de l'Ain, die ich gewonnen habe, war ich schon Zweiter im Zeitfahren. Deshalb denke ich, dass ich mich im Vergleich zu reinen Bergfahrern im Zeitfahren nicht verstecken muss.

Sie haben im August nicht nur die Tour de l'Ain, sondern auch die Coppy Agostini gewonnen. Wie erklären Sie sich Ihre gute Form? Haben Sie damit gerechnet?

Definitiv nicht. Die Siege kamen für mich selbst überraschend. Ich habe nichts überstürzt, habe nichts übers Knie gebrochen. Aber nach so einer langen Verletzungspause, allein sechs Wochen hatte ich das Bein im Gips, war das nicht zu erwarten.

Zumal Sie im Sommer fremdgegangen sind: Statt die Tour de France zu fahren, haben Sie als Gastkommentator des ZDF über sie berichtet. Wie war's?

Es war angenehm, aber stressig. Ich hatte mir ein sehr ordentliches Trainingsprogramm auferlegt. Durch das viele Reisen von Etappenort zu Etappenort, von Hotel zu Hotel, war es nicht immer ganz so einfach, die Einheiten in den Tagesablauf einzubauen.

Dafür konnten Sie die Tour de France aus einem ganz neuen Blickwinkel beobachten. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Es gab und gibt weiterhin immer noch Unbelehrbare, die jetzt hoffentlich langsam alle aussortiert sind. Im Leistungssport allgemein ist es aber immer schwer, von 100 Prozent zu sprechen. Aber ich denke, dass die Tour-Organisatoren mit ihren überraschenden Kontrollen dazu beigetragen haben, dass viele Fahrer verunsichert worden sind.

Es war zu hören, dass Sie nicht überrascht gewesen sein sollen, dass zu den überführten Dopern in Frankreich unter anderem die Italiener Riccardo Ricco und Emanuele Sella zählten.

Im Nachhinein ist es immer dreimal schlau zu sagen, das wusste ich schon immer. Aber letztlich war ich bei denen tatsächlich nicht wirklich überrascht. Ich kann nicht behaupten, ich sei fassungslos gewesen. Gerade bei Ricco und Sella waren die Leistungsexplosionen schon sehr verwunderlich.

Leistungsexplosionen gab es jüngst auch während der Olympischen Spiele in Peking in vielen Sportarten - aber nur zehn Dopingfälle.

Es gab schon im Vorfeld viele Ausschlüsse. Aber ich denke, ich tue gut daran, wenn ich nicht mit dem Finger auf andere Sportarten zeige. Im Radsport gibt es ein massives Dopingproblem, und das muss bekämpft werden. Aber es wäre natürlich wünschenswert, dass auch in anderen Sportarten vergleichsweise intensiv getestet würde wie es bei uns Radsportlern inzwischen längst der Fall ist.

Beispielsweise?

Ich habe gehört, dass auf das Blutdopingmittel Cera, auf das Sella und Ricco positiv getestet worden sind, bei den Olympischen Spielen nicht getestet wurde. Das verstehe ich nicht. Wenn es möglich ist, warum wird in den Labors danach nicht gesucht?

Sind Radsportler die Prügelknaben des Sports?

Wenn man trainiert und ständig auf Doping angesprochen wird, dann nervt das natürlich. Letztlich versucht man mit sauberen Mitteln seinen Erfolg einzufahren und wenn man dann auf der Straße immer doof angequatscht wird, geht einem das ganz gehörig gegen den Strich.

Können Sie das Misstrauen nicht nachvollziehen?

Es ist natürlich legitim. Ich frage mich bei Topleistungen auch, ob das mit rechten Dingen zugeht oder nicht. Aber in Deutschland ist das so massiv wie in keinem anderen Land. Ich habe zuletzt ja einige Rennen im Ausland gewonnen und da ist es auch mal schön, ins Ziel zu kommen und nicht gleich die zweite oder dritte Frage nach Doping beantworten zu müssen.

Dennoch sehen Sie Ihre Zukunft als Radprofi in einem deutschen Team. Steht ihre Rückkehr nach Deutschland unmittelbar bevor? Es heißt, sie würden zum Team Milram wechseln.

Unmittelbar, weiß ich nicht. Es ist richtig. Ich habe gesagt, dass ich mir zukünftig vorstellen könnte, mal wieder für ein deutsches Team zu fahren. Ich denke, dass es für den deutschen Radsport wichtig ist, dass es Leute gibt, die Verantwortung übernehmen. Wann allerdings zukünftig ist, kann ich im Moment noch nicht sagen.

Interview: Jörg Hanau

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