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Trost vom Reservisten: Demarai Gray mit Shinji Okazaki (re.).

Premier League

Gefangen in der Psychofalle

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Der englische Meister Leicester City steckt in der Premier League zwei Punkte vorm Letzten fest.

Claudio Ranieri hat vergangene Woche Rückendeckung bekommen. Sein Arbeitgeber Leicester City sah sich veranlasst, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen. Der amtierende Meister der Premier League sprach seinem Trainer dabei das „unerschütterliche Vertrauen“ aus. Ranieri, ein überaus freundlicher Mensch, kann dieses Vertrauen sehr gut gebrauchen, aber es hat am Wochenende nicht dazu geführt, dass seine Mannschaft den dramatischen Fall hätte aufhalten können. Leicester unterlag am Sonntag 0:2 bei Swansea City, womit die ebenfalls abstiegsgefährdeten Waliser den Champion hinunter auf Platz 17 drängten. Einen Platz vor die Abstiegsränge, nachdem das Team aus den englischen Midlands zuletzt fünf Spiele ohne eigenen Treffer allesamt verloren hat. Ranieri gab nach dem wiederum frustrierenden Erlebnis in Swansea eine messerscharfe Analyse ab: „Wir haben zwei Probleme: Wir kassieren zu viele Tore und wir schießen keine.“

Aber wie ist es dazu gekommen, dass die Überflieger der vergangenen Saison, das Team, bei dem alles passte und das wie aufgedreht aus dem Fast-Abstieg der Vorsaison zum Titel rannte, plötzlich wieder so gut wie nichts mehr gelingt? Wie kann es dazu gekommen sein, dass Leicester City die vorige Saison 31 Zähler vor dem FC Chelsea beendete und diese Spielzeit nun schon 39 Zähler hinter den Süd-Londonern liegt, zwei Punkte nur vor dem Letzten aus Sunderland?

Der Wechsel von M’Golo Kanté im Sommer von den Foxes zu den Blues kann dafür nicht als singuläre Erklärung dienen, wenngleich der Verlust des Franzosen Leicester hart getroffen hat. Kanté ist ein emsiger Ballklauer, niemand gewinnt in Englands Eliteklasse mehr Zweikämpfe als der Mittelfeldspieler, der sich beim FC Chelsea sofort unentbehrlich gemacht hat und jeden Penny seiner 30 Millionen Pfund Ablöse wert ist. Kanté ist der beste Mann der Premier League. Und vor allem: Er macht seine Mitspieler besser.

Ranieri vermisst den kleinen Kerl mit dem großen Kämpferherzen sehr. Es gibt wenig Zweifel, dass Ranieri ein Trainer ist, der es hervorragend versteht, das zu moderieren, was man im Fußballjargon einen „Lauf“ nennt. Der sympathische Römer ist ein Lange-Leine-Trainer, ein Gute-Laune-Coach, seine Spieler dürfen Pizza essen und freie Tage genießen, und sie haben dem 65-Jährigen die Annehmlichkeiten im Meisterjahr mehrfach zurückgezahlt.


Zur Belohnung gab es vom thailändischen Klubbesitzer unter anderem für jeden Profi eine 105.000 Euro teure Luxuskarosse. Niemand hat erwartet, dass der hässliche Frosch, der auf wundersame Art und Weise zum schönen Prinzen mutiert war, auch in der Saison nach dem Titelgewinn unbedingt eine Spitzenmannschaft bleiben würde. Denn jeder wusste ja, dass die zusätzliche Belastung in der Champions League, wo Leicester voll überzeugte und kommende Woche im Achtelfinale auf den FC Sevilla trifft, Körner kosten würde. Die Königsklasse hat für alle miteinander noch einmal eine neue Herausforderung bedeutet. Dass Fußball nicht nur Physis, Technik und Taktik ist, sondern zu einem erklecklichen Teil auch Psychologie, zeigt das Beispiel Leicester besonders anschaulich. Jetzt sind sie gemeinsam gefangen in der Psychofalle und kommen nicht mehr raus.

Die Topstars der vergangenen Saison, die beiden für kleines Geld aus dem Niemandsland nach Leicester gekommenen Jamie Vardy, Premier-League-Torjäger des Jahres, und Riyad Mahrez, Spieler des Jahres, spielen inzwischen wieder so wie Männer, die für kleines Geld aus dem Niemandsland gekommen sind. Der ehemalige Mainzer Stürmer Shinji Okazaki wurde zuletzt noch nicht mal mehr eingewechselt, der zweite ehemalige Mainzer, Linksverteidiger Christian Fuchs, zur Halbzeit ausgewechselt, auch Robert Huth, der ehemalige deutsche Nationalspieler, befindet sich auf verzweifelter Suche nach seiner formidablen Form des Titeljahres.

Vor dem enttäuschenden Spiel in Swansea hat Ranieri seine Spieler kämpferisch als „Krieger“ bezeichnet, um sie stark zu reden, und sich selbst als „Windsurfer in einem Meer von Haien“. Immer dann, wenn er mit seinen Männern die Probleme bespreche, seien sie miteinander optimistisch, die Situation ändern zu können. Nach dem Spiel ließ der Italiener plötzlich Zweifel zu, ob er einigen „zu viele Chancen“ gegeben hätte. Die Ratlosigkeit könnte größer nicht sein, aber seine Verdienste schützen den Trainer vor der Beurlaubung. Der Spielplan erlaubt nun ein Durchatmen, am Samstag in der fünften Runde des FA-Cups beim FC Millwall, am Mittwoch darauf in Sevilla in der Champions League, in zwei Wettbewerben also, in denen Leicester sich bislang keine Blöße gegeben hat. Die nächste Aufgabe in der Premier League klingt wenig verheißungsvoll: Montag, 27. Februar: FC Liverpool.

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