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Der Schweizer Skispringer Simon Ammann gewinnt das Neujahrsspringen der 59. Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen (01.01.2011).
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Der Schweizer Skispringer Simon Ammann gewinnt das Neujahrsspringen der 59. Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen (01.01.2011).

Neujahrsspringen

Gefährliche Windlotterie

Der zweite Durchgang wird abgesagt. Im ersten Durchgang herrschen von Springer zu Springer unterschiedliche Windbedingungen. Thomas Morgenstern muss im Kampf um den Gesamtsieg der Vierschanzentournee einen herben Rückschlag hinnehmen.

Von Wolfgang Hettfleisch

Der zweite Durchgang wird abgesagt. Im ersten Durchgang herrschen von Springer zu Springer unterschiedliche Windbedingungen. Thomas Morgenstern muss im Kampf um den Gesamtsieg der Vierschanzentournee einen herben Rückschlag hinnehmen.

Nicht alle Experten nahmen Simon Ammann ernst, als der viermalige Skisprung-Olympiasieger aus der Schweiz nach einem guten, aber nicht überragenden Start in den Weltcup-Winter ankündigte, er werde die 59. Vierschanzentournee gewinnen. Nach dem Sieg des 29-Jährigen in einem denkwürdigen Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen ist aber klar: Der Siegspringer aus Toggenburg im Kanton St. Gallen ist vor den Springen in Innsbruck und Bischofshofen der einzige, der dem Österreicher Thomas Morgenstern, 14. im Neujahrsspringen, den Tourneesieg im Normalfall noch streitig machen kann.

Dass Skispringer nicht immer auf Normalität, sprich, auf reguläre Bedingungen setzen können, zeigte die zweite Station der Tournee auf bedenkliche Weise. Bei wechselnden Winden hatten viele Springer auf der Olympiaschanze am Partenkirchener Gudiberg irreguläre Bedingungen. Der durch windbedingte Unterbrechungen in die Länge gezogene Wettkampf musste nach dem ersten Durchgang beendet werden. Offizieller Grund: die hereinbrechende Dunkelheit.

Zuvor war der junge Finne Ville Larinto bei der Landung nach einem Riesensatz über 140,5 Meter gestürzt. Er zog sich einen Kreuzbandriss zu; für den 20-Jährigen, der am 1. Dezember in Kuopio seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hatte, ist die Saison damit beendet. Tournee-Titelverteidiger und Mitfavorit Andreas Kofler aus Österreich vermied nur mit größter Mühe einen Absturz, als sein V-System zu kollabieren drohte. Seine Siegchance ist er los.

Mit dem deutschen Routinier Martin Schmitt hatte es der Zufall bei diesem fragwürdigen Wettkampf gut gemeint. Der Schwarzwälder segelte bei Sonnenschein und Aufwind auf 134,5 Meter. Es sollte die größte gestandene Weite des Tages bleiben, bedeutete aber – die Windregel macht’s möglich – nicht den Sprung aufs Treppchen sondern Platz sieben. Es blieb die einzige Top-Ten-Platzierung fürs Team des Deutschen Skiverbands. Doch das Klassement war an einem Tag, an dem sich der Thüringer Stephan Hocke auf Rang 13 vor den nach wie vor die Tourneewertung anführenden Morgenstern zu schieben vermochte, rein sportlich nichts wert. Morgensterns knapper Kommentar nach seinem 124-Meter-Sprung, er sei „stolz, dass es nicht schlimmer war“, sagt eigentlich alles.

Die Jury hätte den Wettkampf abbrechen müssen – sagen die verärgerten Österreicher

Sieger Ammann und der drittplatzierte Adam Malysz hielten die Bedingungen zwar für schwierig, aber nicht für irregulär. „Manchmal hat man Glück, manchmal Pech“, erklärte der 33-jährige polnische Star aus Wisla, der die Tournee vor zehn Jahren gewann, lapidar. Es sei aber „zu keiner Zeit gefährlich gewesen“. Das sah man im Lager des Österreichischen Skiverbands ganz anders. „Gott sei Dank haben wir keine Verletzten“, grummelte ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner, nach dessen Überzeugung das Kampfgericht den Wettbewerb hätte abbrechen müssen.

„Heute hat man den Bogen überspannt“, fand Pointner, der schon grimmig dreingeschaut hatte, als er den 26-jährigen Kofler in die Anlaufspur geschickt hatte. Da stand das Neujahrsspringen kurz vor einem Drama: Der Titelverteidiger aus dem Stubaital wurde nach dem Absprung von einer seitlichen Windbö erwischt und vermochte nur mit großem akrobatischen Geschick sein Flugsystem so weit zu stabilisieren, dass er einen Sturz aus großer Höhe vermied. Der angehende Beamte der österreichischen Bundespolizei schaffte es irgendwie zu landen, die überkreuzten Ski parallel auszurichten und auf den langen Latten unbeschädigt abzuschwingen.

Simon Ammann scherte sich nicht weiter um die Probleme der Konkurrenz. Der Schweizer kostete seinen Sieg nach einem „sehr speziellen und wirklich langen Wettbewerb“ aus und nutzte die Gelegenheit zur nächsten Kampfansage: „Heute ging es darum, den Vorsprung von Thomas Morgenstern zu verringern. Ich habe immer noch das Ziel, die Tournee zu gewinnen. Dem bin ich einen Schritt nähergekommen.“

Der Doppelolympiasieger von Vancouver hatte bei seinem Siegsprung auf 131 Meter selbst alles andere als gute Bedingungen, was sich in entsprechenden Pluspunkten niederschlug. „Eine Herausforderung bis ans Limit“ sei das Neujahrsspringen gewesen, urteilte auch Ammann und ließ durchblicken, dass jene sie am besten meisterten, die mit etwas weniger Herz und etwas mehr Hirn gesprungen waren. „Man musste den eigenen Siegeswillen ein bisschen herunterfahren und auf eine ganz saubere Technik achten“, schilderte der Schweizer sein Erfolgsrezept von Garmisch-Partenkirchen. Das war natürlich auch eine kleine Spitze gegen die im Neujahrsspringen leicht ins Trudeln geratene Flugformation aus Österreich, für deren Arbeit er sonst nur lobende Worte findet.

Ammann ist nun der einzige verbliebene Herausforderer von Thomas Morgenstern, nachdem auch die Chancen des Finnen Matti Hautamäki vom Winde verweht wurden. Der Zweite von Oberstdorf landete mit einem Sprung auf 122 Meter auf Platz 31 und hat als Gesamtdritter schon einen riesigen Rückstand auf den Kärntner. Zwar liegt auch Ammann 13,5 Punkte hinter Morgenstern, doch nach Oberstdorf waren es noch 30 gewesen. Und wenn der Toggenburger entspannt berichtet, dass dies ein perfekter Start ins neue Jahr gewesen sei und bei ihm „innendrin was leuchtet“, sollten bei jedem Widersacher die Alarmlampen angehen.

Die Pokerrunde im Schweizer Team in der Silvesternacht hatte Simon Ammann verloren. Nun steht eine neue an – ganz ohne Spielkarten. Die Qualifikation am Sonntag in Innsbruck ließ Ammann ebenso wie Morgenstern aus. Schon vor der Abreise aus Garmisch hatte er mit einem breiten Grinsen angekündigt: „Vielleicht mache ich ein bisschen frei.“

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