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Gedämmter Jubel in der Stadt der Angst

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Von: Felix Lill

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Starten für Honkong: Adrian Yung Hau-tsuen, Audrey Alice King, und Trainer Marco Rudic bei einer virtuellen Pressekonferenz.
Starten für Honkong: Adrian Yung Hau-tsuen, Audrey Alice King, und Trainer Marco Rudic bei einer virtuellen Pressekonferenz. © imago images/ZUMA Wire

Bei Olympia spielt die Hongkonger Delegation eine eigentümliche Rolle. Kritik am chinesischen Ein-Parteiensystem wird bestraft. Das spürt man sogar in der Sportszene Hongkongs.

Kurz vor Beginn der Spiele von Peking gab Adrian Yung Hau-tsuen ein harmloses Interview. „Es fühlt sich surreal an, dass ich das jetzt schon geschafft habe“, schwärmte der 17-jährige Slalomfahrer. Zumal er quasi zu einer Erfolgsgeneration gehört: „Und dass wir so viele sind, ist natürlich das Sahnehäubchen!“ Mit drei Athleten hat Hongkong so viele Athletinnen und Athleten zu den Winterspielen entsandt wie noch nie. Dem Hongkonger Lifestylemagazin „Tatler“ gestand Yung dann noch seine Gefühle: „Es ist mir die größte Ehre, mein Heimatland zu vertreten.“

Oder war das doch nicht so harmlos? Hongkong, die Sieben-Millionenmetropole an der chinesischen Südküste, hat zwar als Relikt der Kolonialvergangenheit sein eigenes Nationales Olympisches Komitee (NOK). Nach 99 Jahren britischer Herrschaft zählt Hongkong aber seit 1997 offiziell wieder zu China. Und auch wenn den Menschen für zumindest 50 Jahre der Schutz weitgehender Autonomie inklusive Presse- und Meinungsfreiheit zugesichert wurde, ist dieser Tage nicht mehr klar, was man überhaupt noch sagen darf.

Im Sommer 2020 wurde auf Initiative Pekings das Nationale Sicherheitsgesetz verabschiedet, mit dem Kritik am chinesischen Ein-Parteiensystem praktisch illegal geworden ist und mit langen Gefängnisstrafen belegt werden kann. Im Zuge riesiger Demonstrationen gegen das Gesetz wurden unbequeme Stimmen nach und nach aus dem Weg geräumt. Studentenführer, die die Demokratie oder gar die Unabhängigkeit forderten, kamen ins Gefängnis. Kritische Zeitungen mussten schließen. Das Stadtparlament hat seine demokratische Fraktion verloren. Eine Statue, die daran erinnerte, wie die Kommunistische Partei Chinas Proteste niedergeschlagen hat, wurden abgebaut.

Ob der Satz des Slalomfahrers Adrian Yung Hau-tsuen, in dem er Hongkong als Land bezeichnet, noch unangenehme Folgen haben wird, ist bisher ungewiss. Gut möglich aber, dass sich der junge Mann nach dem Interview auf die Zunge gebissen hat. Sollte er am Mittwoch überraschend erfolgreich abschneiden, sich dann die Kameras auf ihn richten, wird er womöglich auch von Medien aus Festlandchina gefragt, wie er es mit Hongkong hält.

Denn wer Hongkong als Land bezeichnet, scheint die Zugehörigkeit zu Festlandchina infrage zu stellen. Olympische Spiele haben eigentlich die Eigenart, dass Patriotismus, sogar Nationalismus, plötzlich überall auf der Welt offen gelebt werden kann. Schließlich ist Olympia auch ein Wettstreit der Nationen. Im Fall von Hongkong aber ist dies spätestens seit vergangenem Sommer eine äußerst heikle Angelegenheit.

Als bei den Olympischen Spielen von Tokio der Fechter Edgar Cheung die erste Hongkonger Goldmedaille seit 1996 und die zweite überhaupt gewonnen hatte, war es für einige jedenfalls zu viel Patriotismus. „We love Hong Kong“, hatte das begeisterte Publikum bei einem Public-Viewing-Event in einer Shoppingmall gerufen. Bei der Medaillenzeremonie lief dann zur gehissten Hongkonger Flagge die Nationalhymne Chinas. Ein Mann, der daraufhin gebuht hatte, wurde kurze Zeit später festgenommen.

Was würde – und was dürfte – jetzt passieren, sofern Hongkong auch in Peking Erfolge zu feiern hat? „Für die meisten Wintersportarten ist das Klima in Hongkong zu warm. Es ist also nicht so wahrscheinlich“, sagt Valarie Tan, die einst China-Korrespondentin war und jetzt beim Mercator Institute for China Studies in Berlin arbeitet. „Falls ein Athlet trotzdem gut abschneidet, würden die Menschen schon jubeln und ihn unterstützen. Aber sie wären jetzt wohl deutlich vorsichtiger.“

Das von China stets für Hongkong betonte Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“, laut dem Hongkong also seine Autonomie wahren darf, gelte nicht mehr. „Das haben die Menschen verstanden.“ Die Internationale Journalisten-Förderation berichtete Mitte Februar, dass sich die „einst offene Stadt“ binnen kurzer Zeit in eine „Stadt der Angst“ entwickelt habe. Es ist eine Bezeichnung, die nicht übertrieben scheint.

Als das Nationale Sicherheitsgesetz im Sommer 2020 verabschiedet wurde, war es noch kein Problem, Menschen für Interviews zu gewinnen. Befragt man aber heute Personen aus Hongkong, ob und wie sie die heimischen Athletinnen und Athleten bei Olympia unterstützen, ist das schon zu heikel. „Ich möchte erstmal lieber nichts öffentlich sagen“, antwortet einer, der vor einem Jahr noch offen die chinesische Regierung kritisierte. Und ein anderer: „Ich kann ganz bestimmt nicht sprechen.“ Auch das Hongkonger NOK hat auf eine Anfrage, ob diese Spiele in Peking irgendwie besondere seien, nicht reagiert.

„Alles ist heutzutage politisiert“, so Valarie Tan. Auch der Sport, der ja offiziell reklamiert, unpolitisch zu sein. Als Hongkong im vergangenen Jahr seinen großen Marathon veranstaltete, wurden Läufer, die auf ihrer Kleidung Slogans trugen, die mit der Demokratiebewegung in Verbindung gebracht wurden, von der Polizei verfolgt. Bei den Sommerspielen von Tokio bekam ein Badmintonspieler Probleme, weil er ein schwarzes Trikot getragen hatte. Auch dies sehen einige als Symbol derer, die Demokratie wollen.

Nach und nach wird es solche Vorfälle nicht mehr geben, erwartet Shin Kawashima, Professor für internationale Politik und Experte für China an der Universität Tokio. Über das Sicherheitsgesetz werde die Gesellschaft gemanagt. „Das betrifft sogar die Sportler. Wenn da jemand die dominante Ideologie in China nicht mag, wird er nicht nominiert. Auch die sportliche Selektion hat jetzt also mit Ideologie zu tun.“ Und wenn Chinas Staatschef Xi Jinping von seinem „chinesischen Traum“ spreche, schließe er stets auch Taiwan, Hongkong und die Auslandschinesen ein. „Er geht davon aus, dass Hongkong irgendwann keinen Sonderstatus mehr haben wird.“

So kann man sich fragen, wozu Hongkong überhaupt noch ein eigenes olympisches Komitee braucht. „Was die Sportorganisation betrifft, geht es auch um Geld und Einfluss“, so Kawashima. „Mit Hongkong hat China im IOC zwei Stimmen statt nur einer.“ Valarie Tan dagegen erwartet: „Einiges deutet darauf hin, dass Hongkonger Athleten früher oder später gezwungen werden, für China anzutreten.“ Nur sei es bei der heutigen Sportlergeneration wahrscheinlich, dass viele dann lieber auswandern würden. „Deswegen vermeidet man das wohl erstmal und wartet eine Generation ab.“

Das IOC sagt auf Anfrage, ob die Existenz des Hongkonger Komitees zur Debatte steht: „Es gibt keinen Plan, den Status des NOK von Hongkong, China, zu diskutieren, da es als solches vom IOC anerkannt ist.“ Wobei, sofern man in Hongkong schon mit dem Jubeln vorsichtig wird, irgendwann vielleicht auch dies infrage gestellt werden könnte.

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