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Ironman-Sieger: Jan Frodeno.

Triathlon in Frankfurt

Jan Frodeno über den Ironman: „Ganz neue Grenzen“

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Sieger Jan Frodeno über seinen Europameistertitel beim Ironman in Frankfurt, eine quälende letzte Runde und die Vorbereitung für Hawaii.

Über den Dächern von Frankfurt strampelt sich Jan Frodeno am Tag nach seinem Triumph beim Ironman in 7:56:02 Stunden die müden Muskeln wieder locker. Am Montagmorgen tritt der gebürtige Kölner 45 Minuten lang schon wieder 220 Watt in die Pedale. Normalerweise schwimmt der 37-Jährige zwei Kilometer nach einem Wettkampf. „Aktiv regenerieren ist immer besser als passiv“, sagt der Triathlon-Europameister über 3,86 Kilometer Schwimmen, 185,5 Kilometer Radfahren und einen Marathon über 42,195 Kilometer. Bei einem Sponsorentermin im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen lässt Jan Frodeno den Wettkampf in der Mainmetropole noch mal Revue passieren und spricht dabei ...

… über das vermeintlich perfekte Rennen: Das ist mir das erste Mal 2008 in Peking aufgefallen. Da hieß es im Kommentar: Das macht er ganz clever. Da war überhaupt nix clever. Das war Instinkt. So war es am Sonntag auch, wo es ohne Glück auch ganz anders hätte ausgehen können. Mit der kurzen Ausfahrt ins Gebüsch, mit der Scherbe, die Sebastian (Kienle, Anm. d. Red.) im Fuß hatte. Die hätte auch ich im Fuß haben können. Es ist kein 100-Meter-Lauf, wo alles perfekt auf die Sekunde sitzen muss, sondern man mit Höhen und Tiefen umgehen muss. Wenn man in der letzten Runde des Marathons fünf, sechs Minuten auf seine Tempozeit liegenlässt, dann ist auf jeden Fall irgendwas schiefgegangen. Aber sonst wäre es mir vielleicht auch wie Sarah (True, die einen Kilometer vor dem Ziel zusammenbrach, Anm. d. Red.) ergangen.

... über Gedanken auf der Schlussrunde:  Alleine, wenn da schon einer steht und du siehst die eiskalte Mineralwasserflasche, die er in der Hand hält. Und im Gegensatz dazu gibt dir irgendein hübsches Mädel eine warme, verdünnte Energydrink-Plörre. Dann denkst du: Das ist doch jetzt eine doppelte Qual. Die Versuchung, das Mineralwasser anzunehmen ist relativ hoch, auch wenn das die direkte Disqualifikation bedeuten würde – insbesondere wenn das ein Bekannter ist. Deswegen habe ich mir an den letzten Verpflegungsstationen noch mal extra viel Zeit genommen, um richtig runterzukühlen und Eis aufzunehmen, weil Zweifel aufkamen, ob ich den Römer überhaupt erreiche.

… über den Lerneffekt in jedem Wettkampf:  Solche Hitzerennen zeigen immer ganz neue Grenzen auf. Diese letzte Runde, die war so furchtbar. Einen Kilometer davor habe ich mir gedacht: Wie schön wäre es jetzt, rechts abzubiegen. Da würde sich auch keiner beschweren, wenn wir das hier und jetzt beenden würden (lacht). Der Felix (Rüdiger, Frodenos Manager, Anm. d. Red.) hat mir etwas in meine Brille einlasern lassen. Da steht: Because I can. Das ist ein Filmzitat, das mein inneres Sprichwort geworden ist. Ich leide ja auch nicht überdurchschnittlich gerne. Es macht mir unheimlich viel Spaß und irgendwie kann ich mich durchbeißen. Der Spruch war meine Motivation auf den letzten beiden Runden.

... über das Favoritendasein und die Lust am Ironman:  Das Schöne ist, dass der Körper keine Maschine ist. Auch wenn es von Außen kühl und berechnend aussieht, hinter den Kulissen ist es ein krasses Auf und Ab mit allem drum und dran. Und in der letzten Woche geht grundsätzlich immer noch etwas schief. Aber alle sagen: Wenn der Jan dabei ist, dann läuft das schon. So ist es aber nicht und das macht es so spannend und so reizvoll nach so vielen Jahren. Immer wieder mit dieser Ungewissheit loszuziehen, mit Schmetterlingen im Bauch, die mir sagen: Das ist ein richtiges Abenteuer.

... über den Zeitplan bis zum Ironman Hawaii:  Die nächsten Tage werden etwas entspannter. Dann habe ich mir taktisch ein Rennen in sechs Wochen ausgesucht, eine Mitteldistanz, wo auch meine Trainingspartner starten. Da muss ich wieder in den Rhythmus kommen. Mir ist es schon passiert, dass ich meine Pause verschleppt habe und dann die Kurve auf Hawaii nicht bekommen habe. Es ist ein Spagat. Man muss den Kopf frei und Lust aufs Training haben. Die mentale Herausforderung ist riesig. In Hawaii sind wir dann ungefähr fünf Wochen vor dem Event, um uns auf die nochmal unangenehmeren Bedingungen – wegen der hohen Luftfeuchte – vorzubereiten.

... über Perfektionismus:  Lustigerweise läuft es besser, wenn ich es weniger bin. Im Rennen am Sonntag hatte ich echt viele Zweifel, weil es so entspannt war, wir Spaß im Training hatten und die Trainingsrunde noch nicht gehasst habe. Ich werde auch in Hawaii versuchen, das Rennen etwas lockerer anzugehen und nicht jeden Kilometer messen, sondern teilweise auch auf das inzwischen ganz gute Gefühl zu vertrauen.

... über Amateursportler: Die haben einen Vollzeitjob und sind eineinhalb Mal oder doppelt so lange unterwegs – bei der Hitze. Das sind auch Helden. Wenn man da mit zwei Sekunden anhalten und mit einem Selfie eine Motivation auf den Weg mitgeben kann, ist das ein Privileg. Ich war auch schon bei Autogrammstunden, wo nur sechs Leute waren. Die Zeiten haben sich geändert, aber ich habe sie nicht vergessen.

Aufgezeichnet: Timur Tinç

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