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Joachim Löw: "Ich bin, wie ich bin, auch wenn ich dann nicht der bin, den sie vielleicht gern wollen."

Joachim Löw

Fußballversteher und Bundesvorwärtstrainer

Joachim Löw will sich als Mensch nicht verbiegen, freut sich wahnsinnig auf die EM und reagiert mit verblüffender Gelassenheit auf den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit.

Von Jan Christian Müller

Es kommt nur noch ganz selten vor, dass sich Joachim Löw bei der Arbeit zuschauen lässt. Früher, unter Vogts und Völler, gab es für die Aussperrung von Berichterstattern im Gegenzug eine schlechte Presse. Aber seit Joachim Löw Bundestrainer ist, hat das aufgehört. Der Respekt vor der Kompetenz und kommunikativen Kraft des Fußballlehrers hat den Medienprotest gegen Übungseinheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit erstickt.

Tempo ist alles

Nur noch sehr selten sieht man daher einen bestimmt nicht uneitlen Lehrer frisch frisiert in roter Trainingsjacke, schwarzer, fast knielanger Hose und roten, bis zu den Knien hochgezogenen Stutzen bei der Basisarbeit mit den besten Fußballspielern der Nation. Zwei Jahre lang hat Joachim Löw als Jürgen Klinsmanns Schattenmann das Abwehrverhalten geübt. Nie zuvor hatte Defensivtraining in Deutschland so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Doktor Löw hat die Achillesferse des deutschen Spiels vor der WM 2006 im eigenen Land nicht nur notdürftig verarztet, sondern gleich noch erfolgreich therapiert.

Aber das war nur der erste Schritt. Die Arbeit mit der Defensive überlässt der Chef inzwischen seinem braven Adjutanten Hans-Dieter Flick. Die Lauf- und Passwege aus dem Mittelfeld in die Spitze stehen regelmäßig auf dem Übungsprogramm, das Löw höchstpersönlich verordnet. Patsch, patsch, patsch - schnell soll es gehen, sehr, sehr schnell. Denn der angestrebte Hochgeschwindigkeitsfußball fordert Handlungsschnelligkeit.

Einmal ist der Mann mit den dichten dunklen Haaren unzufrieden. Löw schnappt sich den Ball, seine Körpersprache fordert unmissverständlich, was er im Idiom seiner Heimat "högschde Konzentration" zu nennen pflegt. Er rennt von halblinks in den Strafraum hinein, bleibt dann abrupt stehen und fuchtelt mit beiden Armen wie ein Dirigent vor seinem Orchester. Danach machen die Spieler alles richtig.

Die Bälle kommen flach und gestochen scharf von Ballack und Schweinsteiger und Borowski auf Kuranyi und Klose und Gomez, die direkt prallen lassen. Löw ruft dann manchmal laut "jaaa". Ein harter, präziser Pass ist für den Fußball-Intellektuellen aus Südbaden ein persönlicher Glücksmoment.

Und von draußen kann man sehen: Joachim Löw ist kein Magier, obwohl seine Spieler mitunter schon zauberhaften Fußball spielen. Er ist ein Missionar. Einer, der seine Mission furchtbar ernst nimmt und der doch vor der größten Aufgabe seiner Karriere erstaunlich locker bleibt. "Ich habe mich 2006 schon genauso in der Verantwortung gefühlt wie jetzt", sagt er lächelnd, "das ist also jetzt nicht etwas ganz Neues für mich."

Den Druck der eigenen Erwartungen und jenen, den eine ganze Nation zusätzlich schürt, leitet der 47-Jährige um: "Ich freue mich wahnsinnig. Ich habe ein halbes Jahr darauf gewartet, wieder den Luxus zu erleben, konzentriert mit der Mannschaft zu arbeiten." Der eloquente Innenverteidiger Christoph Metzelder kürt den Vorgesetzten gar zum "Architekten unserer Spielphilosophie". Das ist wahrscheinlich das größte Lob. Aber es ist nicht übertrieben. Der Chef dankt es mit unerschütterlicher Treue.

Löw, der Mahner

In Fußballfachfragen hat sich Löw Vorsprung durch Wissen erarbeitet. Er wird nicht müde, die Altvorderen mit neuen Erkenntnissen zu behelligen. "Was die Persönlichkeitsentwicklung betrifft, stecken wir im deutschen Fußball leider noch in den Kinderschuhen", wiederholt er gebetsmühlenartig. Er sieht "Nachholbedarf im taktischen Bereich", fordert bei "hoher Passqualität" zum "vertikalen Spiel" auf, was im Fußballsprech vorwärts in Richtung gegnerisches Tor bedeutet, und empfiehlt zum Verdruss vieler Bundesliga-Kollegen "Spezialtrainer für Offensive, Defensive, Standards und Sprints".

Der Älteste von vier Söhnen eines Ofensetzermeisters aus dem badischen Schönau, Mittlere Reife, Ausbildung zum Großhandelskaufmann in Freiburg, war seinerzeit ein klein wenig zu langsam für eine hoffnungsvolle Bundesligakarriere. Vielleicht, weil die Liverpooler Torwartlegende Ray Clemence in einem Saisonvorbereitungsspiel des VfB Stuttgart dem gerade 20-Jährigen das Schienbein zerschmetterte. Fast ein Jahr lang kam er nicht wieder in die Spur. Obwohl er just in besagtem Testspiel zum ersten Mal Schienbeinschoner trug. Die waren damals noch nicht Pflicht. Später, als er für Karlsruhe und Freiburg in der zweiten Liga spielte, rollte der Jogi die Stutzen meist wieder runter bis auf die Knöchel. Er fiel auf so ohne Schutz, auch weil sein Stil grazil war und er viele Tore schoss. Der Fußball-Versteher konnte das Spiel schon immer besser lesen als andere.

Seit er Bundestrainer ist, hat Löw schon öfters seine beiden Mobilfunknummern gewechselt. "Das war notwendig. Ich musste lernen: Wann ist es nötig, vom Fußball abzuschalten? Ich will kein Gefangener sein." Er gehört jetzt zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Republik. "Anfangs habe ich gedacht, eine ganze Welt stürzt auf mich ein." Beim Frankfurter Sportpresseball im Spätherbst wirkte es, als mokiere sich Löw über sich selbst, wie er da auf dem roten Teppich stand und das Zweikampfverhalten der Fotoreporter beobachtete.

Der Preis der Prominenz

Selbst wenn die Zeit knapp ist, wirkt dieser Mann nie gehetzt. Es sei denn, er sitzt in seiner DFB-Limousine und drückt aufs Tempo. Zweimal war der Führerschein schon weg, zuletzt während der WM 2006. Der Handlungsreisende in Sachen Spitzenfußball braucht die Fahrerlaubnis mittlerweile mehr denn je. Die zunächst lieb gewonnenen Zugfahrten von seinem Wohnort Freiburg in die Frankfurter Zentrale des DFB sind ihm zu Gräueltouren geworden. Erst recht, nachdem neulich im Zugrestaurant ein Junggesellenabschied unter unfreiwilliger Beteiligung des Bundestrainers gefeiert wurde.

"Der Jogi ist derselbe geblieben, aber er kann nicht mehr dasselbe Leben führen", sagt sein Berater Roland Eitel. Zweimal schon wurde der Bundestrainer im Urlaub an der sardischen Ostküste von Paparazzi aufgespürt. "Wenn jemand bei Freunden in den Garten steigt, dann ist das kein angenehmes Gefühl", sagt Löw, dessen Frau Daniela sich der öffentlichen Neugier entzieht und dezent im Hintergrund bleibt. Löw nimmt die Nachstellungen hin, verzichtet auf anwaltliche Hilfe zum Schutz seiner Privatsphäre, denn es gibt Kompensation: "Ich merke, dass das Amt des Bundestrainers mich mit sehr viel Stolz erfüllt."

"Freiburg ist mein L.A."

Vier bis fünf Tage Ruhe hat sich Löw nach Länderspielen daheim gegönnt. Yoga, Joggen, Mountainbike-Touren und das Kicken mit alten Kumpels gehören dann zum Alltag. So wie der Griff zu den Marlboro Lights, von denen er trotz wiederholter Versuche bislang nicht lassen kann, und zum Espresso, der ihm an der Flughafenbar in Stuttgart schon unaufgefordert hingestellt wird. Löw genießt seine Rückzugsräume. "In Freiburg kennt man mich seit fast 20 Jahren. Ich kann mich dort relaxt bewegen." So wie Jürgen Klinsmann in den USA: "Freiburg ist mein L.A."

Der Genussmensch kann sich zielgerichtet in Askese üben. Den Freiburger Halbmarathon 2005 brachte er in etwas mehr als zwei Stunden hinter sich und war stolz, "dass ich ins Ziel gekommen bin, denn nach 16, 17 Kilometern bin ich in ein tiefes Loch gefallen". Dass sich mit Willenskraft Berge erklimmen lassen, hat der Bundesvorwärtstrainer beim Besteigen des Kilimandscharo selbst erlebt: "Dort bin ich physisch und psychisch an meine Grenzen geraten, aber ich habe sie überwinden können." Die Erfahrung aus dem Laborversuch am eigenen Körper auf dem höchsten Berg Afrikas hat Joachim Löw mit Überzeugungskraft in die Nationalmannschaft hineingetragen.

Blick fürs Detail

Die Basis aber bilden sein profundes, vom Schweizer Chefscout Urs Siegenthaler unentwegt genährtes Fachwissen und sein Blick fürs Detail: "Ich schaue mir das letzte Spiel in der Regel noch einmal auf DVD an, aber nicht in einem Stück. Ich stoppe immer wieder, lasse Szenen zurücklaufen, mache mir Gedanken, was man auf welche Weise in unserem Spiel verändern könnte - und schreibe es auf." Dass er sich darüber hinaus regelmäßig in den Stadien blicken lässt und im Vip-Bereich auch für die Funktionäre der zweiten Reihe immer ein nettes Wort übrig hat, wird in der Bundesliga sehr wohl registriert.

Löws Credo lautet: Nicht verzetteln, zielgerichtet arbeiten! Die allermeisten der wöchentlich eingehenden Anfragen für Führungskräfte-Seminare lehnt er deshalb ab; trotz horrender Honorarangebote von oft mehreren zehntausend Euro. Er sagt, niemand müsse befürchten, dass er die Bodenhaftung verliere: "Dafür habe ich zu viele Höhen und Tiefen innerhalb kürzester Zeit erlebt." Zwei Höhen fehlen noch: Der EM-Titel 2008 und eine Bergtour im Himalaja. Irgendwann, wenn in Deutschland schnell genug vertikal Fußball gespielt wird.

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