1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

Fußball zwischen Geld und Geduld

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Im Fokus: Sportdirektor Ralf Rangnick.
Im Fokus: Sportdirektor Ralf Rangnick. © imago/Picture Point LE

Ohne Ralf Rangnick würde RB Leipzig an diesem Wochenende wohl nicht in der Bundesliga spielen.

Von Tobias Schächter

Ohne Ralf Rangnick würde die TSG Hoffenheim diesen Sonntag nicht in ihre neunte Bundesligasaison starten. Und es ist auch nicht gewagt zu konstatieren: Ohne Ralf Rangnick würde Hoffenheims Gegner RB Leipzig an diesem Wochenende nicht in Deutschlands Eliteliga debütieren. Auf beiden Stationen hat Rangnick bewiesen, mit viel Geld viel bewirken zu können: in Baden mit den Millionen des Milliardärs und SAP-Mitgründers Dietmar Hopp, in Leipzig mit den Abermillionen des Red-Bull-Mitgründers Dietrich Mateschitz.

Aber in Hoffenheim folgte nach dem Durchmarsch von der dritten Liga bis zur Herbstmeisterschaft in der Bundesliga 2008 ein langer Streit um die künftige Ausrichtung des Klubs: Rangnick wollte Hoffenheim so schnell wie möglich in den Europapokalrängen etablieren, Mäzen und Gesellschafter Hopp nach Anschub-Investitionen im mittleren dreistelligen Millionenbereich nicht die ewige Melkkuh geben. Das Zerwürfnis gipfelte schließlich in der Trennung von Rangnick in den turbulenten Tagen des Jahreswechsels 2010/2011.

Konkreter Anlass war damals der Transfer von Luiz Gustavo von Hoffenheim zum FC Bayern München. Ohne Rangnick zu informieren, verhandelten Hopp und der damalige TSG-Manager Ernst Tanner über einen Wechsel. Als Rangnick das mitbekam, fasste er das als Vertrauensbruch auf, unschöne E-Mails wurden zwischen hin und her gesendet, die Trennung schließlich im Januar 2011 vollzogen. Hopp erklärte sein Vorgehen damals so: „Rangnick hätte wohl leidenschaftlich versucht, den Verkauf zu verhindern.“ Für den Trainer stand die sportliche Substanz der Mannschaft auf der Prioritätenliste ganz oben, Hopp wollte schon damals, dass sich der Klub endlich aus sich selbst finanziert.

Ein machtbewusster Trainer

Aus diesem Grund war es ein halbes Jahr vorher zum Rücktritt von Manager Jan Schindelmeiser gekommen, der 2006 zusammen mit Rangnick angetreten war und zuletzt nach sechs Jahren Pause wieder beim VfB Stuttgart eine Anstellung fand. Nach einigen teuren Transferflops mit Namen wie Zuculini, Maicosuel oder Wellington war Schindelmeiser auch bei seinem Förderer Hopp immer stärker in die Kritik geraten. Das Verhältnis Schindelmeiser-Rangnick war ohnehin beschädigt, nachdem Hopp den Manager zum Geschäftsführer befördert hatte. Plötzlich war Schindelmeiser formell Rangnicks Vorgesetzter – ein Affront für den machtbewussten Trainer und ersten Macher des Hoffenheimer Aufstiegs.

Nach Schindelmeisters Demission verlängerte Rangnick zwar seinen Vertrag, aber im Januar 2011 waren die grundsätzlichen Dissonanzen nicht mehr zu kitten. Der raketenhafte Aufstieg zum Herbstmeister 2008 weckten damals auch bei den sportlichen Machern zu große Erwartungen. Rangnicks Ungeduld und Hopps Streben nach finanzieller Eigenständigkeit des Klubs harmonierten nicht mehr, mittlerweile haben sich die beiden längst wieder ausgesprochen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie geduldig der Manager Rangnick die Geschäfte in Leipzig führen wird. Zuletzt hatte er dort noch einmal das Traineramt übernommen, um endlich der zweiten Liga zu entkommen.

Hoffenheims seit dreieinhalb Jahren amtierender Manager Alexander Rosen operiert mittlerweile mit einem durchschnittlichen Personalbudget von rund 35 Millionen Euro. Das Besondere in Hoffenheim bleibt die horrende Anschubfinanzierung Hopps, der den Klub auch mit hohem Eigenkapital ausstattete. Nach turbulenten Jahren nach dem Rangnick-Aus finanziert sich die TSG seit zwei Spielzeiten tatsächlich ohne externe Finanzspritzen – auch durch die millionenschweren Transfers von Roberto Firmino nach Liverpool (41 Millionen Euro) und zuletzt Kevin Volland zu Leverkusen (rund 20 Millionen). Und in Niklas Süle, Jeremy Toljan, Philipp Ochs oder Nadiem Amiri verfügt die TSG über selbst ausgebildete junge Spieler, die bei einem Wechsel große Gewinne versprechen.

In Leipzig verpflichtete Rangnick auf allen Ebenen immer wieder Personal aus Hoffenheim. Bei den Sportlern gelang ihm das zuletzt nicht: Volland wechselte lieber nach Leverkusen, Süle oder Ochs blieben in Hoffenheim. Und der Trainer, den Rangnick als Ausbilder zu RB locken wollte, wird am Sonntag als Cheftrainer der TSG versuchen, Leipzig den Bundesligastart zu vermiesen: Julian Nagelsmann, 29, ist noch immer der jüngste Bundesligatrainer aller Zeiten und der größte Hoffenheimer Hoffnungsträger für die neue Saison.

Auch interessant

Kommentare